Konflikte in Hongkong und Kaschmir Die neue asiatische Unordnung

Asiens aufstrebende Nationen wollen den wirtschaftlichen Erfolg, die "denken nicht darüber nach, wie man Amerikaner tötet", sagte einst Barack Obama. Ein Kontinent des Fortschritts also, nicht des Konflikts? Das könnte ein Irrtum sein.
Chinesische Soldaten vor einer Militärparade (Archivfoto): Am 1. Oktober begeht China den 70. Gründungstag der Volksrepublik und plant eine große Heerschau auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking

Chinesische Soldaten vor einer Militärparade (Archivfoto): Am 1. Oktober begeht China den 70. Gründungstag der Volksrepublik und plant eine große Heerschau auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking

Foto: REUTERS/ China Daily

Das 21. Jahrhundert, heißt es, werde das Jahrhundert Asiens sein. Bislang wird diese Aussicht im Westen als eine wirtschaftliche Herausforderung wahrgenommen, nicht als eine politische Drohung. Zu sehr seien die Asiaten an ihrem ökonomischen Aufstieg interessiert, zu pragmatisch seien ihre Regierungen, als dass sie sich und andere bekriegen wollten.

Anders als der Nahe sei der Ferne Osten voll "von strebsamen, ehrgeizigen, energischen Menschen, die jeden Tag scharren und kratzen, um Unternehmen aufzubauen, gute Erziehung und Jobs zu kriegen", sagte der frühere US-Präsident Barack Obama. "Die denken nicht darüber nach, wie man Amerikaner tötet." Asien, so sehen das auch die meisten Europäer, ist ein Kontinent des Fortschritts und der Zukunft, nicht des Konflikts und der Vergangenheit.

Aber das könnte ein Irrtum sein.

Kommende Woche reist Bundeskanzlerin Angela Merkel nach China, zum zwölften Mal bereits. Sie wird Peking und Wuhan besuchen, eine Elf-Millionen-Metropole am Yangtse, die wie so viele Städte Chinas für den Fleiß und die Produktivität seiner Menschen steht.

Zum ersten Mal wird Merkel auf einer Chinareise mit einer akuten und ernsten Krise konfrontiert sein. Seit fast drei Monaten gehen Menschen in Hongkong auf die Straße, um gegen die Einschränkung der Autonomierechte zu demonstrieren, die Peking der früheren britischen Kronkolonie vor über 20 Jahren versprach.

Auf beiden Seiten verhärten sich die Fronten. Am Donnerstag untersagte Hongkongs Polizei eine für Samstag geplante Großdemonstration. Die Organisatoren sind entschlossen, trotzdem zu marschieren. Unterdessen verschärft Peking seine Drohungen. Die Unruhen der vergangenen Tage "untergraben die grundlegenden Interessen Hongkongs und unseres Landes", sagte ein hoher KP-Funktionär. "Wenn wir zulassen, dass sie sich weiter ausbreiten, droht Hongkong in einem Abgrund zu versinken."

Asiens Großmächte durchleben frappierend ähnliche Krisen

Die Zeichen deuten eher auf eine weitere Eskalation als auf eine baldige Lösung dieses Konfliktes hin. Eine direkte Intervention Pekings ist nicht ausgeschlossen: Am 1. Oktober begeht China den 70. Gründungstag der Volksrepublik und plant eine große Heerschau auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Sehr unwahrscheinlich, dass die Führung zu diesem Anlass weitere Kundgebungen in Hongkong dulden wird.

Es mag ein zeitlicher Zufall sein, dass Asiens andere Großmacht Indien gerade jetzt eine Krise durchlebt, die der in Hongkong frappierend ähnlich sieht: Anfang August entzog Premierminister Narendra Modi dem Bundesstaat Jammu und Kaschmir die Autonomierechte, die das mehrheitlich muslimische Gebiet seit 1950 genoss.

