Hongkonger Protestführer Wong Yik-mo "Das ist eine Falle"

Millionen Menschen gehen in Hongkong auf die Straße, weil sie Pekings Einfluss wachsen sehen. "Aufgeben ist keine Option", sagt Wong Yik-mo, einer der Protestführer. Und er erklärt, warum er von Kanzlerin Merkel mehr erwartet hätte.

Wong Yik-mo:
Justin Chin/ Bloomberg/ Getty Images

Wong Yik-mo:

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Wird die Lage in Hongkong vollends eskalieren? Immer häufiger kommt es in der Sonderverwaltungszone zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Das Regime in Peking bezeichnet die Protestierenden als "Terroristen", die wiederum werfen den Sicherheitskräften vor, unverhältnismäßig Gewalt anzuwenden. Viele Hongkonger sprechen von der letzten Chance, sich gegen chinesische Zustände zu wehren.

Wong Yik-mo, 33, ist einer der Organisatoren der jüngsten Proteste. Er war bereits bei der Regenschirmrevolution vor fünf Jahren im Herzen der Finanzmetropole dabei, die nach 79 Tagen aufgelöst worden war, ohne dass sich die Regierung zu politischen Reformen durchringen konnte. Wong arbeitet heute für die Menschenrechtsorganisation Civil Human Rights Front.

Den Chinabesuch der Bundeskanzlerin verfolgte er von Deutschland aus, hier tauscht er sich aus und gibt Interviews. Die Bewegung ist auf die internationale Aufmerksamkeit angewiesen, um weiter Druck auf Peking ausüben zu können.

Merkel sagte in Peking, es müssten in dem Konflikt um Hongkong "friedliche Lösungen" gefunden werden. Das Abkommen "Ein Land, zwei Systeme", auf das sich China mit der ehemaligen Kronkolonie Großbritannien geeinigt hatte und das Meinungs- und Versammlungsfreiheit garantiert, gelte, so Merkel.

SPIEGEL: Herr Wong, hat die Kanzlerin die richtigen Worte in Peking gewählt?

Wong: Frau Merkel hätte sagen müssen, woher die Gewalt genau kommt: nämlich vonseiten der Polizei, nicht aus den Reihen der Demonstranten. Sie sollte genau wissen, wie es sich anfühlt, unfrei zu sein. Sie ist in der DDR aufgewachsen. Außerdem sollte Deutschland all seine Handelspartner - und damit auch China - dazu verpflichten, Menschenrechte einzuhalten. In ein paar Jahren wird Peking so einflussreich sein, dass sich die chinesische Regierung um gar nichts mehr schert. Deshalb sollte ihr jetzt Einhalt geboten werden.

SPIEGEL : Der Siemens-Chef Joe Kaeser war als Teil der Wirtschaftsdelegation mit der Kanzlerin in China. Er sagte anschließend laut "Bild", dass destabilisierende Kräfte in Hongkong am Werk sein könnten, er die Lage nicht recht einzuschätzen vermag. Was halten Sie davon?

Wong: Das Wort Stabilität wird auch in der Propaganda aus Peking oft verwendet, es meint eigentlich: Gehorsam gegenüber der chinesischen Regierung. Und die Deutschen wissen, was es bedeutet, wenn man autoritären Regimen gehorsam folgt. Das ist der Anfang vom Untergang. Wenn Herr Kaeser nicht genug Informationen hat, sollte er sie sich holen.

SPIEGEL: Die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam hat vergangene Woche angekündigt, das Auslieferungsgesetz, welches Auslöser der Proteste war, endgültig zurückzuziehen. Welche Auswirkungen hatte das auf die Protestbewegung?

Wong: Die Menschen sind müde geworden. Es gibt jene, die jetzt Kompromisse finden wollen, auch wenn sie wissen, dass uns das nicht viel bringen wird. Sie befürchten, dass es noch mehr Verletzte oder sogar Tote geben wird. Aufgeben ist in meinen Augen aber keine Option. Wir werden weitermachen, bis all unsere Forderungen erfüllt sind und wir ein allgemeines Wahlrecht haben. Ohne das nützt uns auch alles andere nichts.

SPIEGEL: Ist die Bewegung bereit, mit der Regierung in einen Dialog zu treten?

