"Horrorszenen" Syrien-Beobachter gibt entsetzt auf

Seit zehn Tagen sind die Beobachter der Arabischen Liga in Syrien. Jetzt hat der erste das Land aus Protest verlassen. Der Algerier Anwar Malek sagt, er und seine Kollegen seien von Assads Regime "zum Narren gehalten worden". Der Präsident lässt sich in Damaskus von seinen Anhängern feiern.

Beobachter in Daraa (Archivbild): Zeuge fürchterlicher Szenen
DPA/ SANA

Beobachter in Daraa (Archivbild): Zeuge fürchterlicher Szenen


Damaskus - Er ist der erste Beobachter der Arabischen Liga, der offen Kritik an der Mission in Syrien ausspricht: Der Algerier Anwar Malek sagte dem Fernsehsender al-Dschasira, er sei Zeuge fürchterlicher Szenen geworden und habe diese nicht verhindern können. Durch seine Tätigkeit habe er es dem Regime von Präsident Baschar al-Assad sogar erleichtert, mit dem Töten weiterzumachen. Er habe das Land aus Protest gegen die dort herrschende Gewalt wieder verlassen.

"Ich habe Horrorszenen gesehen, verbrannte Körper ... ich kann mein Mitgefühl in dieser Lage nicht zurückstellen", sagte Malek. Er sei in der Rebellenhochburg Homs in Zentralsyrien im Einsatz gewesen. Er und seine Kollegen seien von Assads Sicherheitsleuten "zum Narren gehalten worden". Die Mission nannte der Algerier eine "Farce".

"Die Gefangenen werden gefoltert, niemand wurde freigelassen", fügte Malek hinzu. Stattdessen seien Menschen auf der Straße festgenommen und den Beobachtern als freigelassene Gefangene vorgeführt worden. Die syrische Regierung habe überdies "Spione und Mitglieder der Geheimdienste" als Fahrer und Begleiter der Beobachter engagiert. "Sobald wir einen Bezirk verließen, wurden die Leute dort angegriffen."

Derzeit sind 165 Kontrolleure der Arabischen Liga in Syrien im Einsatz. Sie sind seit Dezember im Land. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, den Abzug der Truppen aus den Städten und die Freilassung politischer Gefangener zu überwachen. Die Opposition kritisiert den Einsatz der Mission, der bis zum 19. Januar geplant ist, da die Gewalt unvermindert weitergeht.

Malek kritisierte in dem TV-Interview auch den umstrittenen Chef des Beobachter-Teams, den sudanesischen General Mohammed al-Dabi. Dieser versuche einen "Mittelkurs" zu fahren, um weder die Regierung noch irgendeine andere Seite gegen sich aufzubringen. Dabis Ernennung war von Anfang an umstritten. Er gilt als Vertrauter des sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir, der wegen Kriegsverbrechen in Darfur mit internationalem Haftbefehl gesucht wird.

Uno: Syrien verschärft Gewalt gegen Demonstranten

Dienstagnacht hatte die Uno neue erschreckende Zahlen für Syrien vorgelegt. Seit der Ankunft der arabischen Beobachter vor zehn Tagen sind in dem Land 400 weitere Menschen getötet worden. Die Zahl der Toten sei mit etwa 40 pro Tag deutlich höher als vor der Ankunft der Beobachter der Arabischen Liga, kritisierte die amerikanische Uno-Botschafterin Susan Rice. Dies sei ein klarer Hinweis darauf, dass Assads Regierung die Gewalt weiter verschärfe, anstatt sie, wie versprochen, zu beenden.

Syriens Uno-Botschafter Bashar Jaafari machte dagegen westliche Mächte für die Tötungen verantwortlich. Diese fachten die Gewalt an und ermutigten die Regierungsgegner, ihre Waffen nicht abzugeben und keinen Dialog einzugehen, sagte der Botschafter.

Assad leugnet Schießbefehl

Am Mittwoch zeigte sich Assad auf einem Platz in Damaskus und sprach zu Tausenden seiner Anhänger. Der Präsident ließ sich von ihnen bejubeln. Umringt von Sicherheitskräften erschien er in der Menge, die Flaggen und Porträts des Präsidenten schwenkte. Er habe den "überwältigenden Wunsch" gehabt, unter ihnen zu sein, sagte er den Tausenden Menschen. Seit Beginn der Proteste gegen seine Regierung vor zehn Monaten trat Assad nur selten öffentlich auf.

Bereits am Dienstag hatte er in einer Rede an der Universität Damaskus für den Aufstand in seinem Land "Terroristen" verantwortlich gemacht. Die Drahtzieher säßen im Ausland. Er werde die Ordnung mit "eiserner Faust" wiederherstellen.

Er widersprach zudem Berichten, dass es Befehle für die Regierungstruppen gebe, auf protestierende Regimegegner zu feuern. "Es gibt keine Anweisungen für irgendwen auf Bürger zu schießen", sagte Assad. Die Aussage steht im krassen Gegensatz zu den Beobachtungen von Menschenrechtlern.

