Hongkong Neuer Massenprotest - Polizei setzt Tränengas ein

Bei einer neuen Massendemonstration in Hongkong hat die Polizei Tränengas eingesetzt. Die Proteste richteten sich erstmals auch direkt gegen Chinas Vertretung in der Sonderverwaltungszone.

Bobby Yip/AP/dpa

Bei Protesten gegen die Regierung der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong hat die Polizei laut Augenzeugen Tränengas gegen die Demonstranten eingesetzt. Einsatzkräfte mit Schutzmasken und Schilden hätten Protestierende zudem zurückgedrängt, berichtet ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP.

An den Protesten gegen die pro-chinesische Regierungschefin Carrie Lam beteiligten sich Zehntausende Menschen. Die Demonstrationen richteten sich erstmals auch direkt gegen Chinas Vertretung.

Vor dem Verbindungsbüro der chinesischen Führung protestierten demnach Hunderte Menschen. Einige bewarfen das Gebäude mit Eiern und schwarzer Farbe. Auch das Emblem der Volksrepublik wurde beschmutzt. Chinas Staatsmedien reagierten empört: "Das ist ein Aufruhr", schrieb die "Global Times".

Kurz bevor Polizeikräfte einschreiten wollten, zogen sich die Aktivisten zurück und flüchteten. Zu den Zwischenfällen kam es nach dem Protestmarsch, an dem nach Angaben der Organisatoren 430.000 Menschen teilgenommen hatten. Demonstranten blockierten auch Straßen in der Nähe des Regierungssitzes und des Parlaments, die jeweils mit massiven, zwei Meter hohen Absperrungen abgesichert worden waren.

Es war bereits der dritte Massenprotest seit Juni. Bei den ersten Kundgebungen hatten nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen Hunderttausenden und zwei Millionen Menschen teilgenommen.

Die Demonstranten forderten nun erneut einen förmlichen Rückzug des umstrittenen Auslieferungsgesetzes und auch eine unabhängige Untersuchungskommission, die die Polizeigewalt bei Zusammenstößen am Rande früherer Demonstrationen beleuchten soll.

Polizei entdeckt Waffenlager

Im Vorfeld hatte die Polizei ein Waffenlager in einem Lagerraum einer Unabhängigkeitsgruppe gefunden. Die Polizei stellte zwei Kilogramm Sprengstoff, Brandsätze, Säure, Messer und Metallstangen sicher. Außer einem 27-Jährigen nahm die Polizei am Samstagabend zwei 25-Jährige fest. Die Ermittler untersuchten nach eigenen Angaben, ob ein Zusammenhang mit den Protestaktionen besteht.

Der Lagerraum war von der Hongkonger National Front gemietet worden, die für die Unabhängigkeit des chinesischen Territoriums eintritt. Die Gruppe beteuerte aber nach Medienberichten, nichts von dem Sprengstoff gewusst zu haben. Es seien dort nur Lautsprecheranlagen und Informationsmaterial gelagert worden. Der festgenommene 27-Jährige gehöre der Organisation an.

Die Polizei hatte auf "Geheimdienstinformationen" reagiert, als sie das Lager am Freitagabend entdeckte, wie die "South China Morning Post" berichtete. Bei dem Sprengstoff handelte es sich demnach um hochexplosives TATP (Triacetontriperoxid), das auch schon von Islamisten bei Anschlägen in Europa verwendet wurde. "Ich denke, es ist ohne Zweifel die größte Menge, die wir jemals in Hongkong gefunden haben", wurde Superintendent Alick McWhirter zitiert.

Furcht vor Peking

Die frühere britische Kronkolonie kommt seit Wochen nicht zur Ruhe. Der Protest richtet sich gegen die Peking-treue Regierung und auch Chinas wachsenden Einfluss. Nach einer Demonstration am 1. Juli stürmten Aktivisten sogar das Parlament. Auslöser der Proteste war das inzwischen auf Eis gelegte Gesetz für Auslieferungen von Personen an China, die von der chinesischen Justiz beschuldigt werden.

Die meisten der Kundgebungen verliefen bislang weitgehend friedlich, auch wenn es am Rande der Proteste immer wieder zu Zusammenstößen mit der Polizei kam. Die Regierungen in Hongkong und Peking bezeichnen die Demonstranten als "Randalierer". Die Regierung Hongkongs verurteilte die Proteste und diejenigen, die in ihrem Namen Menschen angegriffen hätten als "absolut inakzeptabel".

