Protestbewegung in Hongkong "Die Jugend will Peking provozieren"

Warum ist der Protest in Hongkong so stark? Der China-Kenner Jean-Pierre Cabestan erklärt das Anliegen der Demonstranten - kritisiert aber ihre Strategie.

Eine Demonstrantin in Hongkong protestiert unter einem Regenschirm gegen die Regierung
Elson Li/ DPA

Eine Demonstrantin in Hongkong protestiert unter einem Regenschirm gegen die Regierung

Ein Interview von , Paris


SPIEGEL ONLINE: Monsieur Cabestan, Sie haben Jahrzehnte in Hongkong gelebt und unterrichten noch heute an einer Hongkonger Universität. Überraschen Sie die Ausdauer und das Ausmaß der dortigen Protestbewegung?

Jean-Pierre Cabestan: Ja und nein. Ja, weil sich die Bewegung zunächst nur gegen das neue Ausweisungsgesetz richtete und gegen nichts anderes. Nein, weil die Probleme, die vor Jahren schon die gescheiterte Regenschirm-Bewegung bemängelte, ungelöst geblieben sind, und viele Hongkonger ihren Kampf für mehr Demokratie weiterführen wollen. Zudem haben sich die viel älteren wirtschaftlichen und sozialen Probleme in letzter Zeit zugespitzt - in Hongkong gibt es immer weniger gut bezahlte Arbeit, Wohnungsnot und große soziale Ungleichheit.

Zur Person
  • Virendra Singh Gosain/ Hindustan Times/ Getty Images
    Der Sinologe Jean-Pierre Cabestan, Jahrgang 1955, leitete von 1998 bis 2003 das französische China-Zentrum in Hongkong und lehrt seit 2007 an der Hongkong Baptist University. Seine Werke, zuletzt "China Tomorrow: Demoracy or Dictatorship?", Lanham 2019, werden regelmäßig ins Englische übersetzt.

SPIEGEL ONLINE: Viele junge Hongkonger Demonstranten tragen selbst gebastelte Kartonplakate mit Aufschriften wie "Freiheit" oder "Revolution". Wie ernst ist es ihnen damit?

Cabestan: Sehr ernst. Die jungen Hongkonger sind in ihrer sehr großen Mehrheit Anhänger demokratischer Werte. Also etwa: ein Bürger, eine Stimme! Sie fordern Respekt vor der Meinungsfreiheit. Das schließt die Freiheit ein, die Unabhängigkeit Hongkongs zu befürworten.

SPIEGEL ONLINE: Womit die Bewegung fast alle Chinesen gegen sich hätte.

Cabestan: Nur eine Minderheit will die Unabhängigkeit Hongkongs. Aber alle befürworten die politische und kulturelle Identität Hongkongs: Rechtsstaat, liberale politische Werte und den Gebrauch der kantonesischen Sprache.

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Hongkong: Polizei feuert Tränengas auf Demonstranten

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem scheint sich die Bewegung täglich zu radikalisieren. Haben Sie dafür noch Verständnis?

Cabestan: Das Problem liegt darin, dass eine nicht unbedeutende Zahl junger Hongkonger den Druck, der durch friedliche Proteste und Demonstrationen aufgebaut werden kann, für nicht mehr ausreichend hält. Das Schlüsselereignis ist für sie der 12. Juni dieses Jahres, als es in Hongkong erstmals zu Straßenschlachten mit der Polizei kam. Aus ihrer Sicht zeigte sich da, dass nur Gewalt die Regierung zum Zurückweichen zwingt. Und das gilt für diese Leute bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Zu Recht?

Cabestan: Die Hongkonger Jugend will Peking provozieren und zum Nachgeben zwingen. Die beste Strategie ist das sicher nicht. Tatsächlich haben sich die Positionen Pekings mit dem Aufkommen der Unabhängigkeitsforderung versteift.

SPIEGEL ONLINE: Die Reaktionen in Peking erscheinen widersprüchlich: Die Regierung übt Mäßigung, während die Parteimedien zum Feldzug aufrufen. Woran muss man sich halten?

Cabestan: Es ist wahrscheinlich, dass die Pekinger Behörden in dieser Frage gespalten sind. Wie viel Demokratie man Hongkong gestatten will, ist in der Zentralregierung seit Langem umstritten. Doch niemand in Peking will die politische Kontrolle über Hongkong verlieren. Die parteiinterne Presse lässt sogar eine noch sehr viel härtere Linie hervortreten. Was nicht bedeutet, dass Peking plant, das Militär zur Wiederherstellung der Ordnung zu entsenden. Nach meiner Meinung wird sich Parteichef Xi Jinping weiter auf die Hongkonger Polizei und die Hongkonger Regierung stützen.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn eine Lösung des Konflikts in Sicht?