Antiindische Proteste in Pakistan: Peking und Neu-Delhi verbitten sich Einmischung in "innere Angelegenheiten"

Antiindische Proteste in Pakistan: Peking und Neu-Delhi verbitten sich Einmischung in "innere Angelegenheiten"

Foto: ARSHAD ARBAB/EPA-EFE/REX

Ein politischer Zufall ist es nicht. Wie Peking in Hongkong versucht Neu-Delhi in Kaschmir, einer Region an der Peripherie seinen Willen aufzudrücken  - wobei das demokratische Indien noch härter vorgeht als das autoritäre China bislang in Hongkong: Seit mehr als drei Wochen herrscht im Kaschmir-Tal eine faktische Ausgangssperre, Telefon- und Internetverbindungen sind gekappt, Hunderte stehen unter Hausarrest, darunter führende Politiker des Bundesstaates.

Genau wie Peking verbittet sich Neu-Delhi jede Einmischung von außen. Die "Reorganisation" Kaschmirs sei eine "innere Angelegenheit". Das sieht China, das selbst ein Fünftel des früheren Fürstentums Kaschmir kontrolliert, anders und setzte mit Pakistan durch, dass die Kaschmirkrise im Uno-Sicherheitsrat diskutiert wurde.

Noch ein dritter, in dieser Härte unerwarteter Konflikt beunruhigt Asien-Experten in diesen Tagen: Im Januar verurteilte Südkoreas Oberstes Gericht ein japanisches Unternehmen zur Entschädigung eines Mannes, den es während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiter eingesetzt hatte. Das Urteil löste eine Kaskade von Reaktionen und Gegenreaktionen aus: Japan strich Südkorea von der Liste seiner "bevorzugten Handelspartner", Seoul zog nach, hielt ein Militärmanöver vor einer zwischen Japan und Südkorea umstrittenen Inselgruppe ab und kündigte vergangene Woche sogar die Geheimdienstzusammenarbeit der beiden engsten US-Alliierten in Ostasien auf.

Spätfolgen einer weitgehend unaufgearbeiteten Geschichte

So weit diese drei akuten Konflikte geografisch auseinanderliegen - eines haben sie gemeinsam: Sie sind, wie auch die Krisen um Nordkoreas Atomprogramm und der Territorialstreit im Südchinesischen Meer, Spätfolgen einer politisch immer noch wirkungsmächtigen, aber weitgehend unaufgearbeiteten Geschichte, die in Asien bis in die Kolonialzeit zurückreicht. Sie werden angetrieben von Kräften, die Europa aus seiner eigenen Geschichte kennt: Nationalismus, kulturelles und konfessionelles Dominanzstreben, antidemokratische, ja autoritäre Tendenzen.

Seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wird zudem ein wichtiger, über Jahrzehnte stabilisierender Faktor in Asien schwächer. Washingtons Hegemonie am Pazifik war stets umstritten, schuf aus westlicher Sicht aber doch einen politischen Rahmen für den wirtschaftlichen Aufstieg vieler asiatischer Staaten.

Experten wie der indisch-amerikanische Politologe Parag Khanna relativieren diese Sicht und sehen auch Chancen in der neuen asiatischen Unordnung. Der Kontinent habe sich "trotz der Fülle von Konflikten in den letzten Jahrzehnten eine umfassende Stabilität bewahrt", schreibt er in seinem demnächst auf Deutsch erscheinenden Buch "The Future is Asian". Asiens Konflikte, "die vergangenen, aktuellen und künftigen - und ihre Schlichtung gehören somit zum Prozess, ein asiatisches System aufzubauen".

Ob dieses System eine haltbare Friedensordnung schafft oder Asien in eine Vielzahl "innerer Angelegenheiten" zerfällt, kann Bundeskanzlerin Angela Merkel demnächst an einem weiteren Schauplatz erkunden: Noch im Herbst, nach ihrer Chinareise, wird sie nach Indien reisen.


Zusammengefasst: In der kommenden Woche reist Angela Merkel inmitten der Hongkong-Krise nach China. Im Herbst wird die Kanzlerin Indien besuchen. Beide Staaten gehen derzeit mit Härte gegen Protestbewegungen in Hongkong und Kaschmir vor. Die beiden Konflikte könnten Vorboten sein für eine konfliktreiche Zukunft in Asien.