Holocaust-Forscher Raul Hilberg Tod eines Tiefberührbaren

Er galt als einer der wichtigsten Historiker bei der Aufarbeitung des Holocaust: Raul Hilberg, Autor des international bekannten Standardwerks "Die Vernichtung der europäischen Juden" ist im Alter von 81 Jahren in den USA einem Krebsleiden erlegen.


New York/Frankfurt am Main - Hilberg, emeritierter Professor der Universität von Vermont, wurde mit seinem dreibändigen Forschungswerk "Die Vernichtung der europäischen Juden" bekannt. Es gilt als eines der wenigen Standardwerke über den Holocaust - Hilberg selbst als einer der wichtigsten Historiker bei der Aufarbeitung der NS-Zeit. "Nach der Lektüre von Hilbergs überwältigender Monografie, die sich vor allem auf Dokumente und Zeugenaussagen stützt, kennt der Leser die furchtbare Vergangenheit von Grund auf", schrieb "Die Zeit" bei Erscheinen der deutschen Taschenbuchausgabe im Jahr 1990.

Raul Hilberg wurde am 2. Juni 1926 in Wien geboren. 1939 flüchteten seine Eltern mit ihm vor dem nationalsozialistischen Terror in die USA, wo er in New York politische Geschichte studierte. 1945, kurz vor Kriegsende, kam Hilberg als amerikanischer Soldat nach Deutschland und entdeckte in München die in Kisten verpackte Privatbibliothek Hitlers. Dies markierte den Anfang seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, über den er viele Bücher veröffentlichte. Dazu gehören "Täter, Opfer, Zuschauer" (1992), seine Autobiografie "Unerbetene Erinnerung" (1994) und die Studie "Die Quellen des Holocaust" (2002). "Als die Nürnberger Prozesse vorbei waren und ein paar Leute schuldig gesprochen, wollte niemand mehr darüber reden", sagte Hilberg einmal. "Aber ich war getrieben von dem Wunsch zu wissen, was passiert ist."

"Blitzgescheit, diskussionsfreudig, tief berührbar"

"Die Vernichtung der europäischen Juden" erschien erst 1982 auf deutsch. "Hilberg, der ein schroffes Temperament hat und alles andere als ein geborener Diplomat ist, wurde bis in die achtziger Jahre hinein die Hochachtung für seine enorme Leistung vorenthalten, den Vernichtungsprozeß nüchtern und abseits moralischer Wertungen durchleuchtet zu haben", schrieb die "Welt" zu Hilbergs achtzigstem Geburtstag. Den "dreißigjährigen Krieg" nennt Hilberg diese Zeit in seinen Memoiren selbst. "Man meinte entweder, man wisse schon alles über den Holocaust, oder dass solche Bücher nicht zu verkaufen seien", sagte Raul Hilberg im letzten Jahr auf einer Konferenz in Berlin.

In einer Zeit, in der sich Erinnerungskultur häufig genug auf "Gedenken ohne Wissen, auf historisch entleerte Pietät oder sogar auf unterhaltsames Grauen verkürze", träten in der Erinnerung an Raul Hilberg drei Züge besonders hervor, so der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Volkard Knigge zu SPIEGEL ONLINE: "Der zäh und beharrlich die Quellen zur Shoa aufspürende und entziffernde Historiker, der auf Missachtung und Gegenwind vielfältiger Art pfiff; der über viele Jahre allein gelassene und einsam arbeiten müssende Historiker, der um der empirisch nachweisbaren historischen Wahrheit Willen bewusst an einer (akademischen) Karriere vorbei gearbeitet hat; und der blitzgescheite, diskussionsfreudige, tief berührbare Historiker, von dem man jenseits aller Klischees lernen konnte, was es tatsächlich heißt, um einer unteilbaren Humanitas willen, die nationalsozialistischen Verbrechen und die Shoa präzise zu erinnern".

"Raul Hilberg war in allem unbestechlich und unabhängig"

Für sein Lebenswerk erhielt Hilberg 1992 den Marion-Samuel-Preis der "Stiftung Erinnerung", 2002 das Große Bundesverdienstkreuz und den Geschwister-Scholl-Preis. 2006 wurde ihm das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Nach Angaben seiner Ehefrau Gwen starb Hilberg bereits am Samstag in einer Rehabilitationsklinik im US-Staat Vermont an Lungenkrebs. Der Holocaust-Forscher hinterlässt zwei Kinder.

Kollegen und Freunde brachten heute ihre Trauer über den Tod Hilbergs zum Ausdruck und würdigten seine wissenschaftlichen Verdienste: "Raul Hilberg war in allem unbestechlich und sehr unabhängig", sagte der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel. Der Historiker Wolfgang Benz nannte Hilberg den "absoluten Pionier der Holocaust-Forschung", sagte der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, im Deutschlandradio Kultur. "Das ist vielleicht auch die Tragik des großen Mannes Raul Hilberg, dass er immer nur der Historiker des Holocaust war, dass es keine anderen Themen für ihn gab", sagte Benz.

Die Universität von Vermont, an der Hilberg von 1956 bis 1991 gelehrt hatte, hob seine Leidenschaft und seinen internationalen Einfluss hervor. "Die gesamte Universitätsgemeinschaft ist traurig über den Verlust dieses großen Wissenschaftlers, aber getröstet durch sein Vermächtnis an Schriften und Forschungsergebnissen, das er denen hinterlässt, die eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit verstehen wollen", erklärte Präsident Daniel Mark Fogel.

anr/AP/dpa



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