Cabestan: Die Pekinger Regierung hat sich bisher nicht gegen einen Dialog mit der Straße gestellt. Sie kann durch die Hongkonger Regierung das umstrittene Ausweisungsgesetz zurückziehen. Sie kann auch eine unabhängige Untersuchung des Verhaltens der Hongkonger Polizei anordnen, wie sie die Demonstranten fordern. Aber viel weiter wird sie nicht gehen, und eine Lösung ist das alles nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Cabestan: Die echte Lösung liegt darin, dass die Zentralregierung das strukturelle politische Problem Hongkongs anerkennt und darüber einen Dialog mit den repräsentativen Kräften der Hongkonger Zivilgesellschaft eröffnet. Aber unter Xi Jinping scheint mir diese Möglichkeit wenig wahrscheinlich.

Im Video: Polizei greift bei Demonstration in Hongkong hart durch

RITCHIE B TONGO/EPA-EFE/REX

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Gefahr einer blutigen Niederschlagung der Protestbewegung wie vor 30 Jahren auf dem Tiananmen-Platz?

Cabestan: Parolen und Politik von Xi sind hier eins: kein Blutvergießen, keine Konzessionen! Aber das ist ein schmaler Grat für die Zentralregierung. Sie hat die Lehre vom Tiananmen gezogen, dass sie einen Einsatz der Armee mit allen Mitteln verhindern will, daher der zunehmend orwellsche Charakter der chinesischen Gesellschaft. Doch Hongkong bleibt eine offene, kosmopolitische Gesellschaft. Gegen sie wird man sicher nicht mehr die brutale Gewalt der Kalaschnikows anwenden. Umso öfter sieht man aber jetzt die bewaffnete Hongkonger Polizei, die übrigens von der Volksarmee abhängt, mit Tränengas, Wasserwerfern und Bulldozern im Einsatz.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte Europa auf die Lage reagieren?

Cabestan: Die europäische Jugend sollte frei nach Kennedy rufen: "Wir sind alle Hongkonger!" Was in Hongkong passiert, ist entscheidend für unsere Verteidigung der Demokratie.