Wong: Wir haben unsere Lehren gezogen aus der Regenschirmrevolution. Damals haben sich Studenten mit Carrie Lam getroffen und versucht, Lösungen zu finden. In dem Dialog hat sie unseren Forderungen aber eine Absage erteilt. Mehr noch: Drei von fünf der Studenten, die sich mit ihr unterhalten haben, wurden hinterher verhaftet. Es ist eine Falle. Carrie Lam ist der Teufel. Sie hat das alles so eingefädelt, um die internationale Öffentlichkeit glauben zu lassen, sie reiche den Demonstranten die Hand. Sogar Kanzlerin Merkel hat das in China positiv angemerkt, es hat also funktioniert. Aber wir wissen, dass sie lügt.

SPIEGEL: In einer Tonaufnahme, die vergangene Woche veröffentlicht worden war, spricht Lam davon, dass sie zurücktreten würde, wenn sie denn könnte. Ist sie in Wirklichkeit nicht sehr schwach?

Wong: Sie stellt sich öffentlich als Opfer da, auch die Tonaufnahme passt in ihre Strategie. Selbst wenn Peking nicht will, dass sie ihr Amt aufgibt, könnte sie öffentlich verkünden, dass sie nicht länger Regierungschefin sein will. Es würde ja schon reichen, wenn sie die Polizei ermahnen würde, damit die Situation nicht noch weiter eskaliert. Aber von ihr kommt nichts dergleichen.

SPIEGEL: Was versprechen Sie sich davon, das alles in Deutschland zur Sprache zu bringen?

Wong: Die Informationen hier zu den Protesten in Hongkong sind nicht umfassend genug. Zum Beispiel haben sich neun Menschen aus Verzweiflung über die Lage in Hongkong das Leben genommen, aber es wird kaum darüber berichtet. Auch der Umfang der Polizeigewalt: Protestierende werden verprügelt, bis sie Knochenbrüche haben, aber sie trauen sich nicht in die Krankenhäuser. Sie haben Angst, dass ihre Daten von dort an die Polizei weitergegeben werden. Frauen werden bei Festnahmen oder Durchsuchungen betatscht und bedrängt. Hongkonger Bürger, die mit der Polizei sympathisieren, attackieren uns ebenfalls - weil sie wissen, dass sie ungestraft davonkommen.

SPIEGEL: Was erwarten Sie konkret von der deutschen Regierung?

Wong: Die deutsche Regierung sollte aufhören, Waffen nach Hongkong zu liefern. Noch nicht einmal Ausrüstung für die Polizei, bis der Konflikt beigelegt ist. Außerdem brauchen wir Beobachter aus Deutschland und der EU, die sich selbst ein Bild von der Menschenrechtslage in Hongkong machen. Dann sehen sie, wie ernst die Situation inzwischen ist.

SPIEGEL: Wir haben in den letzten Tagen Bilder aus Hongkong gesehen von brennenden Barrikaden und herausgebrochenen Pflastersteinen. Wie stehen Sie zu radikalen Aktionen vonseiten der Demonstranten?

Wong: Ich denke, dass es beide Seiten braucht: die friedlichen Demonstranten und auch die radikalen. Die waren ja auch mal friedlich, aber das haben die Umstände aus ihnen gemacht. Uns geht es aber in jedem Fall nur darum, uns zu beschützen, wir wollen niemanden verletzen. Wenn Barrikaden in Brand gesteckt werden, geht davon keine Gefahr für Menschen aus, genauso wenig, wenn man einen Stein aus zehn Metern Entfernung wirft. Das dient eher der Abschreckung.

