Ausschreitungen in Hongkong Roy ist weg

Rauchwolken über der Stadt, eine eingekesselte Universität: In Hongkong dreht sich die Spirale der Gewalt immer unheilvoller weiter. In einer Seitenstraße bangt eine Mutter um ihr Kind.

Zusammenstöße auf dem Campus der Polytechnischen Universität: "Bist du drinnen oder draußen?"
Vincent Yu/ DPA

Zusammenstöße auf dem Campus der Polytechnischen Universität: "Bist du drinnen oder draußen?"

Aus Hongkong berichtet


Am Sonntagnachmittag ist Roy rausgegangen, Freunde besuchen, wie er sagte. Doch als sie um Mitternacht noch immer nichts von ihm gehört hat, fängt seine Mutter an, sich Sorgen zu machen. Stundenlang schickt sie ihm Textnachrichten. Keine Antwort.

Dann, kurz nach drei Uhr früh, ein erstes Zeichen: ein Emoji, eine Hand mit hochgestrecktem Daumen. Er sei in der Politechnic University, der letzten der Hongkonger Hochschulen, in der in der Nacht zum Montag noch Protestierende ausharren, umstellt von Hundertschaften der Polizei.

"Bist du drinnen oder draußen? Mit Lehrern oder ohne?"

"Ich bin drinnen. Wir sind entschlossen, bis zur Dämmerung zu bleiben."

"Verstanden. Ich respektiere deinen Mut. Versprich mir, dass du nicht allein zurückbleibst."

Am Tag darauf steht Roys Mutter mit ihrem Mann in einer der Seitenstraßen um die großräumig abgesperrte Universität. Sie zittert und spricht jeden an, der aussieht, als könne er hinein zu ihrem Sohn. "Er ist kein Student", sagt sie, "er ist Schüler, erst 16 Jahre alt. Was wird ihm jetzt passieren? Was soll er tun? Was sollen wir ihm raten?"

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Auf den Fußgängerbrücken rund um die Universität stinkt es nach dem verbrannten Sperrmüll der Barrikaden. In der Chatham Road fliegen Steine und Molotowcocktails, dann kracht es: Tränengas, Gummigeschosse, Pfefferspray. Über dem Haupteingang der Universität steigt eine große, schwarze Rauchwolke auf. "Ich mache mir solche Sorgen", sagt Roys Mutter und weint.

Etwa 500 Protestierende sind zu diesem Zeitpunkt noch in der Universität eingeschlossen. Am frühen Morgen haben sie einen Ausbruch versucht. Die Polizei hat sie zurückgedrängt. Am Vorabend war beschlossen worden: Wer sich der Polizei stellt, wird herausgelassen. Aber die Protestierenden wollen sich nicht stellen. Wenn die Justiz die Besetzung der Universität als "Aufruhr" wertet, drohen ihnen hohe Strafen. Seither sind die Protestierenden eingeschlossen.

Frauen und Männer stehen an den Absperrungen, manche weinen, manche beten, viele beschimpfen die Polizisten, viele rufen ermunternd Richtung Universität zu den Protestierenden hinüber. Eine ältere Frau sagt: "Die sind seit vier Tagen da drin. Sie sind hungrig, durstig, müde und verzweifelt. Ich habe Angst, dass plötzlich einer von ihnen aus dem Fenster springt."

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Straßenschlachten in Hongkong: Chaos und Angst

In den Onlineforen, über die sich die Protestierenden verständigen, ergeht ein Aufruf, die Eingeschlossenen zu unterstützen. Am frühen Nachmittag beginnt der Aufruf zu wirken: Straße für Straße, die auf die Universität zuführt, formiert sich Widerstand. Die Taktik zielt darauf, die Polizei in die angrenzenden Viertel zu locken, dadurch den Belagerungsring um die Universität aufzulösen und so eine Bresche zu öffnen, die den Eingeschlossenen den Ausbruch ermöglicht.

Der erste Teil funktioniert: Hundertschaften rücken in alle Richtungen vor. Binnen Stunden werden solche Mengen von Molotowcocktails und Tränengaskanistern geworfen und verschossen wie seit Beginn der Protestbewegung nicht. Die Gascoigne Road, die unter einer Autobahnbrücke Richtung Westen führt, versinkt in so dichtem Rauch, dass der strahlend blaue Himmel über Hongkong nicht mehr zu erkennen ist. Wenn sie ein Stück vorgerückt sind, machen Polizisten zurückgelassene Molotowcocktails unschädlich, indem sie den Brandbeschleuniger in einen Ausguss kippen.

