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Selbstmordanschlag in Kabul: Terrorkommando stürmt Luxushotel

Foto: OMAR SOBHANI/ REUTERS

Hotel-Attacke in Kabul Taliban torpedieren Sicherheits-Übergabe

Es war ein Angriff von hohem Symbolwert: Mit dem Anschlag auf ein Hotel in Kabul haben die Taliban Schlagkraft demonstriert. Stundenlang besetzten sie das Gebäude, erst ein Nato-Helikopter beendete die Gefechte. Der Plan zur Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen ist gefährdet.

Berlin/Kabul - Vom alten Glanz des Intercontinental ist schon seit langem nicht mehr viel übrig. Dennoch war das riesige Hotel auf einer Hügelspitze im Westen Kabuls am Dienstagabend so gut besucht wie lange nicht mehr: Eine Hochzeit mit prominenten Gästen und mehrere Abendgesellschaften füllten die Säle und das Gartenrestaurant am Pool. Außerdem im Haus: Mitarbeiter, Journalisten und die ersten der sechs Gouverneure, die am Mittwoch hier ihre Konferenz zur Übergabe der Sicherheitsverantwortung - im Nato-Jargon "transition" genannt - abhalten wollten.

"Wir saßen noch am Pool und tranken Tee, viele Hochzeitsgäste waren schon gegangen, als wir die ersten Schüsse hörten", erinnert sich Nur Mohammed, ein Hochzeitsgast. "Einer der Angreifer trug eine dunkelgrüne Uniform", berichtet Nasir Ameri. Der Exil-Afghane aus Deutschland wohnt immer im Interconti, wenn er in Kabul ist. "Das sah für mich aus wie die Uniform vom NDS, dem Geheimdienst, aber ganz sicher bin ich mir nicht", sagt er. Dann sei ein Mann auf den Eingang zugelaufen, habe sofort den Wachpolizisten erschossen.

"Danach ging alles rasend schnell", erinnert sich Ameri, "es fielen Schüsse, ich habe mich nur noch geduckt und dann versteckt." Vermutlich hat dies dem Mann das Leben gerettet. Ameri gehört zu den Augenzeugen eines der heftigsten und möglicherweise folgenreichsten Angriffe der Taliban in den vergangenen Monaten. Mitten in Kabul drangen sie mit acht schwerbewaffneten Männern - teilweise trugen sie Sprengstoffwesten - auf das Gelände des Hotels vor, besetzten die Nobelherberge über mehrere Stunden und lieferten sich ein langes Gefecht mit der afghanischen Armee.

Die vorläufige Bilanz der konzertierten Attacke, die erst durch einen Angriff eines Nato-Kampfhubschraubers am frühen Morgen beendet werden konnte, ist verheerend: Außer den Angreifern wurden mindestens drei Polizisten und fünf Hotelangestellte getötet, zudem kamen ein Türke und ein Spanier ums Leben. Die Angaben zur Anzahl der Opfer schwankten am Mittwoch. Immer wieder meldeten verschiedene afghanische Behörden unterschiedliche Details, Polizisten begründeten dies mit dem anhaltenden Chaos bei den Ermittlungen.

Was sich in den fünf Stunden nach 22 Uhr abspielte, ist ein schlechtes Omen für die von der Nato angestrebte baldige Sicherheitsübergabe an die afghanische Armee und die Polizei. So fragen sich Beobachter, wie das Team der Attentäter überhaupt auf das Gelände des Hotels gelangen konnte. Trotz der verstärkten Sicherheitsmaßnahmen hatten sie sich offenbar durch den Garten der Anlage anschleichen können und schlugen dann zu. Westliche Diplomaten vermuten, dass sie dafür Komplizen im Hotel oder sogar bei der Polizei gehabt haben müssen.

Relative Sicherheit? Nicht in Kabul

Zudem zeigt die Attacke, dass selbst in Kabul die gern zitierte relative Sicherheit nicht existiert. In den vorigen Tagen war die Stadt wegen vieler Treffen internationaler und afghanischer Politiker übersät mit Checkpoints und Armeepatrouillen - doch diese konnten den Angriff auf das Hotel nicht verhindern. Die Fernsehbilder vom brennenden Intercontinental, die seit dem späten Dienstagabend weltweit in den Nachrichten liefen, machten wenig Hoffnung, dass die internationale Schutztruppe den Afghanen die Verantwortung über ihre Städte schon bald übergeben und selbst abziehen kann.

Die Attacke war an Symbolcharakter kaum zu übertreffen. Am Wochenende hatten sich in Kabul die Sonderbotschafter aus den in Afghanistan engagierten Ländern getroffen, um letzte Details der Übergabe zu besprechen. Der Prozess, der den (von allen Nationen und auch von den Afghanen gewollten) Abzug der internationalen Soldaten einleiten soll, beginnt in diesen Tagen. Der Angriff bewies, dass die Afghanen Kabul - die Stadt ist der erste "Transition"-Kandidat - kaum unter Kontrolle haben.

Im Intercontinental hielten sich zur Zeit des Anschlags mehrere Gouverneure jener Provinzen auf, in denen die Übergabe beginnen soll. Mittlerweile sind sich Ermittler sicher, dass ihnen der Anschlag galt. "Es sollte ein Zeichen werden", so ein hochrangiger europäischer Diplomat, "ein Symbol, dass alle Unterstützer der Übergabe an die Afghanen nun um ihr Leben fürchten müssen." Bereits in den vergangenen Wochen waren bei Anschlägen, teilweise auch im Einsatzgebiet der Bundeswehr, immer wieder politische Befürworter und Partner der Übergabestrategie getötet worden.

Wie sich die Nato die Lage schönredet

Wie fragil die Lage ist, konnte man auch an den Reaktionen ablesen - es waren allesamt Durchhalteparolen. Präsident Hamid Karzai verurteilte den Anschlag. Gleichwohl, so Karzai, werde niemand, auch nicht mit Gewalt, den Übergabeprozess zum Entgleisen bringen. Ähnlich äußerte sich Außenminister Guido Westerwelle. Zum zweiten Mal in kurzer Zeit musste er den Afghanen kondolieren. Und wieder betont er dabei, dass es keinen anderen Weg als die Übergabe gebe, die letztlich den Abzug auch der Bundeswehr ermöglichen soll.

Auch die Isaf mühte sich, das Positive an der Attacke herauszustreichen. Zwar hätten die Afghanen letztlich einen Kampfhubschrauber angefordert, um mehrere Angreifer auf dem Dach zu töten, hieß es aus dem Hauptquartier. Zuvor aber hätten sich die lokalen Sicherheitskräfte ganz gut geschlagen, sagte ein Sprecher. Solche Euphemismen nach einem Anschlag wie am Dienstag mögen für Außenstehende eigenartig klingen, doch sie zeigen, dass die Nato sich die Lage immer weiter schönredet, um am Ende irgendwie ihre Soldaten abziehen zu können.

Für die kommenden Wochen müssen sowohl die afghanische Regierung als auch das Militärbündnis mit harten Zeiten rechnen. Spätestens durch die Attacke in Kabul ist klar, dass die Taliban alle Symbole für den Übergabeprozess als potentielle Ziele für ihre brutalen Attacken ausgemacht haben. Entsprechende Anlässe und Zeremonien gibt es in den kommenden Wochen reichlich. Schon am 20. Juli soll in einer großen Feier die Sicherheitsverantwortung in Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr ihr größtes Feldlager betreibt, an die Afghanen abgegeben werden.

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