Hrant Dink Ein Land sucht einen Mörder

Während die Polizei Fahndungsfotos eines Verdächtigen veröffentlicht, steht die Türkei noch unter Schock. Die Menschen fragen sich: Warum gibt es noch immer politische Morde? Und wer steckt hinter dem Attentat?

Istanbul - Dieses Bild wird die Türkei noch lange verfolgen. Ein lebloser Körper liegt mitten in einer belebten Istanbuler Geschäftsstraße auf dem Bürgersteig, bäuchlings, das Gesicht auf dem Asphalt. Notdürftig haben Polizisten weißes Papier über die Leiche gedeckt, die Füße in braunen Männerschuhen schauen noch heraus. Das Pflaster ist blutgetränkt. Der Tote unter der Decke ist Hrant Dink, 52, prominenter Journalist armenischer Herkunft, erschossen am Freitag von einem noch immer flüchtigen Killer, der inzwischen landesweit per Fahndungsbild gesucht wird.

In den meisten türkischen Tageszeitungen prangte das Foto des toten Dink in den Samstagsausgaben am Tag nach dem Mord auf der Titelseite, die Aufmachungen drücken den Schock aus, den das Attentat bis in breite Schichten der türkischen Gesellschaft ausgelöst hat.

"Der größte Verrat", titelte das Boulevardblatt "Sabah" ähnlich wie "Hürriyet", die den Mörder einen "Vaterlandsverräter" schimpft. Mit Dink wurde die ganze Türkei getroffen, ihr Zusammenhalt, ihre politische Stabilität, ihr internationales Ansehen, das ist fast durchgängige Meinung in der Presse. "Schüsse auf die Türkei!", titelt die links-nationale "Cumhurriyet", die liberale Wirtschaftszeitung "Referans" greift gar den Slogan der Demonstranten auf, die schon kurz nach dem Attentat auf die Straße zogen und skandierten: "Wir alle sind Hrant Dink".

Das Attentat auf den Publizisten nährt die Furcht vor einem Wiederaufflammen der politischen Attentate in der Türkei, wo bis in die 90 Jahre hinein Dutzende Journalisten wegen mißliebiger Recherchen über dunkle Machenschaften in Teilen des Staates oder ihr Eintreten für Freiheit und Menschenrechte getötet wurden. "Wer ist der nächste?", fragte "Cumhuriyet" bereits besorgt. Im April stehen Präsidentenwahlen an, das Klima ist bereits aufgeheizt.

"Die Tat hat mit dem wachsenden Nationalismus in der Türkei zu tun, dazu braucht man nicht viel Phantasie", sagt Joost Lagendijk, Co-Vorsitzender des Türkei-Ausschusses im Europa-Parlament. Er war für nächste Woche mit Dink in Istanbul verabredet gewesen. In den Frustrationen über den schleppenden EU-Prozess bekommen die anti-westlichen Nationalisten in der Türkei seit einiger Zeit wieder Auftrieb. Die Hintermänner des Mordes wollten offenbar Angst schüren, "als Warnung an alle, die in der Türkei wie Dink offen ihre Meinung sagen – sie laufen Gefahr, erschossen zu werden". Wie viele Europäer zeigte sich Lagendijk tief erschüttert über die Ermordung Dinks, der als mutiger Demokrat in Brüssel und Straßburg hoch anerkannt war.

Tatsache ist, daß Dink von radikalen Nationalisten massiv bedroht wurde. Eine ultra-nationalistische Anwaltsvereinigung hatte ihn bereits wegen vermeintlicher Beleidigung des Türkentums vor Gericht gezerrt, vor und nach den Prozessen kam es häufig zu hasserfüllten Übergriffen. Doch kommt aus ihren Kreisen der Täter?

