Horrorreise nach Teheran In den Fängen der iranischen Justiz

Gleich zweimal erfährt ein deutscher Anwalt die Willkür des iranischen Regimes: Erst wird er bei einer Demo nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl von den Knüppeln der Polizei getroffen - dann verhaftet und der Verschwörung beschuldigt, weil er einen befreundeten Anwalt trifft.

Wochenende 13./14. Juni 2009, Vilseck in der Oberpfalz

Als Andreas Moser, 34, den Fernseher einschaltet, kann er kaum glauben, was er dort sieht. Der Rechtsanwalt sitzt in seinem Büro im oberpfälzischen Vilseck und spürt "wahnsinnige Niedergeschlagenheit" in sich aufsteigen. Wochenlang hatte er gebannt den Wahlkampf in Iran verfolgt, war begeistert von der Wechselstimmung und dem "riesigen Optimismus" in dem Land, das er ein halbes Jahr zuvor als Tourist bereist hatte. Und jetzt liegt Ahmadinedschad bei 62 Prozent. "Ein unglaublicher Schlag", sagt Moser. Er mailt iranischen Freunden: "What happened?"

"Where is our vote?", schreiben sie ihm zurück.

Rechtsanwalt Andreas Moser zeigt die Spuren, die iranische Polizeiknüppel auf seinem Arm hinterlassen haben

Rechtsanwalt Andreas Moser zeigt die Spuren, die iranische Polizeiknüppel auf seinem Arm hinterlassen haben

Foto: Günter Moser

Donnerstag, 18. Juni 2009, Vilseck in der Oberpfalz

Rechtsanwalt Moser hat seinen Optimismus zurückgewonnen. BBC, CNN, das Internet - alle Kanäle senden die Bilder der friedlichen Proteste in Iran um die Welt. Jetzt steigt Euphorie in Moser auf: Am Persischen Golf, so glaubt er fest, wird gerade Geschichte geschrieben, und er fasst einen Entschluss: Er will dabei sein bei diesem historischen Ereignis. Die Revolution sehen, mit den Iranern feiern. Kurzerhand schaltet er den Computer an und bucht sich im Internet einen Flug.

Es ist nicht so, dass Moser ein unbesonnener Abenteurer wäre. Seit seiner Jugend reist er um die Welt, besuchte immer wieder Regionen abseits der Touristenströme. Syrien, Jordanien, Israel, einmal wollte er sogar nach Afghanistan. Weil er sich "halt gern selbst ein Bild" mache, sagt der frühere SPD-Kommunalpolitiker. Fast alle raten von der Iran-Reise ab: Es sei zu gefährlich, die Lage unberechenbar. Doch sein Entschluss steht. Mosers bester Freund ringt ihm immerhin den Deal ab, dass er von Deutschland aus die deutsche Botschaft alarmiert, wenn sich Moser binnen 48 Stunden nicht meldet.

Montag, 22. Juni 2009, Imam-Chomenei-Airport, Teheran

Andreas Moser reiht sich nach der Landung in die Schlange vor der Passkontrolle und bekommt ein 15 Tage gültiges Touristenvisum ausgestellt. Moser steigt in ein Taxi und braust durch die erwachenden Vororte Teherans ins Stadtzentrum. Er checkt ins "Hotel Shiras" ein, schläft ein paar Stunden und beginnt mit der Erkundung der Stadt. Der Anwalt ist enttäuscht: Von Aufbruchstimmung oder gar Revolution sei "nicht das Geringste zu spüren" gewesen. Niemand, der Flugblätter verteilt, keine Mahnwachen, nur hektische Alltagsgeschäftigkeit.

Am Nachmittag bemerkt Moser, wie unweit der U-Bahn-Station "Haft-e-Tir" ein massives Polizeiaufgebot Stellung bezieht. An zentralen Plätzen marschieren schwarz uniformierte Bereitschaftspolizisten mit Helmen, Gummiknüppeln und Plastikschilden auf. An den Boulevards bilden Sicherheitskräfte Spaliers, alle zehn Meter ein Polizist, in den Seitenstraßen warten Pick-Up-Trucks mit Nachschubkräften. Auch Mitglieder der gefürchteten Bassidsch-Milizen sind zahlreich vertreten. Moser bemerkt, dass die Handy-Netze blockiert sind. Offenbar, um die Kommunikation der Demonstranten zu erschweren. Die Taktik der Sicherheitsdienste geht offenbar auf - an diesem Tag bleibt es weitgehend ruhig.

