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Nach Wahlerfolg der Demokraten Polizei in Hongkong setzt Tränengas gegen Demonstranten ein

Eine Woche nach der Kommunalwahl in Hongkong, bei der die demokratischen Kräfte einen deutlichen Sieg feierten, demonstrieren wieder Tausende in der Metropole. Es kam zu Ausschreitungen, ein Passant wurde verletzt.

Die Demonstranten in Hongkong wollen den Druck auf die prochinesische Regierungschefin Carrie Lam aufrechterhalten: Am Sonntag zogen wieder Tausende Demokratie-Befürworter durch die Metropole. Sie fordern demokratische Reformen und eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt während der schon seit sechs Monaten andauernden Proteste. Die Polizei setzte nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters auch am Sonntag wieder Tränengas gegen die Protestierenden ein.

Vergangene Woche hatten die demokratischen Kandidaten bei den Bezirkswahlen in Hongkong einen deutlichen Sieg errungen. Das regierungstreue Lager, das bei den vorangegangenen Wahlen 2015 noch etwa drei Viertel der Mandate gewonnen hatte, brach hingegen massiv ein. Demokratische Kandidaten werden die Kontrolle in mindestens 12 der 18 Bezirksräte der chinesischen Sonderverwaltungszone übernehmen. Regierungschefin Lam kündigte daraufhin an, einen Dialog anzustreben. Konkrete Schritte hat sie noch nicht unternommen.

Die Proteste am Sonntagvormittag (Ortszeit), an denen sich Familien mit Kindern und Senioren beteiligt hatten, verliefen friedlich. Später zogen Hunderte Menschen zum US-Konsulat. Die US-Regierung hat zwei Gesetze beschlossen, mit denen die Protestbewegung in Hongkong gestärkt werden soll. So sollen künftig keine Waren mehr von den USA dorthin exportiert werden, die die Polizei gegen die Demonstranten einsetzen kann, wie etwa Tränengas und Munition für Gummigeschosse.

Polizisten am Sonntag in Hongkong: "Er hätte sterben können"

Polizisten am Sonntag in Hongkong: "Er hätte sterben können"

Foto: Leah Millis/REUTERS

In der Nacht zum Sonntag verliefen die Proteste hingegen weniger friedlich. Auf einem im Internet verbreiteten Video war zu sehen, wie ein Demonstrant einen Passanten attackierte, der versuchte, eine verbarrikadierte Straße freizuräumen. Auf der Aufnahme ist zu sehen, wie der Passant von einem Gegenstand aus Metall am Kopf getroffen wird und daraufhin stürzt. Von seinem Kopf tropft Blut.

Hongkongs Polizeichef Tang Ping Keung verurteilte den Angriff am Sonntagmorgen im Radio. "Er hätte sterben können", sagte Tang. Die Polizei leitete Ermittlungen ein. Der Zustand des angegriffenen Mannes war zunächst unklar.

Krankenhäuser gaben an, dass in der Nacht drei Menschen, die während der Proteste Verletzungen erlitten hatten, eingeliefert worden seien. Einer von ihnen sei bereits entlassen worden, die anderen seien inzwischen in stabilem Zustand.

Uno-Menschenrechtskommissarin prangert Polizeigewalt an

Die chinesische Führung in Peking machte am Wochenende erneut klar, dass sie keine Einmischung in die Vorgänge in Hongkong aus dem Westen dulde. Anlass war nun ein Gastbeitrag der Uno-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet , den sie am Samstag in der "South China Morning Post" veröffentlicht hatte. Die chinesische Vertretung bei der Uno in Genf bezeichnete den Beitrag als "fehlerhaft" und als "Verletzung der Ziele und Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen".

Bachelet hatte die Hongkonger Behörden in dem Meinungsbeitrag zu einer "unabhängigen und neutralen richterlichen Untersuchung der Berichte über exzessive Polizeigewalt" aufgefordert. Die chinesische Uno-Vertretung warf Bachelet vor, mit dem Artikel die "Randalierer" in Hongkong zu "weiterer schwerer und radikaler Gewalt" zu ermutigen.

vks/dpa/Reuters