Aus Hongkong geflüchteter Aktivist "Krieg zwischen freier Welt und Totalitarismus"

Deutschland hat zwei Männern aus Hongkong Schutz gewährt. Ray Wong ist einer von ihnen. Er zeichnet ein düsteres Bild seiner Heimat und spricht über die größte Angst der Oppositionellen.

Ray Wong auf dem Weg zum Gerichtsgebäude (Archivbild von 2016)
Dickson Lee/ South China Morning Post/ Getty Images

Ray Wong auf dem Weg zum Gerichtsgebäude (Archivbild von 2016)

Ein Interview von


Ray Wong und Alan Li sind die ersten Aktivisten aus Hongkong, die in Deutschland einen Flüchtlingsstatus erhalten haben. Ihr Fall hat kurz nach dem Bekanntwerden vor wenigen Tagen zu diplomatischen Verwerfungen geführt - die wohl auch Kanzlerin Angela Merkel bald zu spüren bekommt. Die CDU-Politikerin trifft sich kommende Woche mit dem chinesischen Vizepräsidenten Wang Qishan. Ob bei dem Treffen auch der Fall der beiden Hongkonger zur Sprache kommen wird, ließ Vizeregierungssprecherin Martina Fietz offen.

Das chinesische Außenministerium hat allerdings bereits mit deutlicher Kritik auf den Fall reagiert und der Bundesregierung eine "Einmischung in innere Angelegenheiten" vorgeworfen. Auch Politiker in Hongkong zeigten sich erzürnt. Die Regierungschefin der chinesischen Sonderverwaltungszone, Carrie Lam, führte mit dem deutschen Gesandten David Schmidt ein Gespräch. Danach gab sie bekannt, dass sie es "zutiefst bedauere", dass die Bundesregierung den beiden Männern Zuflucht gewährt habe.

Wong und Li gehörten im Februar 2016 zu den Anführern von Protesten in Hongkong, die zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Polizisten und Demonstranten führten. Heute leben sie in Göttingen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wong, warum haben Sie sich dazu entschieden, nach Deutschland zu fliehen?

Ray Wong: Deutschland hat in der Vergangenheit schon häufiger deutlich Position bezogen gegen Menschenrechtsverletzungen in China. So lebt hier mittlerweile auch die Witwe des chinesischen Nobelpreisträgers und Regimekritikers Liu Xiaobo [Liu Xia stand in ihrer Heimat lange unter Hausarrest, Anm. d. Red.]. Deutschland hat sich mehr als andere europäische Staaten für die Menschenrechte eingesetzt. Ob wir hier tatsächlich Flüchtlingsstatus erhalten würden, wussten wir aber nicht. Es gibt ja keine anderen Fälle wie der unsere.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen ist der Status schon im vergangenen Jahr zugesprochen worden. Warum gingen Sie erst jetzt damit an die Öffentlichkeit?

Wong: Weil die Hongkonger Regierung gerade ein neues Auslieferungsgesetz prüft, wonach Menschen auch nach China überstellt werden dürfen. Damit gäbe es für uns praktisch keine Möglichkeit mehr, nach Hongkong zurückzukehren. Das unabhängige Justizsystem Hongkongs würde vollständig zerstört. Bevor das Gesetz angenommen wird, wollten wir unsere Stimmen erheben.

SPIEGEL ONLINE: Wofür haben Sie sich mit der Gruppe "Hong Kong Indigenous" genau eingesetzt?

Wong: Wir wollen die ursprüngliche Hongkonger Identität beschützen, unsere Sprache, unsere eigene Kultur. Darum ging es auch bei dem Protest im Viertel Mong Kok von 2016, wegen dem wir belangt werden sollten. Sie müssen sich das so vorstellen: In Deutschland gibt es im Winter überall Weihnachtsmärkte. Der Nachtmarkt in Mong Kok ist damit vergleichbar. 2016 kam plötzlich die Polizei dorthin und wollte den Markt niedermachen. Dagegen haben wir einen Protest organisiert. Das ist eskaliert, weil Polizisten die Leute provoziert haben. Mehrere Menschen wurden verletzt.

SPIEGEL ONLINE: Was hätte Ihnen in Hongkong im Falle einer Verurteilung gedroht, wenn Sie nicht nach Deutschland gekommen wären?

Wong: Vermutlich sieben bis zehn Jahre Haft. Wenn das Auslieferungsgesetz in Kraft tritt, könnte ich aber auch nach China kommen. Da würde ich den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen. Die chinesische Regierung sieht uns als Separatisten an, darauf steht eine drastische Strafe.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hängt Ihr Protest mit der sogenannten "Regenschirm-Revolution" von 2014 im Zentrum Hongkongs zusammen?

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Hongkong: Gelb war die Hoffnung

Wong: Es gibt natürlich einen Zusammenhang. Nach der "Regenschirm-Revolution" dachten viele junge Menschen, mich eingeschlossen, dass der alte Weg, sich für Demokratie einzusetzen, nicht mehr funktioniert [Die Proteste wurden aufgelöst, die Politik zog keine Konsequenzen daraus, Anm. d. Red.]. Wir waren enttäuscht und wollten einen neuen Weg finden, um uns gegen die Einmischungen aus China zur Wehr zu setzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist dieser chinesische Einfluss in Hongkong zu spüren?

Wong: Das ist sehr offensichtlich. In einigen Teilen der Stadt gibt es viele zugewanderte Chinesen vom Festland. Wenn man dort spazieren geht hört man mehr Mandarin, die offizielle chinesische Sprache, als Kantonesisch, was traditionell in Hongkong gesprochen wird. Es haben sich kleine, abgeschlossene Gesellschaften innerhalb unserer Gesellschaft gebildet. Das ist eine Strategie der chinesischen Regierung, wie auch schon in Tibet oder anderen Teilen Chinas, um dort die ursprüngliche Kultur und lokale Identität zu verdrängen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden am 4. Juni, dem 30. Jahrestag des Tiananmen-Massakers in China, im deutschen Bundestag sprechen. Was bedeutet der Termin für Sie?