Dink erhielt schon seit längerem Morddrohungen. Die Drohbriefe und Anrufe seien für ihn schon "Teil des täglichen Lebens" geworden, berichtete ein Redakteur von "Agos", der von Dink herausgegebenen armenisch-türkischen Wochenzeitung. Auch ein ehemaliger hoher Offizier der türkischen Armee, der in zwielichtige Seilschaften zwischen Sicherheitsdiensten und Mafia verwickelt sein soll, habe versucht, Dink einzuschüchtern, erzählte sein Anwalt. Der Journalist hatte Angst, wollte sich aber nicht von der Polizei beschützen lassen. Letzlich vertraute er doch darauf, man werde ihm nichts tun, "wie den Tauben", so sagte er selbst in einem seiner letzten Artikel, nach denen man tritt oder Steine wirft, die man aber nicht tötet. Weggefährten Dinks und auch Medien werfen Polizei und Staatsanwaltschaft dennoch Tatenlosigkeit und Versagen vor, denn Dink hatte ihnen schon vor etlichen Monaten über die Drohungen berichtet, erst zuletzt habe er einen "sehr konkreten" Brief vorgelegt.

Vor allem liberale Medien und Gruppen sehen die Drahtzieher des Attentats unter den ultra-nationalistischen türkischen "Faschisten", die einen prominenten Verfechter der Pressefreiheit mundtot machen und den Demokratisierungsprozeß in der Türkei torpedieren wollen. "Da waren Kräfte am Werk, die nicht wollen, daß die Türkei nach Europa kommt", sagt der Agos-Journalist und Freund Dinks, Aydin Engin. Auch sein Lebenswerk, die Aussöhnung zwischen Armeniern und Türken, paßte fanatischen türkischen Nationalisten nicht ins Konzept.

"Ich habe den Armenier totgeschossen!", soll der Todesschütze nach Aussage einer Zeugin nach der Tat gerufen haben, bevor er wegrannte. Soll die Minderheit der Armenier in der Türkei aufgewiegelt werden? Galt der Anschlag damit auch den Christen?

Konservative Kräfte heizten sogar Spekulationen an, der Mord könne auf perfide Weise gar den Interessen der Armenier dienen und ihrer Forderung an die Türkei, endlich die "historische Schuld" der Türken als Nachfahren des Osmanischen Reiches für den "Völkermord" an den Armeniern 1915 anzuerkennen. "Der Mord wird uns einen Schuldkomplex in der Völkermordfrage aufdrängen", konstatierte der Chef der Mutterlandspartei, Erkan Mumcu, und die Zeitung "Hürriyet" kommentierte: "Sehr richtig!".

Steckt nicht doch der "tiefe Staat" dahinter, die obskuren Netzwerke im Untergrund der Türkei, die angeblich immer wieder mit gezielten Provokationen dafür sorgen, daß die Türkei nicht zu weit nach Westen gerät und nicht allzu demokratisch wird, und dabei alte Feindbilder pflegen wollen? Kollegen Dinks erklärten, er selbst habe wegen der Drohungen gegen ihn von solchen Verbindungen gesprochen.

Konjunktur haben nun aber auch, wie so oft in der Türkei, wieder jene Verschwörungstheorien, die "imperialistische", "ausländische Mächte" am Werke sehen, die die Türkei schwächen wollten.

Unrühmliche Tradition in der Türkei ist es, daß politische Morde in der Regel nie wirklich aufgeklärt werden. Selbst wenn ein Täter geschnappt wird, wie im Fall des 1979 ermordeten Chefredakteurs Abdi Ipekci, bleiben die Hintermänner der Tat doch im Dunkeln. Als Schütze auf Ipekci wurde damals der Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca festgesetzt, doch wer war sein Auftraggeber? Auch beim Priestermord von Trabzon, der im vergangenen Jahr die Türkei erschütterte, bleiben noch viele Fragen offen, obwohl ein 16jähriger kürzlich für die Tat verurteilt wurde.

Bei ihrer letzten Begegnung vor ein paar Monaten, erinnert sich die mit Dink befreundete Journalistin Onur Burcak, habe er davon gesprochen, daß er vielleicht doch seine geliebte Türkei verlassen und ins Ausland gehen müsse. "Nein, das ist Quatsch, wir brauchen Dich hier!", habe sie ihn gedrängt. "Und nun", so die Journalistin unter Tränen, "ist er tot, weil er geblieben ist".

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