Protestkultur "Du bist erst ein echter Hongkonger, wenn du Tränengas geschmeckt hast"

Keine brennenden Autos, dafür Erste-Hilfe-Stationen und Demonstranten, die aufräumen: In Hongkong wird anders protestiert als im Westen. Hier erklärt der Autor Antony Dapiran, was die Aktionen dort so besonders macht.

Anthony Kwan/ Getty Images

Ein Interview von


Mehr als jeder vierte Einwohner Hongkongs ist in den vergangenen Wochen aus Protest gegen ein geplantes Gesetz auf die Straße gegangen. Vorerst mit Erfolg: Regierungschefin Carrie Lam hat erklärt, das Gesetz, das Auslieferungen Verdächtiger an China ermöglichen würde, sei "tot". Vorbei sind die Demonstrationen damit aber nicht, es geht längst um mehr: um demokratische Teilhabe etwa und Unabhängigkeit von Peking.

Aufmerksamkeit erregten die Aktionen international nicht nur wegen ihrer schieren Größe, sondern auch aufgrund der Art und Weise. Ein Video verdeutlicht das Phänomen: Innerhalb von Sekunden bildete sich in der Menschenmasse eine Rettungsgasse für einen Notarztwagen.

Notarztwagen während der Proteste in Hongkong
HECTOR RETAMAL/ AFP

Notarztwagen während der Proteste in Hongkong

Umsichtig, geordnet, friedlich - wie erklärt sich die Protestkultur in Hongkong? Und warum kam es in den vergangenen Wochen doch zu Zusammenstößen mit der Polizei?

Zur Person
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    Antony Dapiran, 1975 geboren in Melbourne, lebt seit 1999 in Hongkong und Peking. Er ist Jurist, Autor und kommentiert die aktuellen politischen und kulturellen Entwicklungen in China und Hongkong. Dapirans Buch "City of Protest: A Recent History of Dissent in Hong Kong" erschien im Juli 2017.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dapiran, seit der Rückgabe Hongkongs an China vor 22 Jahren gibt es immer wieder große Proteste. Warum?

Antony Dapiran: Hier gibt es etwas, was man als "freiheitliches System ohne Demokratie" bezeichnen kann. Die Menschen in Hongkong haben viele Rechte, etwa das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Pressefreiheit und das Recht zu demonstrieren.

SPIEGEL ONLINE: Und die Demokratie?

Dapiran: Davon gibt es wenig. Der Regierungschef oder die Regierungschefin wird nicht vom Volk gewählt, sondern von einer Kommission. Das Parlament wird auch nur zur Hälfte gewählt, über die andere Hälfte bestimmen Interessengruppen, die in der Regel Peking nahestehen. Das Ergebnis: Die Pro-Peking-Parteien bekommen wenige Stimmen aus dem Volk und stellen trotzdem eine Mehrheit der Abgeordneten. Bürger können sie aber nicht einfach abwählen. Der Protest ist das einzige Mittel für Kritik an der Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Diese Protestkultur ist inzwischen also ein Teil der Identität der Hongkonger?

Dapiran: Genau. Hongkong hat sich immer vom Rest des Landes abgehoben. Dieser Unterschied war vor allem der Reichtum. Hongkong war sehr wohlhabend, der Rest Chinas arm und weniger entwickelt. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Inzwischen haben sich viele Firmen vom Festland hier angesiedelt, die meisten Touristen kommen aus China. Hongkong kann sich nicht mehr durch Geld abheben.

SPIEGEL ONLINE: Wodurch dann?

Dapiran: Die Hongkonger haben ihre Freiheiten, anders als die Menschen auf dem Festland. Das sind die Werte, die sie jetzt gegen alles verteidigen wollen. Ich habe neulich gehört, wie eine junge Frau gesagt hat: "Du bist erst ein echter Hongkonger, wenn du Tränengas geschmeckt hast."

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Proteste in Hongkong: "Teilt euch nicht"

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie den aktuellen Protest beschreiben?

Dapiran: Er ist dezentral organisiert, mobil und hat sich sehr organisch entwickelt. Es ist anders als die Regenschirmrevolution von 2014, bei der Demonstranten Straßen im Zentrum der Stadt für 79 Tage blockiert hatten. Dort wollten sie bleiben, bis ihre Forderungen nach mehr Demokratie erfüllt werden. Leider wurde daraus nichts, und sie gaben schließlich auf. Jetzt ist es so, dass es keinen Anführer der Proteste gibt und sie an immer neuen Orten auftauchen. Die Demonstranten organisieren sich in Internetforen und Chatgruppen.

SPIEGEL ONLINE: Die Proteste in Hongkong sind so gut organisiert, dass es bereits Verschwörungstheorien gibt, die Menschen würden von ausländischen Kräften trainiert.

Dapiran: Das ist Quatsch. Das hat sich alles nach und nach entwickelt. Diese Handbewegungen, mit denen Demonstranten etwa nach bestimmtem Equipment fragen, hat es in der ersten Woche noch nicht gegeben. Das fing erst in der zweiten Woche an. Und bei den Protesten am 1. Juli, als sie überall zu sehen waren, hatten die Demonstranten das schon wochenlang weiterentwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ausrüstung nutzen die Demonstranten?

