Hongkong Buchhändler erhebt Vorwürfe gegen China

Fünf Buchhändler aus Hongkong verschwanden im vergangenen Jahr spurlos. Lam Wing-kee ist nun wieder aufgetaucht - und erhebt schwere Vorwürfe gegen die chinesische Regierung.

Buchhändler Lam Wing-kee (Mitte)
DPA

Buchhändler Lam Wing-kee (Mitte)


"Es hat mich viel Mut und zwei schlaflose Nächte gekostet", sagt Lam Wing-Kee am Donnerstag (Ortszeit) auf einer Pressekonferenz in Hongkong. "Aber ich habe beschlossen, mit Ihnen die ganze Geschichte zu teilen."

Lam ist einer der fünf Buchhändler aus Hongkong, die im vergangenen Jahr spurlos verschwunden waren. Daraufhin hatte es Spekulationen gegeben, dass die Männer von Agenten entführt und auf dem chinesischen Festland unter Druck gesetzt worden sind. Diese Darstellung stützen die Aussagen Lams nun: Demnach wurde er von einem Spezialkommando verschleppt, das den obersten Regierungsvertretern aus Peking untersteht. Dabei ging es angeblich um Bücher, die Gerüchte über Pekings Staatsspitze enthalten - und auf dem Festland verboten sind.

Die Affäre hat unter den sieben Millionen Hongkongern große Sorgen über die Bürgerrechte und Meinungsfreiheit in der vormaligen britischen Kronkolonie ausgelöst. Seit der Rückgabe 1997 an China wird Hongkong nach dem Grundsatz "ein Land, zwei Systeme" in eigenen Grenzen eigenständig regiert. Chinesische Staatsorgane dürfen in der Hafenmetropole nicht tätig werden.

Die Beamten sollen deshalb im Oktober vergangenen Jahres zugeschlagen haben, als Lam gerade die Grenze der chinesischen Hafenstadt Shenzhen überquert hatte. Dort hätten sie ihn festgenommen und mit verbundenen Augen in einem Zug in die Stadt Ningbo in der Nähe von Shanghai gebracht, sagt Lam. Dort sei er fünf Monate lang festgehalten worden. Man habe ihn nicht körperlich misshandelt, er habe sich aber psychischem Terror ausgesetzt gesehen. (Ein Protokoll der Pressekonferenz finden Sie hier.)

Die Möbel in seinem Zimmer seien in Plastik eingewickelt gewesen - offenbar um einen möglichen Selbstmord zu verhindern. Auch sei seine Zahnbürste ungewöhnlich klein gewesen, mit einer Schnur am Ende. Wenn er sich die Zähne geputzt habe, habe immer ein Wärter die Schnur festgehalten, damit er die Bürste nicht schlucken und daran absichtlich ersticken konnte. "Das muss schon vorgekommen sein", sagt Lam.

Die Beamten hätten ihn nach der Identität von Autoren gefragt, die in dem Verlag publiziert hatten, für den Lam arbeitete. Die dort erscheinenden Bücher gefallen den Mächtigen in Peking offenbar nicht. Zuletzt soll an einem Buch über das Liebesleben des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping gearbeitet worden sein.

Öffentliche Geständnisse der Buchhändler

Nach seiner Darstellung sei Lam nur unter der Voraussetzung freigelassen worden, dass er eine Festplatte mit Kundendaten seines Verlages aushändigt. Er ist der vierte Buchhändler, der wieder in seine Heimat zurückkommen durfte. Die drei Männer, die bereits vor Lam nach Hongkong zurückgekehrt waren, hatten die Polizei gebeten, die Ermittlungen wegen ihres Verschwindens einzustellen.

Doch Lam, der als Einziger von ihnen keine Verwandten in der Volksrepublik hat, entschied sich dagegen: "Hier geht es nicht um mich. Hier geht es auch nicht um einen Buchladen. Es geht um jeden hier", sagte Lam. "Wir werden uns nicht vor brutalen Kräften wegducken."

Peking ist in den vergangenen Jahren immer rigoroser gegen Kritiker der Regierung vorgegangen. Auch Frauenrechtlerinnen, Journalisten und unabhängige Regierungskritiker werden schikaniert und verschwinden mitunter spurlos. "Seit Präsident Xi die Macht übernommen hat", kritisiert Human Rights Watch, "geht seine Regierung mit zunehmender Feindseligkeit gegen friedlichen Protest, gegen Meinungs- und Religionsfreiheit vor".

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verurteilte am Freitag das Vorgehen der chinesischen Behörden scharf. Lam habe ihre Lügengeschichten in sich zusammenfallen lassen. So mussten die Buchhändler noch in der Volksrepublik öffentlich zugeben, an einem angeblichen illegalen Buchhändlerring beteiligt gewesen zu sein. "Er hat offenbart, was viele schon von vornherein vermutet hatten: Es war eine durchgeplante Operation der chinesischen Behörden gegen die Buchhändler", teilte die Organisation mit.

vks/dpa



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