Wong: Ich bin sehr aufgeregt. Die deutsche Regierung hat sich bereits häufig für Menschenrechte in Hongkong eingesetzt. Ich hoffe, dass andere europäische Staaten nachziehen werden. Die chinesische Regierung hat schon in anderen Regionen Minderheiten ausgelöscht. Wenn der Westen dem keine Aufmerksamkeit schenkt, wird es mehr Opfer geben. Hongkong steht als Beispiel für den Krieg zwischen der freien Welt und dem Totalitarismus.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird es für Sie weitergehen?

Wong: Ich lerne hier Deutsch und möchte gerne Politik und Philosophie studieren. Wenn alles gut geht, kann ich im nächsten Wintersemester damit beginnen. Ich fühle mich in Deutschland absolut sicher.

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Marin Wood 26.05.2019
1. Chinesische Dissidenten und Fridays for Future vereinigt Euch
Es ist notwendig und richtig, dass den beiden chinesischen Dissidenten Schutz gewährt wird. Hongkongs Entwicklung zeigt wie in einem Brennglas, was diejenigen zu erwarten haben, die von der VR China abhängig sind. Das gilt auch für jene Staaten, die sich - kurzfristig denkend - der "Belt and Road"-Initiative ausliefern. Es ist paradoxerweise gerade der wirtschaftliche Erfolg Chinas, der den Konflikt zwischen dem Modell der Gewaltenteilung und dem Alleinvertretungsanspruch der chinesischen KP schürt. Nötig ist keineswegs nur eine starke EU, sondern die engste Kooperation aller demokratisch verfasdten Ländern. Fridays for Future, Rezo und allen anderen jungen Leute: Nehmt Euer Schicksal in Eure eigenen Hände, sonst sammelt ihr u.a. ab 2035 Verhaltenspunkte nach chinesischem Vorbild, denn das freie Internet wäre dann Geschichte
The Restless 26.05.2019
2. Wandel
Ich habe Hongkong seit 1992 immer wieder besucht und den Wandel seit der Übergabe 1997 verfolgen können. Einst waren die Menschen dort sehr offen, sehr selbstbewusst und stolz auf ihre Stadt und Kultur. Inzwischen sind sie ruhig, man hat Angst, dass der große Bruder vom Festland den Würgegriff ansetzt. Die Festlandchinesen lieben Hongkong und dessen Lebensstil, auch sie würden es sehr bedauern, falls die Regierung in Peking dem ein Ende setzen würde. Willkommen in Deutschland, Herr Wong!
Beat Adler 26.05.2019
3. Der maechtige XI zittert vor dem Hongkongvirus Freiheit+Demokratie
Der maechtige Xi Jingping zittert vor dem Hongkongvirus genannt Freiheit+Demokratie. Als Vorbeugung gegen eine Ansteckung seiner Bevoelkerung fuehrt er das Gesichtserkennungssystem, mittlerweile sollen 96% der Erwachsenen erfasst sein, zusammen mit dem Sozialwohlverhalten-Punktesytem ein. Vor wenigen Tagen verkuendete Huawei offiziell, dass sie in der Schweiz ein Forschungszentrum mit sage und schreibe 1000 Arbeitsplaetzen fuer Forscher und Wissenschafter einrichten werden. Huawei begriff, dass wenn sie eine globale Firma sein wollen, nicht "nur" eine Chinesische, und gleichzeitig an der Spitze der Kommunikationstechnologie sein und/oder bleiben wollen, sie die besten Koepfe der Welt in ihre Forschung und Entwicklung einbinden muessen. Das geht nicht in China, Auch nicht mehr in Hongkong. Keiner dieser erwuenschten Intelligenzbolzen wird fuer einige Zeit in China unter dem Xi leben und arbeiten, forschen und entwickeln, wollen. Die beiden Astylanten aus Hongkong in Deutschland zeigen mit ihren Fingern genau dorthin, wo das Problem ist: Ohne Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, freie Medien und Beruecksichtigung der Menschenrechte KEINE Zukunft, nicht in China, nicht in Hongkong. mfG Beat
Wirrrkopf 26.05.2019
4. Mit den autoritären menschenrechtsverachtenden Chinesen muss Klartext
gesprochen werden. Jeder der aus politischen Gründen in Deutschland Asyl beantragt hat das zu bekommen und zwar ganz deutlich in der ÖFFENTLICHKEIT. Einflußnahmen aus China ist eine klare Absage zu erteilen. Das ganze sollte man möglichst auf europäischer Ebene syncroniseren damit sich China mit einem gleichwertigen Gegner auseinandersetzten muss. China ist eine Diktatur die alle die den Mut haben zu widersprechen einsperrt oder sogar tötet. Das kann man nicht akzeptieren. Die universellen Menschenrechte mögen in Europa enstanden sein gelten aber auf der ganzen Welt und sind KEIN Kulturimperialismus. Es gibt KEIN RECHT auf eine Staatsform die diese Menschenrechte nicht respektiert. Völlig egal ob 90% der Chinesen es ok finden die anderen 10% zu entrechten und zu drangsalieren. Für eine Gesellschaftsform die den Staat total über das Individium stellt gibt es auf dieser Welt keinen Platz. Dieser Staat muss und er wird´scheitern. Und die Opfer dafür sind es wert.
vox veritas 26.05.2019
5.
Wäre es dann nicht an der Zeit jegliche Wirtschaftsbeziehungen mit China einzustellen?
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