Mittwoch, 24. Juni 2009, Teheran, Baharestan-Platz

Von seinem Hotel an der Sa'di-Straße ist Andreas Moser nach Osten spaziert, an den großen Baharestan-Platz, direkt vor dem iranischen Parlamentsgebäude. Wie fast immer in diesen Tagen war "alles völlig normal", bis plötzlich Punkt 16.30 Uhr, Hunderte Menschen auf dem Platz erscheinen. Sie strömen aus der U-Bahn-Station, quellen aus Bussen und Sammeltaxis, kommen zu Fuß von allen Seiten auf den Platz marschiert. Völlig ruhig versammeln sie sich in kleinen Gruppen, sprechen leise miteinander, werden immer mehr.

Niemand hat ein Plakat bei sich, keiner ein Megafon, noch nicht einmal der Verkehr wird behindert - man steht einfach nur nebeneinander und bildet eine Gruppe, die immer, immer größer wird. Im Nu ist Moser von Hunderten Demonstranten umgeben und sieht, wie plötzlich ein Polizeitrupp von "50 bis 60 Mann" auftaucht.

Dann beginnt eine Form zivilen Ungehorsams, die Moser tief beeindruckt: Während die Polizisten relativ höflich versuchen, die Menschen vom Platz zu drängen, füllt sich jeder Meter, den sie geräumt haben, sogleich wieder mit neuen Demonstranten auf. In einer "ständigen Kreisbewegung aus Zurückweichen und wieder nach vorne gehen" hätten die Demonstranten ihren Platz verteidigt und mit den Polizisten diskutiert.

Viele ältere Frauen, in traditionelle, schwarze Tschadors gehüllt, hätten Seite an Seite mit jungen Studentinnen demonstriert, sich der Polizei mutig in den Weg gestellt. Als die Polizisten wenig später dann doch brutal losknüppeln, geht ein Raunen durch die Menge, gefolgt von "Neda, Neda"-Rufen. Es ist der Name des Mädchens, das am 20. Juni bei einer Demo erschossen worden war.

Moser steht in diesem Moment am Rand des Baharestan-Platzes und bekommt einen Schlag mit dem Gummiknüppel auf den Rücken ab. Kurz darauf stürmt ein weiterer Polizist auf ihn zu. Auf Englisch ruft Moser noch, dass er Tourist sei, doch da beginnt der schon gezielt zu prügeln. Fünf- bis sechsmal trifft der Schlagstock mit voller Wucht Mosers rechten Oberarm. Wie unter Schock beginnt der Anwalt zu rennen, bis er das gegenüberliegende Ende des Platzes erreicht hat. Erst dort blickt er hinter sich und stellt erleichtert fest, dass er nicht verfolgt worden ist. Auch sein Arm ist Gott sei Dank nicht gebrochen, er schmerzt nur wie verrückt.

Moser trifft einen befreundeten Anwalt - und wird festgenommen

Donnerstag, 25. Juni 2009, Teheran, Enqelab-Avenue

Moser hat sich von dem Schock am Vortag erholt. Hat sich ausgeruht und am Nachmittag Antiquariate durchstöbert. Für den Abend hat er sich mit einem Bekannten verabredet, dem iranischen Anwalt Mohammed Mostafaei. Den hatte Moser zufällig während einer Zugfahrt in Deutschland kennengelernt, die beiden waren sich sofort sympathisch gewesen und hatten über Mosers erste Iran-Reise geplaudert. "Wenn Du mal wieder in Teheran bist", hatte der iranische Kollege gesagt, "melde Dich bei mir." Jetzt treffen sich die Männer zum Abendessen. Mostafaei holt Moser mit seinem Mercedes vor dem Hotel ab, auf dem Rücksitz sitzen seine Frau und die sechsjährige Tochter.

