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18. August 2019, 19:23 Uhr

Flaggenstreit in Hongkong

Provokation in der Luft

Aus Hongkong berichtet

Vom Rechtsstaat bis zum Linksverkehr lebt in Hongkong das Erbe des britischen Empires fort. Dessen Flagge ist auf den regierungskritischen Demos zum Symbol für die Widersprüche dieser Stadt geworden.

"Han jian" nennt sie der Bauarbeiter Cheung, 24, aus dem Norden von Hongkong: "Verräter."

"Ren zha", zischt die Hausfrau Chuang, 71, aus dem Stadtteil Kowloon: "Menschlicher Abschaum."

"Das willst du besser gar nicht wissen", sagt eine junge Frau, die ihren Namen nicht nennen mag, auf die Frage, was sie von den Leuten hält, die seit Wochen mit britischen, amerikanischen und Flaggen der ehemaligen Kronkolonie Hongkong durch ihre Stadt ziehen.

Bei der Großdemo an diesem Sonntagabend sind zunächst nur wenige dieser Flaggen zu sehen. Aber die merkwürdigen Fahnenträger der vergangenen Wochen sind das neue Feindbild der pekingtreuen Hongkonger und vieler Festlandchinesen.

Anhänger der britischen Monarchie hat es in Hongkong immer gegeben, aber die Flagge des Vereinigten Königreichs auf Demonstrationen mitzunehmen, ist eine relativ neue Erscheinung. Während der Regenschirm-Proteste 2014 noch belächelt, sind sie inzwischen auf vielen Kundgebungen zu sehen: Junge und Alte, Männer und Frauen, Friedliche und Radikale, die den Union Jack schwenken, um ihren Zorn auf die Regierung in Hongkong und ihre Schutzherrn in Peking auszudrücken.

Das Empire ist immer noch sichtbar

Im Alltag ist die britische Flagge für die meisten Hongkonger kein rotes Tuch, sondern einfach ein Stück Vergangenheit. Auf den Demonstrationen aber ist sie zu einem Symbol für die Widersprüche dieser Stadt, ihrer Geschichte und ihrer Protestbewegung geworden.

Das britische Erbe Hongkongs zu ignorieren wäre lächerlich: Vom Rechtsstaat über den Linksverkehr bis zu den eleganten Uniformen vieler Beamter lebt das Empire in seiner früheren Kolonie bis heute fort. Es ist aber, wie alle Spuren des Imperialismus, ein schwieriges Erbe: Auch vor seiner Rückgabe an China 1997 war Hongkong keine Demokratie. Der "Governor of Hong Kong" wurde nicht von den Bürgern der Stadt gewählt, sondern in London ernannt - von Sir Henry Pottinger 1841 bis Chris Patten 1992.

Sich mit dem Schwenken des Union Jack zumindest symbolisch für eine Rückkehr zu solchen Verhältnissen auszusprechen, gilt deshalb selbst unter harten China-Kritikern als politisch unkorrekt. Wenn das moderne China als neue Kolonialmacht wahrgenommen wird, ist eine alte Kolonialmacht kein wirklich gutes Gegenmodell.

Deshalb wird auf den regierungskritischen Demos zuletzt häufiger auch eine andere Flagge geschwenkt, auf der die Farben Rot, Weiß und Blau nicht in Kreuzen und Dreiecken wie auf dem Union Jack angeordnet sind, sondern in "stars and stripes": die amerikanische Fahne.

US-amerikanische Flagge soll noch stärker provozieren

Mit London lag Peking vor weit über 100 Jahren im Krieg - mit Washington ringt es im Hier und Jetzt um Macht und Einfluss. China zu provozieren, ist mit der amerikanischen Flagge daher noch einfacher als mit der britischen. Das nutzt Pekings Propaganda aus und führt Demonstranten vor, welche die Farben des großen geopolitischen Rivalen schwingen. Hatte es Anfang Juni in versteckten Winkeln des chinesischen Internets noch Debatten darüber gegeben, was die jungen Hongkonger Protestierenden überhaupt wollen, überlagern die Bilder der US-Flaggen inzwischen alle anderen Themen. Vor ein paar Tagen war ein solcher Fahnenzug auf dem Kurznachrichtendienst Weibo zu sehen, mit dunkler Begräbnismusik untermalt.

Die Nationalisten in Chinas sonst strikt zensiertem Internet dürfen darüber ungezügelt schimpfen: "Ich verachte diese Leute", schreibt ein User, der sich LSY Yiyang nennt. "Sind diese Verlierer überhaupt schon einmal auf dem Festland gewesen?", fragt ein anderer. "Habt ihr keine Angst, dass eure Ahnen aus den Gräbern kommen und euch heimsuchen? Weiß euer amerikanischer Daddy überhaupt, wer ihr seid?"

"Amerikanischer Daddy" - damit ist zurzeit US-Präsident Donald Trump gemeint, der nicht nur in China umstritten ist, dort aber zugleich auch das ultimative Feindbild der Chauvinisten. "Es ist ironisch, dass unsere stärksten Unterstützer US-Republikaner sind", sagte der Studentenführer Joshua Wong, Ikone der "Occupy-Bewegung" von 2014, schon vor Beginn der jüngsten Proteste. Das passe eigentlich nicht zur Mehrheit vieler junger Hongkonger, die sich sonst für den Klimaschutz, für Meinungs-, Pressefreiheit und soziale Gerechtigkeit einsetzten.

Wie weit Trumps Solidarität mit den Hongkonger Bürgerrechtlern reicht, ist auch unter diesen selbst umstritten. "Erwartet keine Hilfe von Trump", warnte die "South China Morning Post" am Sonntag in einem Kommentar: "Gerade im Juni hat er Chinas Präsident Xi Jinping noch zugesagt, dass er sich bei einem Crackdown in Hongkong nicht einmischen werde, weil das eine innere Angelegenheit Chinas sei."

Festlandchinesen mögen den amerikanischen Lebensstil

Mindestens so widersprüchlich wie das Verhältnis der Hongkonger Protestierenden ist aber auch das Verhältnis vieler regimetreuer Festlandchinesen zu den USA. Amerika ist die Nemesis des modernen China - der "American Way of Life" aber zugleich prägend für den Alltag vieler Chinesen, die amerikanische Autos fahren, amerikanische Serien sehen und in Peking und Shanghai in Wohnanlagen leben, die Namen wie "Park Avenue", "Central Park" und "Upper East Side" tragen.

Auf einer regierungsfreundlichen Demonstration am Samstagabend steht ein Familienvater aus Shanghai vor dem Amtssitz der Hongkonger Regierungschefin und hält eine chinesische Fahne in der Hand. Dass er von der Baseballmütze bis zu den Schuhen im Pink der US-Marke "Jordan" eingekleidet ist, fällt ihm gar nicht auf. Sein Sohn trägt ein T-Shirt von "Abercrombie&Fitch", seine Frau ein Paar Nike-Schuhe.

Auf der großen regierungskritischen Demonstration am Sonntagabend sind zunächst kaum politische Symbole zu sehen, kaum Transparente und kaum Fahnen. Nur ab und zu ein Schirm im "Stars and stripes"-Design, aber das, sagt dessen Besitzer lachend, sei keine Botschaft. So haben es die Organisatoren der Demo auch gewollt. Fahnen sind in den vergangenen Tagen genug geschwungen worden.


Im Video: Die Mitte der Gesellschaft demonstriert

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