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Seite 1
freidenker! 03.08.2019
1. Da ist er wieder ...
Da ist er wieder, der Totgesagte. Der Geist der Freiheit ist wieder aufgetaucht. Ganz unverhofft. Vor 2.500 Jahren aus der Flasche der Athener Polis, der griechischen Urdemokratie schlechthin, entwichen, treibt er nun sein "Unwesen" in Hongkong zur "Freude" der Parteioberen in China. Schwierig ist es ihn wieder in die Flasche zurückzubekommen. Auch der Einsatz von Militär und Geheimdienst und Folterknechten und sozialen Benachteiligungen kann ihn nicht zur Räson bringen. Sogar den Tod überdauert er, da über die Jahrhunderte und Jahrtausende unsichtbar und lautlos dahinwabbert. Es gibt etwas im Menschen was ihm sagt, was richtig und falsch ist. Der Mensch kann zwischen gut und böse unterscheiden. Und dieses Wissen ist unsterblich. Die jungen Hongkonger beweisen dies. Selbst wenn ihre Proteste und Demonstrationen brutal niedergeschlagen werden, er wird wiederkommen. Eben weil der Mensch ein Mensch ist.
syracusa 03.08.2019
2.
Zitat von freidenker!Da ist er wieder, der Totgesagte. Der Geist der Freiheit ist wieder aufgetaucht. Ganz unverhofft. Vor 2.500 Jahren aus der Flasche der Athener Polis, der griechischen Urdemokratie schlechthin, entwichen, treibt er nun sein "Unwesen" in Hongkong zur "Freude" der Parteioberen in China. Schwierig ist es ihn wieder in die Flasche zurückzubekommen. Auch der Einsatz von Militär und Geheimdienst und Folterknechten und sozialen Benachteiligungen kann ihn nicht zur Räson bringen. Sogar den Tod überdauert er, da über die Jahrhunderte und Jahrtausende unsichtbar und lautlos dahinwabbert. Es gibt etwas im Menschen was ihm sagt, was richtig und falsch ist. Der Mensch kann zwischen gut und böse unterscheiden. Und dieses Wissen ist unsterblich. Die jungen Hongkonger beweisen dies. Selbst wenn ihre Proteste und Demonstrationen brutal niedergeschlagen werden, er wird wiederkommen. Eben weil der Mensch ein Mensch ist.
... und das gilt nicht nur für Hongkong, sondern für jede Diktatur, und demnach auch für die chinesische: sie wird zwingend enden. Das chinesische Volk der Volksrepublik ist heute schon ungleich freier als noch vor 30 Jahren, oder auch als vor 30 Jahren auf Taiwan. Und je freier es wird, desto weniger Möglichkeiten einer Reaktion wie auf dem Tianmen-Platz hat das Regime, um den Geist in die Flasche zurück zu drängen. Es mag unwahrscheinlich sein, dass die KP Chinas je durch Gewalt niedergerungen wird. Aber dann wird sie eben mit einem Wimmern untergehen wie die Diktatur der SED.
Hank Hill 03.08.2019
3. Eine gute Analyse
der aktuellen Situation. Xi wird den Demonstranten nicht den Gefallen tun die Lage eskalieren zu lassen. Ein zweites Tiannanmen wird es in Hong Kong nicht geben. Seit damals herrscht zwischen der chinesischen Führung und den Chinesen so etwas wie ein stilles Abkommen. Der Staat läßt die Bürger in Ruhe, und die Bürger lassen die Regierung in Ruhe. Für die Chinesen ist es wichtig Geld zu verdienen, einen Job zu haben und ihren Kindern eine Zukunft geben zu können. "Werte" wie Demokratie, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, usw. die in westlichen Gesellschaften die Norm sind haben in China eher den Status "nice to have", wenn überhaupt, werden aber nicht zwingend gefordert. Das weiß natürlich auch die Partei. Xi handelt mit Augenmaß und Verstand. Das zeigt auch sein Umgang mit Donald Trump.
syracusa 03.08.2019
4.
Zitat von Hank Hillder aktuellen Situation. Xi wird den Demonstranten nicht den Gefallen tun die Lage eskalieren zu lassen. Ein zweites Tiannanmen wird es in Hong Kong nicht geben. Seit damals herrscht zwischen der chinesischen Führung und den Chinesen so etwas wie ein stilles Abkommen. Der Staat läßt die Bürger in Ruhe, und die Bürger lassen die Regierung in Ruhe. Für die Chinesen ist es wichtig Geld zu verdienen, einen Job zu haben und ihren Kindern eine Zukunft geben zu können. "Werte" wie Demokratie, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, usw. die in westlichen Gesellschaften die Norm sind haben in China eher den Status "nice to have", wenn überhaupt, werden aber nicht zwingend gefordert. Das weiß natürlich auch die Partei. Xi handelt mit Augenmaß und Verstand. Das zeigt auch sein Umgang mit Donald Trump.
Unsinn! Die Chinesen sind keine eigene Spezies, und weil sie wie wir Homo Sapiens sind, haben sie auch den natürlichen Drang, innerhalb ihrer Gesellschaft Status zu erlangen und sich frei nach ihren eigenen Vorstellungen entwickeln zu können. Und das geht nur durch die Möglichkeit, seine eigenen Ideen frei mitteilen zu können. Demokratie, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, usw. sind keine von Ihnen verächtlich dargestellten "Werte", sondern sind *Werte*. Und zwar universell für alle Menschen geltende Werte. Niemand lässt sich gerne den Mund verbieten, niemand lässt sich gerne manipulieren, niemand ordnet sich gerne unter eine Macht unter, an der er nicht teilhaben kann.
temp1 03.08.2019
5. warum so sicher, dass keine Gewalt aus China kommt?
Ich frage mich, warum man so sicher sein können soll, dass China sich nicht gewaltsam durchsetzt? Nun, vielleicht ist Hongkong im Moment noch immer ein chinesischer Experimentierkasten, kleine genug, um immer unter Kontrolle zu bringen zu sein und mit fremden Elementen, die man versuchsweise mal auf ihre Auswirkung testen kann...... aber das hat sicher seine Grenzen, wenn man ein Abfärben auf VR China befürchtet. Und ich vermute, die Gewaltexzesse vor einer Woche, waren Chinesische Einheiten, mit dem Auftrag einen Vorwand für ein gewaltsames Eingreifen zu liefern ... entweder getarnt als Hongkongs Polizei oder als Eingreiftruppe für Ruhe und Ordnung ... natürlich "nur zum Besten der Bewohner Hongkongs" .... je nachdem, wie es weiter geht, Und ob nun wirklich Hongkongs Jugend hinter der Gewalt steckt oder ob sie infiltritert wurde, so zu agieren, um einen Vorwand zu Eingreifen zu haben .... das können wir hier in der Ferne vermutlich nicht unterscheiden
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