Zivilcourage: Aktivistin gegen Anti-Schwulen-Gesetz
Einsatz für Schwule in Russland
Marias Kampf
Umjubelte Sängerin, Abgeordnete, Putin-Anhängerin: Maria Maksakova könnte ein perfektes Aushängeschild für Russlands Regierung sein. Ist sie aber nicht: Sie kämpft gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Porträt einer mutigen Frau.
Der große Auftritt ist Maria Maksakovas Beruf, die russische Abgeordnete geht nicht nur in Russlands Parlament ein und aus. Sie ist auch Star-Sängerin am Marinskij-Theater in Sankt Petersburg, Russlands zweiter Bühne von Weltrang neben dem Bolschoi-Theater in Moskau.
In Russland sorgt sie derzeit für einige Aufmerksamkeit: Denn die Abgeordnete setzt sich vehement für die Rechte der Homosexuellen in Russland ein - und verstößt damit gegen die offizielle Linie des Kreml.
Maksakova sagt, Homosexualität sei keine Krankheit, sondern Veranlagung. Im Westen mag das gesellschaftlicher Konsens sein. In Russland geht man damit das Risiko ein, um zum Ziel scharfer Attacken der rechten Kreise zu werden, die den Ton der Debatte angeben.
Doch Maksakova läßt sich nicht einschüchtern. Erst jüngst hatte sie im russischen Parlament, der Duma, einen mutigen Auftritt. Sie sprach zu den Änderungen an Russlands umstrittenen Schwulen-Gesetz, forderte die Abschaffung des Paragrafenwerks.
Die 2013 verabschiedete Regelung verbietet es, Homosexualität in Gegenwart von Minderjährigen zu erwähnen - "außer in einem negativen Kontext". Verbot von "Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen" heißt das Gesetz offiziell. Es habe "mehr Schaden gebracht als Nutzen", rief Maksakova in Moskau in den Saal, die Verordnung habe "zu einem Anstieg der Selbstmorde unter Menschen geführt, die bei sich diese Neigungen entdeckt haben".
"Ich schäme mich dafür"
Maksakova ist Mitglied der Kreml-Partei Einiges Russland, einer der treibenden Kräfte hinter dem Gesetz. Bei ihrem Auftritt in der Duma verdammte Maksakova das Gesetz. Allerdings blieb ihr couragierter Einsatz ungehört. Praktisch niemand schenkte ihr Aufmerksamkeit. Viele Bänke waren leer, von den anwesenden Abgeordneten gaben sich die meisten demonstrativ gelangweilt. Am Ende stimmen gerade einmal sieben Parlamentarier für die Initiative.
Nach der Abstimmungsniederlage stand Maksakova in einem Probensaal der angesehenen Gnessin-Musikakademie in Moskau, sie unterrichtet hier Nachwuchssänger. "Ich bin schon froh über diese sieben Kollegen", sagte sie. Maksakova wurde 1977 in München geboren, ihr Vater ist Deutscher. Die Großmutter war Sängerin am Bolschoi, die Mutter ist noch immer eine der beliebtesten Schauspielerinnen in Russland.
Ihr Eintreten für die Rechte von Homosexuellen wird Maksakova kaum zu einer Ikone der Opposition werden lassen. Sie verehrt Wladimir Putin als "nationalen Anführer und einzige Figur, die unsere Gesellschaft zusammenhalten kann". Aber ihr Einsatz zeigt, dass in Russlands Parlament nicht ausschließlich stromlinienförmige Abnicker setzen.
Das Anti-Schwulen-Gesetz sei im vergangenen Jahr hastig eingebracht worden, die Fraktion stimmte erst nicht dafür, dann plötzlich doch, so Maksakova. Auch sie selbst habe es damals durchgewunken. "Aber ich schäme mich dafür."
"Die Freiheit wird derzeit von vielen Seiten angegriffen"
Maksakova kritisiert heute die konservativen Autoren des Gesetzes - allen voran Jelena Misulina, eine Matrone, die besonders gern über angebliche Verschwörungen von Pädophilen und die "Schwulenlobby" fabuliert. Maksakova wirft ihr "Obskurantismus", Aberglaube, vor.
Als der Kreml vor anderthalb Jahren ein Adoptionsverbot für russische Waisen gegen die USA verhängte, war Maksakova in ihrer Partei Einiges Russland die einzige Abgeordnete, die nicht für das Gesetz stimmte. Sie enthielt sich. "Die Freiheit wird derzeit von vielen Seiten angegriffen", sagt sie. "Ohne Freiheit aber will ich nicht leben."
Was ihre Rede für ihre politische Karriere bedeuten wird? Ob sie bei den nächsten Wahlen noch einmal kandidieren will? Darüber will Maksakova nicht sprechen, im Moment.