Der Widerstand unter den sieben Millionen Hongkongern ist groß, weil Chinas Justiz nicht unabhängig ist und als Werkzeug der politischen Verfolgung dient. Auch warnen Kritiker vor Folter und Misshandlungen in China. Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam hat den Gesetzentwurf seither ausgesetzt und für "gestorben" erklärt. Einen formellen Rückzug des Entwurfs, wie von den Demonstranten gefordert, lehnt sie aber ab.

Seit der Rückgabe 1997 an China wird Hongkong unter chinesischer Souveränität autonom in eigenen Grenzen regiert. Anders als die Menschen in der kommunistischen Volksrepublik genießen die Hongkonger das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie Presse- und Versammlungsfreiheit. Immer mehr Hongkonger befürchten aber, dass die Führung in Peking ihnen ihre Rechte beschneiden will.

ssu/AFP/dpa

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insgesamt 9 Beiträge
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Mosttrinker 21.07.2019
1. So, so - ein Waffenlager also...
"Die Polizei stellte zwei Kilogramm Sprengstoff, Brandsätze, Säure, Messer und Metallstangen sicher." Mit solchen Mitteln kann man einen Staat natürlich schon aus den Angeln heben - ein unglaublicher Mist der hier verzapft wird! Hauptsache man ist der Erste in der Berichterstattung - der Wahrheitsgehalt, die Objektivität und die richtige Einordnung ist höchstens zweitrangig. Das ist schlechter Journalismus - das kommt nicht gut an.
juba39 21.07.2019
2. Schon gedient?
Zitat von Mosttrinker"Die Polizei stellte zwei Kilogramm Sprengstoff, Brandsätze, Säure, Messer und Metallstangen sicher." Mit solchen Mitteln kann man einen Staat natürlich schon aus den Angeln heben - ein unglaublicher Mist der hier verzapft wird! Hauptsache man ist der Erste in der Berichterstattung - der Wahrheitsgehalt, die Objektivität und die richtige Einordnung ist höchstens zweitrangig. Das ist schlechter Journalismus - das kommt nicht gut an.
Die Frage würde Ihnen gern jemand stellen, der lange gedient hat, und eine Sprengberechtigung besitzt. Ich würde Ihnen gern erklären, was man mit 2kg (normalerweise 10x200Gramm) so alles anstellen kann. Aber darum geht es doch gar nicht. Daß solche Materialien überhaupt bei Demonstranten, die sich doch eigentlich friedlichen Protest vorgenommen haben, diskreditiert doch den gesamten Protest.
.freedom. 21.07.2019
3. Chinesische Diskreditietung der Demonstranten.
Es war abzusehen, dass die Demonstranten durch Spengstofffunde in ein schlechtes Licht gerückt werden sollen. Totalitäre Staaten sind mit solchen Dingen schnell bei der Hand. Es werden Krawallmacher und Zerstörer unter den friedlichen Demonstranten eingeschleusst. Wie kritische Menschen vom Staat mundtot gemacht werden sollen, war zuletzt in Russland zu sehen. Dort wurde einem kritischen Journalisten von der Polizei Rauschgift untergeschoben.
MagittaW 21.07.2019
4. Sprengstoff und Waffen in Hongkong?
Kommt mir schon sehr sehr komisch vor, wenn JETZT "durch Geheimdienstinformationen" ausgerechnet bei der Nationalen Front derartiges Material gefunden wird. Und nur EINE Person wird verhaftet - obwohl die Geheimdienste doch so gut sind. Also ganz ehrlich: klingt eher so, als ob die Chinesen das Zeug dort platziert haben, um die Demonstraten als Terroristen diskreditieren zu können und damit gleich Kritik aus dem Westen abwehren können, wenn sie jetzt "härter" vorgehen. Kommt schon: was wollen Hongkonger mit 2kg Sprengstoff? Völlig absurd!
marcanton80 21.07.2019
5.
An Stelle der Demonstranten würde ich lieber den Dialog wählen, ich weiß es klingt naiv aber noch naiver ist es zu glauben Peking würde sich das noch länger anschauen ohne hart durch zu greifen. China ist ein Vielvölkerstaat der ähnlich der Sowjetunion mit Gewalt geschaffen worden ist und den restriktive Gewalt zusammenhält. Würde Peking im Falle Hongkongs nachgeben wer wären dann wohl die nächsten die Uiguren? Das wird gerade der Präsident auf Lebenszeit der sich in der Tradition Maos sieht niemals zulassen, also reden ist gesünder
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