Republik Iran

In "Sekundenbruchteilen", so erinnert sich Moser, rasen dann zwei Geländewagen heran, aus denen Männer springen und ihn und seinen Kollegen aus dem Wagen zerren. Moser wird in einen der Wagen bugsiert, auf die Rückbank, zwischen einen bulligen Mann in Zivil und einen wortkargen Herrn in dunklem Anzug. Nach kurzer Fahrt zischt einer der Bewacher das Wort "Mobile", nimmt dem Deutschen sein Telefon ab und entfernt Akku und SIM-Karte. Moser realisiert, dass er in eine kritische Situation geraten ist. "Wohin fahren wir? Wer sind Sie?" fragt er auf Englisch - und bekommt keine Antwort. Panik steigt in ihm auf. Wird er verprügelt? Erschossen? Ist er verhaftet worden oder von Kriminellen entführt?

Der Anwalt bemerkt, das der Wagen bergauf fährt, also Richtung Norden. Irgendwann befiehlt der Mann neben ihm: "Head down!" Dann endet die Fahrt in einer Art Innenhof. Moser wird aus dem Auto gezogen und bekommt eine Augenbinde umgebunden. Jemand führt ihn in einen Korridor und bedeutet ihm, sich mit dem Gesicht zur Wand zu stellen. Eine quälende Warterei beginnt.

Donnerstag, 25. Juni 2009, Teheran, Evin-Gefängnis

Endlich ist jemand gekommen, hat Moser in einen Büroraum geführt und auf einen Stuhl gesetzt. Links hinter sich hört er das leise Klicken einer Computer-Maus und eine Stimme, die ihn in gebrochenem Englisch nach seinen Personalien fragt. Name? Name des Vaters? Beruf? Religion? Alles wird sorgfältig notiert. Dann muss sich der Deutsche bis auf die Unterwäsche ausziehen und bekommt einen hellblauen Häftlingsanzug. Andreas Moser wird fotografiert, seine Fingerabdrücke werden genommen, er muss eine Quittung für seine persönlichen Gegenstände unterschreiben: Handy, Geld, Armbanduhr, Visitenkarten, Chipkarte.

Anschließend wird der Anwalt in ein Behandlungszimmer geführt. Ein Arzt untersucht ihn: Hört die Lunge ab, misst den Blutdruck, fragt, ob er Medikamente benötige. Moser hält den Atem an: Wenn die schweren Blutergüsse, die die Knüppelschläge an seinem rechten Arm hinterlassen haben, entdeckt würden, wäre alles aus. Gott sei Dank darf er sein T-Shirt anbehalten, der Ärmel und die Manschette des Blutdruck-Messgerätes verdecken die blauen Flecken.

Die erste Nacht im Gefängnis, Verhöre. Man verdächtigt Moser, ein Verschwörer zu sein.

Nach der Untersuchung bekommt Moser ein Handtuch, Seife, Zahnbürste und Zahnpasta. Wieder muss er in ein Auto steigen, wieder den Kopf nach unten beugen. "Wenn die mich erschießen wollen", macht er sich Hoffnung, "werden die mir vorher kein Handtuch geben." Die Fahrt endet nach wenigen Minuten vor einem anderen Trakt des Geländes. Moser wird in eine Zelle geführt: 1,70 mal 3 Meter, Waschbecken, Toilette. An der Decke zwei grelle Glühbirnen in stabiler Fassung. Der dazugehörige Schalter funktioniert nicht - die Lampen brennen Tag und Nacht. Ein Bett gibt es nicht: Moser erhält drei graue Wolldecken, die er auf dem Boden ausbreitet.

Hinter dem frisch gekalkten Putz schimmert ein Kalender durch, den ein vormaliger Insasse der Zelle an die Wand gemalt hat. Er zählt die durchgestrichenen Tage - es sind 30. Jetzt überkommt ihn die Furcht der Ungewissheit: Wie lange wird er hier sitzen müssen? Weiß die Botschaft Bescheid? Was ist mit seinem Anwaltskollegen und seiner Familie passiert? Moser schläft kaum in dieser Nacht. "Um irgendetwas zu tun", sagt er, habe er sich immer wieder die Zähne geputzt und laut das Datum seiner Festnahme wiederholt, um es ja nicht zu vergessen. In der Haft ist Moser ohne jedes Zeitgefühl.

Freitag, 26. Juni 2009, Teheran, Evin-Gefängnis

Hinter dem Gitter ist die Sonne aufgegangen. Er weiß nicht, in welchem Stockwerk seine Zelle liegt, noch nicht einmal den Namen seines Gefängnisses. Immer wieder hat er am Vortag auf Englisch und Deutsch gefragt, wo er sei und ob die deutsche Botschaft informiert sei. Die Antwort war immer die Gleiche: "Tomorrow". Dann hört er die Schlüssel des Schließers klappern. Ein freundlicher, alter Mann bringt das Frühstück: Fladenbrot, Butter, Honig, dazu Tee. Ob er mit jemanden sprechen könne, der Englisch versteht, fragt er. Der alte Mann zuckt die Schultern.