Dapiran: Sie haben gelbe Bauhelme, um sich gegen Schlagstöcke der Polizisten zu schützen, oder falls etwas geworfen wird. Schwimmbrillen und Regenschirme sollen sie vor Tränengas und Pfefferspray schützen, genauso wie die Masken vor Mund und Nase. Die sind gleichzeitig dazu da, damit sie auf den Videos der Polizei nicht sofort erkannt werden können. Dazu gibt es noch Erste-Hilfe-Stationen. Gegen die Kartuschen mit Tränengas haben die Demonstranten Abwehrmechanismen entwickelt: Sie machen sie mit Wasser unschädlich oder werfen nasse Handtücher darüber.

SPIEGEL ONLINE: Welche Unterschiede sehen Sie zu Protesten im Westen?

Dapiran: Der Protest in Hongkong läuft sehr geordnet ab. Es wird kein Eigentum zerstört, niemand zündet Autos an oder schmeißt Scheiben ein - mal abgesehen von der Aktion, als Protestierende das Parlamentsgebäude erstürmt haben. Man bekommt fast das Gefühl, hier werde eine Utopie entworfen: Es wirkt, als würden die Demonstranten gemeinsam auf eine ideale Gesellschaft hinarbeiten. Sie fordern Demokratie, und gleichzeitig schaffen sie innerhalb des Protests demokratische Strukturen.

SPIEGEL ONLINE: Die Sicherheitsbehörden sehen das offenbar anders. Es kommt vermehrt zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Dapiran: Die Polizei ist sehr aggressiv. Ich war selbst Teil einer Gruppe Demonstranten, auf die die Polizei noch Tränengas feuerte, als schon alle wegrannten. In einem anderen Fall stand ich auf einer Brücke, und die Polizei schoss Tränengas von beiden Seiten, sodass niemand entkommen konnte. Manchmal werfen Demonstranten Gegenstände in Richtung der Polizisten, aber die meisten sind absolut friedlich und versuchen, der Polizei aus dem Weg zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, der Reiseführer "Lonely Planet" habe die regelmäßig wiederkehrenden Demonstrationen in Hongkong als Attraktion für Touristen angepriesen. Romantisiert der Westen die Proteste?

Dapiran: Es ist erst in den vergangenen Wochen brutaler geworden. Davor war auch dieser ein sehr bunter, friedlicher Protest. Dann sind die Demonstrationen wirklich so, wie sie beschrieben werden: Menschen machen mitten im Protest ihre Hausaufgaben, räumen hinterher noch auf und recyceln.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Erstürmung des Parlamentsgebäudes durch einige Hundert Demonstranten zu einer Spaltung der Bewegung geführt?

Dapiran: Einer der Slogans der Proteste ist: "Teilt euch nicht". Das heißt, selbst wenn einige Leute etwas machen, was man nicht gutheißt oder nicht tun würde, soll man sie nicht stoppen und nicht verurteilen. Das ist ein sehr toleranter Ansatz. Manche dachten vielleicht, die Demonstranten gingen zu weit, aber es standen auch Tausende um sie herum und feuerten sie an. Ich glaube nicht, dass das zu einer Teilung geführt hat - oder dem Ansehen der Proteste in der Bevölkerung geschadet hat. Viele Menschen sagen mir, sie sehen die Demonstrationen jetzt als ihre letzte Chance, den letzten großen Kampf.

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labellen 10.07.2019
1. "letzter großer Kampf" trifft die
Verhältnisse wahrscheinlich am besten. China wird mit verstärkter Unterwanderung der Widerstandsgruppen, Kontrolle der sozialen Medien und des öffentlichen Raums sicher zurückschlagen, die Protestierenden kriminalisieren und die Proteste eindämmen . Letztlich ist Hongkong eine Business-Metropole und soziale Unruhen sind nicht gut fürs Geschäft.
mariomeyer 10.07.2019
2. @labellen
Sie schreiben: "Letztlich ist Hongkong eine Business-Metropole und soziale Unruhen sind nicht gut fürs Geschäft". Das stimmte wohl in einem Land, das demokratisch regiert wird - denn eine stabile Wirtschaft erhöht die Chancen auf Wiederwahl. Doch wir reden hier von der Volksrepublik China, weshalb die Motivation, die Proteste schnell zu beenden, eher sein dürfte, den Gedanken an die Möglichkeit der Mitbestimmung durch das Volk gar nicht erst aufkommen zu lassen. Anders gesagt: In der Volksrepublik China steht die Politik über der Wirtschaft. Seitdem Xi Jinping an der Macht ist, gilt das wohl wieder mehr als unter seinem Vorgänger. Es wird spannend!
wenguanxin 10.07.2019
3.
ich Frage mich, wer hier demonstriert. Sind es die Reichen? Ist es die Geschäftswelt? Die Immobilienbesitzer? ich glaube, es sind die, die auch zuletzt vor ein paar Jahren in Hongkong demonstriert haben. umbrella movement. Es sind eher die sozialen Umstände, die die Leute auf die Straße bringen. Das neue Abschiebungsgesetz hat das Fass zum Überlaufen gebracht.
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