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Anführer der Regenschirm-Revolution Joshua, 17, lehrt China das Fürchten

An der Spitze der Hongkonger Protestbewegung steht ein Teenager: Joshua Wong, 17 Jahre alt. Gerade weil er so jung ist, könnte der Student dem Regime in Peking gefährlich werden.

Der Lebenslauf Joshua Wongs ist kurz, aber beeindruckend: Schon 2011 - mit 14 Jahren - gründete er in seiner Heimatstadt Hongkong eine Protestbewegung, mit dem Namen Scholarism. Sie wollte verhindern, dass auch in den Schulen der chinesischen Sonderverwaltungszone Propaganda aus Peking den Lehrplan bestimmen sollte.

120.000 Schüler, Eltern und Lehrer brachte Wong damals auf die Straße - zum Schluss knickte die Stadtverwaltung ein. In diesen Tagen dirigiert Wong wieder die Massen: Er ist einer der wichtigsten Anführer der Demonstranten, die seit einer Woche mehr Demokratie und Freiheit von Peking fordern.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass sich wortgewandte Männer oder Frauen an die Spitze von Aktivistengruppen setzen. Doch ein 17-jähriger Student, der die Führung im fernen Peking das Fürchten lehrt, das ist ein Sonderfall.

Tausende Protestler harren, auch auf seinen Aufruf hin, seit Tagen im Finanzdistrikt Hongkongs aus. Sie fordern die freie Direktwahl des nächsten örtlichen Regierungschefs im Jahr 2017 und haben dem jetzigen Amtsinhaber Leung Chun Ying ein Ultimatum gestellt: Bis Mittwoch soll er zurücktreten. Beide Seiten deuten nicht an, einlenken zu wollen: Die Lage wird sich wohl weiter zuspitzen.

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Proteste in Hongkong: Die Regenschirm-Revolution

Foto: Alex Hofford/ dpa

Wong steht dabei im Rampenlicht - und die Behörden haben ihn auf dem Kieker. Gemeinsam mit 74 anderen Aktivisten war der Teenager am Samstag festgenommen worden. Er blieb mit 40 Stunden am längsten von allen in Arrest. Als er schließlich freikam, gab er noch auf der Freitreppe vor dem Polizeigebäude Interviews und forderte Peking darin zum Einlenken auf.

Wongs Erfolgsgeheimnis ist offenbar seine Fähigkeit, Leute zu mobilisieren: "Ich betone immer, dass unsere Arbeit und unser Protest sehr publikumswirksam und hübsch anzuschauen sein müssen", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Um die meist jungen Demonstranten bei der Stange zu halten, sei es notwendig, dass "sie Spaß haben und einen Kick" aus den Demonstrationen kriegen.

Gefahr aus Peking

Doch Wongs Anhänger sind keine Spaß-Guerilla: Die vornehmlich jungen Demonstranten in der ehemaligen britischen Kolonie sind hochdiszipliniert, entschlossen und idealistisch. Unter der älteren Generation sorgt das für Bewunderung - und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. "Die Jungen haben die Sache in die Hand genommen", sagte der Hongkonger Verleger Jimmy Lai. "Das ist für Peking sehr beängstigend."

Die Generation, zu der auch Wong gehört, geht mit einer gewissen Naivität in die Konfrontation mit Peking - darin liegt ihre Kraft, aber auch ihre Schwäche. Wong und seine Mitstreiter wurden lange nach dem letzten Aufbäumen der Demokratiebewegung in China 1989 geboren. Sie haben keine Erinnerungen daran, wie brutal das Regime die Proteste auf Pekings Tiananmen-Platz zerschlagen ließ. Mit Panzern und Soldaten ging das Regime damals gegen die Demonstranten vor, die Zahl der Toten ist bis heute unklar.

Die Aktivisten von heute scheinen sich nicht vorstellen zu können, dass Peking wieder so Durchgreifen könnte. Im Zeitalter sozialer Medien würde die Nachricht eines Blutbads wie eine Welle durch das Land rollen und womöglich einen Flächenbrand auslösen, glauben sie. Asienexperten warnen jedoch, dass es dem chinesischen Regime durchaus zuzutrauen ist, ohne Rücksicht auf die Außenwirkung mit harter Hand durchzugreifen.

FireChat statt Handynetz

Wong und seine Mitstreiter wissen: Eine moderne Bewegung braucht einen griffigen Namen, ein Symbol mit Wiedererkennungswert und sichere Kommunikationskanäle. Ihre jetzige Sit-in-Kampagne im zentralen Finanzdistrikt haben sie nach der weltweiten Antiglobalisierungsbewegung "Occupy Central with Love and Peace" getauft. Das Symbol der südchinesischen Demokratie-Anhänger ist der Regenschirm: Damit schützen sich die Demonstranten vor dem Pfefferspray der Polizei. Bei Twitter gibt es inzwischen folgerichtig den Hashtag #UmbrellaRevolution.

Die Verständigung unter den Protestlern war am Wochenende immer schwieriger geworden. Die Behörden schalteten wiederholt das Handynetz in der Innenstadt ab. Wong und seine Mitstreiter wichen auf einen Kanal aus, der sich schon bei Protesten im Irak und in Iran bewährt hatte: Die im März gestartete App FireChat lässt Handys im Umkreis von etwa 60 Metern per Bluetooth miteinander kommunizieren. So kann sich eine Nachricht immer weiter ausbreiten. Allein am Sonntag hatten sich 100.000 neue Nutzer in Hongkong die App heruntergeladen und 800.000 Nachrichten ausgetauscht.