Erst Stunden später - Moser schätzt anhand der Sonnenstrahlung, dass es Vormittag ist - wird er aus der Zelle geholt. Wieder muss er die Augenbinde umlegen, wieder folgt eine kurze Autofahrt, bevor er in einem anderen Gebäude mit dem Gesicht zur Wand gestellt wird. Plötzlich hört der Rechtsanwalt eine Stimme, die ihn auf Deutsch auffordert: "Bitte warten Sie hier!" In dem Raum, in den er wenig später geführt wird, muss Moser auf einem Stuhl Platz nehmen, wieder mit dem Gesicht zur Wand. Es folgt ein Verhör in Schriftform: Der Vernehmer schreibt in Deutsch Fragen auf einen Block, reicht diesen von hinten an Moser und befiehlt, die Antworten aufzuschreiben. "Woher kennen Sie den Anwalt Mohammed?" Moser schildert die zufällige Begegnung im Zug. Der Geheimdienstmann glaubt ihm scheinbar nicht. "Woher kennen Sie ihn? Haben Sie mit ihm über Politik gesprochen?" Moser wiederholt, verneint.

Republik Iran

Der Mann, den Moser auf Mitte 30 schätzt, stellt spärliche Zwischenfragen mit scharfem, misstrauischem Unterton. Nach dem Mittagessen - Reis und Fleisch, das Moser mit verbundenen Augen löffeln muss - wiederholt sich die Prozedur auf Englisch, mit einem anderer Vernehmer, der Moser sympathischer ist. Manchmal kommt er mit ihm sogar ins Gespräch. Am Abend fragt der Beamte den Gefangenen, ob er etwas für ihn tun könne. Moser bittet um ein Buch, irgendein Buch, auf Englisch. Er bekommt einen englischen Gedichtband - "Selected Poems", von John Donne. Wie lange er denn noch hierbleiben müsse, fragt er den Beamten, in zwei Tagen gehe schließlich sein Rückflug. "Morgen sehen wir weiter", sagt der Mann bloß.

Sonntag, 28. Juni 2009, Teheran, Evin-Gefängnis

Andreas Moser fühlt sich in einem Vakuum aus Ungewissheit und Hoffnungslosigkeit gefangen. Am Mittag hätte er seinen Rückflug antreten sollen, stattdessen sitzt er immer noch hier, in dieser Zelle. Verzweifelt denkt er an seinen Freund in Deutschland: Spätestens heute muss Daniel die Botschaft alarmiert haben. Weiß das Auswärtige Amt, das er in Schwierigkeiten ist? Wie lange kann man in Einzelhaft sitzen, bevor man durchdreht?

Moser versucht zu lesen und schafft es nicht. Er richtete sich auf eine weitere, quälende Nacht ein, als unvermittelt die Metalltür aufspringt. Ein Wärter verbindet ihm die Augen und führt ihn hinaus auf den Zellenkorridor. Dort warten, so glaubt er, fünf bis sechs Männer. Ein Dolmetscher spricht ihn auf Englisch an. "Wir haben Dich festgehalten wegen des Verdachts der Verschwörung zum Schaden der Islamischen Republik Iran", sagt er. "Dir wird vorgeworfen, Dich als Rechtsanwalt mit anderen Rechtsanwälten getroffen zu haben, um Informationen nach Europa zu schmuggeln. Was sagst Du dazu?"

Um ein Uhr nachts erscheint der Richter. Alles ein Missverständnis. Moser kommt frei.

Moser beteuert wieder, dass alles nur ein Missverständnis war. Dass er den iranischen Kollegen nur flüchtig kenne, von der Begegnung im Zug. Dass er als Fachanwalt für Familienrecht überhaupt nichts mit Politik zu tun habe. Die Geheimdienstleute diskutieren auf Farsi. Dann soll Moser einen handschriftlichen Lebenslauf verfassen und aufschreiben, welchen Beruf seine Eltern haben, in welchen Ländern er schon war, wo seine Schwester wohnt. Schließlich sagt der Dolmetscher: "Sie glauben, dass es ein Fehler war, Dich festzunehmen. Vielleicht kommst Du heute noch frei."