Zuletzt hatte Human Rights Watch im Dezember 2011 gemeldet, dass das Militär einen klaren Schießbefehl habe. Die Organisation beruft sich auf Dutzende Interviews mit desertierten Soldaten und früheren Angehörigen der Geheimdienste.

USA kritisieren Assad-Rede

Die USA reagierten empört auf Assads Rede. Der Präsident leugne seine eigene Verantwortung für die Gewalt in Syrien, sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Victoria Nuland. Er scheine jede Verantwortung der Sicherheitskräfte für die blutige Unterdrückung in Abrede zu stellen. Assads Bemühen, das Vorgehen gegen Demonstranten zu verteidigen, zeige erneut, dass er nicht der Richtige sei, um das Land in die Demokratie zu führen.

Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) kritisierte die Ansprache: "Das war eine sehr enttäuschende Rede, und es war eine Rede der verpassten Chancen." Er fürchte, dass die Lage in Syrien nach Assads Worten eher ernster als entspannter geworden sei.

Russland lehnt eine "einseitige" Verurteilung des Assad-Regimes im Weltsicherheitsrat weiterhin ab. Moskau forderte die Beobachter der Arabischen Liga auf, die Aufständischen stärker zu kontrollieren. Die Mission solle nicht nur die Aktionen des Regimes überprüfen, sagte Außenminister Sergej Lawrow in einem Telefonat mit Liga-Generalsekretär Nabil al-Arabi. Vor der Küste stoppten die Behörden am Mittwoch ein Frachter, der Munition nach Syrien bringen sollte. Das Schiff stammte den Angaben zufolge aus Russland.

Am Mittwoch lieferten sich Soldaten und mutmaßliche Deserteure in der Unruheprovinz Homs nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten wieder heftige Gefechte. Seit dem Beginn des Aufstands gegen das Regime im März sind nach Uno-Schätzungen mehr als 5000 Menschen ums Leben gekommen. Assad spricht dagegen von Terroristen und bewaffneten Banden, die bisher 2000 Angehörige der Sicherheitskräfte getötet haben sollen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warnte bereits vor einem Bürgerkrieg.

heb/Reuters/dpa/dapd/AFP

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Seite 1
bleifuß 11.01.2012
1.
Zitat von sysopSeit zehn Tagen sind die Beobachter der Arabischen Liga in Syrien im Einsatz. Jetzt hat der erste das Land aus Protest wieder verlassen. Der Algerier Anwar Malek*sagte, er und seine Kollegen seien von Assads Regime "zum Narren gehalten worden". Der Präsident ließ sich*in Damaskus von seinen Anhängern bejubeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808464,00.html
Wie freundlich sind ist die arabische Liga denn gegenüber Syrien eingestellt? Eine Frage die, die ganze Berichterstattung im Zweifel erscheinen läßt.
tollhans 11.01.2012
2. Syrien wird für die Russen das was Libyen für die NATO war.
Der russische Flugzeugträger vor Syriens Küste zeigt, dass die Russen kein Vertrauen haben, dass Assad sich aus eigener Kraft behauptet. Jetzt sind russische Luftschläge auf die Rebellen zu erwarten, vielleicht auch auf arabische "Freiwillige", die sich ihnen anschließen. So oder so, Assads Lage ist kritisch.
heinerz 11.01.2012
3. Anhänger
Zitat von sysopSeit zehn Tagen sind die Beobachter der Arabischen Liga in Syrien im Einsatz. Jetzt hat der erste das Land aus Protest wieder verlassen. Der Algerier Anwar Malek*sagte, er und seine Kollegen seien von Assads Regime "zum Narren gehalten worden". Der Präsident ließ sich*in Damaskus von seinen Anhängern bejubeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808464,00.html
Seit wann hat denn Assad noch Anhänger? Es heißt doch immer: Ganz Syrien will Assad loswerden...
Medianet 11.01.2012
4. .
Ich warte schon auf die Posting in denen der Algerier als CIA oder Mossad Agent eingestuft wird, oder als von Katar bezahlt.
deus-Lo-vult 11.01.2012
5. ...
Zitat von sysopSeit zehn Tagen sind die Beobachter der Arabischen Liga in Syrien im Einsatz. Jetzt hat der erste das Land aus Protest wieder verlassen. Der Algerier Anwar Malek*sagte, er und seine Kollegen seien von Assads Regime "zum Narren gehalten worden". Der Präsident ließ sich*in Damaskus von seinen Anhängern bejubeln. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,808464,00.html
Ach, das ist doch wieder ein Ente! Sowas würde ein Beobachter doch niemals sagen! Denn, das wissen ja die meisten Foristen hier, sind die Aufständischen doch alles Terroristen, die von Israel und den USA gesteuert werden. Dieser Beobachter ist bestimmt auch von einem dieser beiden Schurkenstaaten bestochen. Wer Sarkasmus findet darf ihn behalten!
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