Nach zwei Stunden ist eine der Hundertschaften an der Nathan Road angekommen. Die breite Kreuzung, an der Hotels und Shoppingmalls stehen, sieht aus wie ein Straßenzug in den Bürgerkriegszonen von Bagdad oder Beirut: übersät mit Ziegelsteinen und brennendem Unrat, umstellt von Truppen und heulenden Polizeiautos.

Gerüchte, wonach Protestierende bereits professionelle Sprengsätze bauen, bestätigen sich zunächst so wenig wie andere, wonach die Polizei automatische Schnellfeuerwaffen einsetzte. Zwischen Gascoigne und Nathan Road sind am Montagnachmittag nur einzelne Schüsse zu hören: Das sind Tränengaswerfer oder Gummigeschosse. Das immerhin unterscheidet Hongkong noch von Bagdad und Beirut.

Der zweite Teil der Taktik funktioniert nicht. Die Polizei hat die Universität so dicht umstellt, dass die abrückenden Hundertschaften nicht weiter ins Gewicht fallen. Der Belagerungsring hält. Auch nach Einbruch der Dunkelheit bleiben die Protestierenden eingeschlossen. "Er ist immer noch drin", textet Roys Mutter. "Wer könnte helfen?", fragt sie. "Ausländische Diplomaten?" Bislang sind alle Vermittlungsversuche gescheitert, der einer Gruppe Parlamentsabgeordneter ebenso wie der des Universitätspräsidenten.

Bis weit in die Stadtviertel Kowloon, Mongkok und Tsim Sha Tsui hinein ist die Stadt lahmgelegt. Die Polizei hat den Verkehr gesperrt, Protestierende haben Barrikaden errichtet und lösen für die Straßenschlachten der kommenden Nacht Pflastersteine aus den Gehsteigen. Ängstlich suchen Passanten nach dem schnellsten Weg aus der Kampfzone, alte Männer am Stock, Mütter mit kleinen Kindern, Rollstuhlfahrer.

Vor den wenigen U-Bahn-Eingängen, die noch nicht verbarrikadiert sind, bilden sich lange Schlangen. Ein Obdachloser, dem ein Bein fehlt, quält sich gegen den Menschenstrom eine Treppe hinauf: Die Fahrstühle sind ausgefallen, am Abend schließen mehrere Metrostationen ganz.

Hongkong, eine der reichsten und modernsten Städte der Welt, ein Vorbild an Bürgerlichkeit und Diversität, hat sich einen Tag lang weiter gedreht auf der Spirale ins Chaos und in die Angst.

insgesamt 60 Beiträge
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florian29 18.11.2019
1. Diese Krawallmacher!
Ich kann diese aggressiven gewalttätigen Aufrührer nicht mehr sehen. Ich hoffe die chinesische Regierung setzt diese Menschen fest.
Crom 18.11.2019
2.
Für die Freiheit muss man notfalls auch kämpfen, sollte man eigentlich auch in Deutschland wissen. Eine Diktatur, die friedlichen Protest ignoriert oder gar niederknüppelt, muss sich nicht wundern, wenn Gewalt am Ende mit Gewalt beantwortet wird.
funkhero 18.11.2019
3. Ne Freundin von mir ist grad da
Und meint sie würde davon gar nix mitgekriegen. Scheint also lokal begrenzt zu sei
RalfHenrichs 18.11.2019
4. Was würde wohl in Deutschland passieren,
würden Studenten sich in der Uni verbarrikadieren und von dort auf die Polizei schiessen und Molotow-Cocktails bauen? Ein so verständnisvollen Bericht von SPON auf die Gewalttäter würde es sicherlich nicht geben. Deutlich ist jedenfalls, dass Hongkong sich nicht mit den Studenten solidarisiert - von wenigen Ausnahmen abgesehen.
sl2019 18.11.2019
5. Protestierende, Aktivisten
Die verwendete Terminologie ist kritikwürdig. Diese Leute sind randalierende Kriminelle. Bewundernswert das zurückhaltende Vorgehen der Ordnungskräfte. Höchste Zeit, das in Hongkong wieder Normalbetrieb einkehrt, alles andere schädigt nur die Wirtschaft.
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