Montag, 29. Juni 2009, Teheran, Evin-Gefängnis

Um ein Uhr früh wird Häftling Moser noch einmal aus der Zelle geholt und in einen benachbarten Gebäudetrakt gefahren. Er darf sich auf ein Sofa setzen und hört wieder den Dolmetscher. "Du darfst jetzt die Augenbinde abnehmen, aber sieh niemanden an!" Der Rechtsanwalt tut es trotzdem: Der Richter ist ein Mann Mitte 30, mit sauber gestutztem Bart, Brille und schwarzem Anzug ohne Krawatte. "Alles ist ein Missverständnis", sagt er, "entschuldige, dass wir so lange gebraucht haben, das herauszufinden." Moser müsse sich keine Sorgen machen: All seine Daten würden gelöscht, er könne jederzeit wieder nach Iran einreisen und würde auch künftig keine Probleme mit dem Visum haben. Zum Abschluss sagt der Richter, dass es ja eine lange Verbindung zwischen dem deutschen und dem iranischen Volk gäbe: Beide seien ja "arisch".

Montag, 29. Juni 2009 Teheran, Evin-Gefängnis

Nach dem Gespräch mit dem Richter muss Andreas Moser den Rest der Nacht wieder hinter Gittern verbringen. Jetzt, nach vier Tagen Einzelhaft bricht er zusammen. Schlägt mit dem Handtuch gegen die Zellenwand, hämmert mit den Fäusten an die Metalltür, schreit, brüllt, weint - ohne Reaktion. Am Montagmorgen wird er schließlich in eine neue Zelle gebracht und trifft endlich einen Mitgefangenen.

Der Mann, ein Zwei-Meter-Hüne um die 40, hat schütteres Haar und eine feste Stimme. Er spricht perfektes Englisch. "Du bist der Deutsche, stimmt's?", fragt er Moser. "Wie lange bist Du hier?" "Fünf Tage", antwortet der Anwalt. "Ich 15 Jahre", sagt der Mann. Heute sei sein letzter Tag. "Soll ich draußen jemandem Bescheid geben?" Moser bittet den Mann, dass er sich seinen Namen einprägt und die deutsche Botschaft informiert. Dann wird der Iraner abgeführt.

Dienstag, 30. Juni 2009 Teheran, Evin-Gefängnis

Am Abend erhält Häftling Moser eine Plastiktüte mit seinen Sachen zurück. Ein Gefängnisbeamter fragt ihn, wer ihn denn abholen würde. Der Deutsche weiß nicht so recht. Dann nennt er den Namen eines Teheraner Ingenieurs, den er bei seiner ersten Iran-Reise kennengelernt hat. Okay, man würde dort anrufen, verspricht der Wärter.

Späte Abenddämmerung liegt über der Stadt, als Andreas Moser zu einer niedrigen Pforte geführt wird. Ein Uniformierter öffnet die Tür und brüllt den Namen nach draußen, wie bei einem Bühnenauftritt - "Mr. Andreas!". Dann darf der Anwalt aus der Pforte treten. Er steht vor einem riesigen Abhang, den Rücken zu einer gewaltigen, dunkelgrauen Gefängnismauer.

Das Bild, das er jetzt sieht, sagt er, wird für immer in sein Gedächtnis eingebrannt bleiben: Am Horizont glitzern die Lichter von Teheran, und vor ihm, von gelben Scheinwerferlicht angestrahlt, steht ein Meer aus schweigenden, wartenden Menschen. Hunderte stehen dort, manche in Decken gehüllt, manche kauernd auf dem Boden. Als Andreas Moser durch das Menschenmeer geht, bildet sich respektvoll ein Spalier. Von allen Seiten werden ihm Namen zugeflüstert: Von Vätern, Brüdern, Ehemännern, von Freunden, Kommilitonen, Bekannten. Hat er sie gesehen? Leben sie noch?

Moser ist wie erstarrt, geht mechanisch den Abhang hinunter. Irgendwann erkennt er das Gesicht seines Bekannten, der ihn für die Nacht bei sich aufnimmt. Am nächsten Morgen fährt Moser zur deutschen Botschaft - noch am gleichen Tag fliegt er nach Hause.

Chronik

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