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Proteste in Hongkong China fürchtet den ganz großen Aufstand

Trotz aller Mahnungen wächst die Zahl der Demonstranten in Hongkong. Jetzt fürchtet die Regierung in Peking, dass der Funke des Zorns auf das ganze Land überspringt. Der KP droht ein dramatischer Herbst.

Solche Bilder versetzen Chinas Führung in Panik: Wasserwerfer, Tränengas, Rauchsäulen - und hinter den Barrikaden verwegene junge Leute, nur mit Schirmen, Schals und Skibrillen ausgerüstet. Als diese Bilder vor dreieinhalb Jahren aus Tunesien und Ägypten um die Welt gingen, verschärfte Peking die Internetzensur. Der Funke des arabischen Aufstands, damals noch "Jasmin-Revolution" genannt, sollte nicht nach China überspringen.

Nun kommen dieselben Bilder aus China selbst, aus der Sonderverwaltungszone Hongkong, und Peking stemmt sich mit allen Mitteln gegen die Bilderflut. In der Nacht zum Montag ließ die Führung anscheinend Instagram abschalten. Schlimm genug, dass Hongkong tobt. China soll ruhig bleiben, die Menschen in Peking und Shanghai sollen so wenig wie möglich mitbekommen. Die Unruhe in Zhongnanhai, dem Regierungsviertel neben der Verbotenen Stadt, muss erheblich sein.

Die Proteste der Studenten in Hongkong sind die schwerste offene Herausforderung für Chinas Autokraten seit dem Aufstand auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor 25 Jahren. So dramatisch die Lage im Nahen Osten und in der Ukraine ist - wenn Peking die Situation in Hongkong nicht friedlich in den Griff bekommt, dann könnte dem Krisensommer 2014 ein noch ernsterer Herbst folgen. Denn anders als 1989 ist China heute kein ökonomischer Zwerg mehr, sondern die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Außer an Amerika - und vielleicht an der strategischen Öl-Monarchie Saudi-Arabien - ist die Weltwirtschaft von keinem einzelnen Staat so abhängig wie von China.

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Eskalation in Hongkong: Mit Regenschirmen gegen Tränengas

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Was werden Chinas Führer tun? Seit Monaten staut sich der Zorn der jungen Hongkonger auf und entlädt sich in immer größeren Demonstrationen. Sie wollen 2017 in einer freien Wahl über ihren neuen Regierungschef, den "Chief Executive", abstimmen. Doch die Regierung in Peking will nur Kandidaten zulassen, die ihr genehm sind, und sendet bislang ausschließlich Signale der Härte.

Riese mit tönernen Füßen

Das im Westen oft für seine Effizienz und Entscheidungsstärke gelobte chinesische System hat keine politischen Werkzeuge, um mit großem öffentlichem Protest umzugehen. China hat keine Dialogforen, keine runden Tische, geschweige denn parlamentarische Prozeduren, die den Volkszorn kanalisieren und einen Kompromiss herbeiführen könnten.

Auf dem chinesischen Festland mögen sich die KP-Kader damit trösten, dass sie notfalls die Staatssicherheit schicken, eine Nachrichtensperre verhängen und die Rädelsführer festnehmen können. In Hongkong können sie das nicht, jedenfalls nicht ohne erheblichen Schaden für Chinas wichtigste Wirtschaftsmetropole - und für sein eigenes weltweites Ansehen.

Das ist die andere, oft übersehene, unerfreuliche Seite der chinesischen Erfolgsstory der vergangenen 30 Jahre: China hat seine Wirtschaft und seine Verwaltung modernisiert, Hunderte von Millionen aus der Armut geführt und Millionen reich gemacht - aber es hat seine politischen Mechanismen nicht auf den Stand einer Zeit gebracht, in der Bilder und Nachrichten nicht mehr in Tagen, sondern in Sekunden reisen. Was seine innere Sicherheit betrifft, wird China immer noch regiert wie in den fünfziger Jahren.

Auf der relativ offenen Bühne seiner Sonderverwaltungszone Hongkong steht China als ein Riese mit tönernen Füßen da - viel fragiler, viel verwundbarer, als er in Peking, Shanghai oder Chengdu erscheint.

Das wissen die Protestierenden in Hongkong. Und seit diesem Wochenende spüren sie auch, dass sie an diesem Riesen rütteln können.

Anfang Oktober kommt Chinas Premier Li Keqiang mit seinem halben Kabinett zu Regierungskonsultationen nach Berlin. Es wird viel von Chinas Stärke, Chinas Dynamik und Chinas Stabilität gesprochen werden. All das braucht die Welt von China - ja, auch Stabilität. Ein panisches Peking hilft niemandem.

Aber Stabilität setzt Kompromiss voraus, und dieses Wort müssen europäische Politiker ihren chinesischen Kollegen immer wieder buchstabieren.