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Leser1000 08.09.2019
1. China sitzt am längeren Hebel
Gewalt bringt glaube ich gar nichts sondern bewirkt das Gegenteil. Aber zugegeben. Für erfolgreichen zivilen Ungehorsam muss man einen sehr langen Atem haben, frustrationsresistent und leidensfähig sein. Das ist schwer.
chiefseattle 08.09.2019
2. gestern
Dieses Wochenende wollten Tausende Demonstranten zum Flughafen, um diesen lahmzulegen. Die Polizei machte Kontrollen auf der Autobahn (nur wenn sich ein Flugticket im Auto befand, durfte es weiterfahren) und in den Zubringerzügen. So mussten Tausende von Demonstranten wieder umkehren und setzten aus Frust mehrere Straßenbarrikaden in Brand, deren Gestank man in ganz Hongkong vernehmen konnte. Von wegen gewaltlos! Viele Protestler sind vermummt, nicht wenige mit Sprays und Schlagstöcken bewaffnet. Interessant auch die Gegenüberstellung von Verletzten. Auf welcher Seite gab es mehr? Demonstranten oder Polizisten? Raten Sie mal!
peteftw 08.09.2019
3. ...
Der Herr Wong tut genau das was er anderen vorwirft. Er ist natürlich klar parteiisch und bringt hier nicht belegbare Vorwürfe ein. Die Demonstranten haben eben nicht nur Barrikaden angezündet sondern Molotowcocktails und Pflastersteine direkt aus Polizisten geworfen. Davon gibt es Videos. Sie haben chinesische Journalisten gefesselt und geschlagen und Polizisten verprügelt und halbe Stadt ins Chaos gestürzt. Er verteidigt sogar Pflastersteinwürfe.. Und warum das Ganze? Wegen einem Gesetzesentwurf der verhindern sollte dass sich Schwerverbrecher weiterhin nach HK absetzen können um dort straffrei zu bleiben, wie bei dem Mörder aus Taiwan und vielen anderen Fällen. Das Gesetz hätte nur für Straftaten gegolten die auch in HK strafbar sind und dort zu mind 7 Jahren Gefängnis führen würden. Kritik bzgl China ist nicht strafbar also warum das Ganze? Jetzt wurde das Gesetz zurückgenommen und trotzdem wollen sie weitermachen. China hat und will nichts am Status quo ändern sondern HK langsam wie geplant bis 2047 eingliedern. HK war immer Teil Chinas bis auf die Gewaltsame Einnahme durch die Briten nach dem Opiumkrieg. Bei vielen jungen Demonstranten gibt es nachvollziehbaren Frust über die schlechter werdende wirtschaftliche Situation HK im Vergleich zum Festland. Horrende Immobilienpreise, Mieten und Lebenshaltungskosten,.etc. Die Jungen Menschen haben allerdings nicht mehr die teils brutale Unterdrückung durch die Briten erlebt und glorifizieren jetzt eine vermeintlich bessere Vergangenheit durch Seperatismusbestrebungen...
klaus64 08.09.2019
4. Der Sinn der Proteste ?
Die Kolonie wurde von GB an China zurückgegeben. Da wurden die Einwohner nicht gefragt. Niemand hat protestiert. 50 Jahre Beibehaltung bestimmter Unterschiede zum Mutterland wurden vereinbart. 27 Jahre bleiben da noch übrig - was sollen denn nun die Proteste eines Teils der 7 Millionen Einwohnern ? Die frühere Sonderrolle Hongkongs zur Verschleierung von Importen in die Volksrepublik wird nicht mehr gebraucht. Es gibt nur den Weg des Arrangements mit dem Mutterland und den 1,3 Mrd. übriger Chinesen. Die Vergleiche mit der DDR sind einfach Unsinn und zeugen natürlich von Unwissen der jungen Leute. Wir als Deutschland sollten uns nicht in innerchinesische Angelegenheiten einmischen. Auch wir könnten z.B. Blockaden des Frankfurter Flughafens nicht dulden. Die Proteste werden die Volksrepublik nicht ändern, aber den Chinesen in Hongkong für die Zukunft sehr schaden.
henrikw 08.09.2019
5. Warum diese Aktionen sinnlos sind
Glaubt Wong ernsthaft etwas bewegen zu können und am Ausgang der vollständigen, ideologischen Übernahme durch China etwas ändern zu können. Absurd! Hong Kong wurde 1997 an China übergeben. Der Sonderstatus angeblich bis 2050 garantiert. Es ist im ureigenstem Interesse Chinas den halbwegs freiheitlichen Status Hong Kongs noch schneller abzuschaffen, damit das Festland nicht durch freiheitliche Gedanken infiziert wird. Niemand wird daran etwas ändern können. Jeder der glaubt an dem Ausgang etwas ändern zu können oder in den 90igern glaubte ,dass China eine längere oder unbegrenzte Sonderolle tolerieren würde, ist grenzenlos naiv. Selbst ein flächendeckender Aufstand der Hongkonger würde gnadenlos Niedergeschlagen werden. Folgen würden ein paar Jahre Sanktionen durch den Westen, die China auf eine Pobacke absitzen würde, da China nicht mehr auf den Westen angewiesen ist. Rohstoffmäßig ist Afrika ohnehin "annektiert" . Anschließend wäre man wieder beste Wirtschafts-Buddies. Braucht sich nur ansehen wie es mit der Krim läuft.
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