Hugo Chávez auf Kuba Der venezolanische Patient

Was ist los mit Hugo Chávez? Vor zwei Wochen musste Venezuelas Präsident auf Kuba operiert werden, seither hält sich der sonst so kameraverliebte Politiker bedeckt. Weltweit rätseln Medien, was dem Mann fehlt - sogar über den Racheakt eines betrogenen Liebhabers wird spekuliert. 

DPA

Von , Buenos Aires


Havanna - Die Stille erschien vielen verdächtig. 20 Tage lang meldete sich Venezuelas Präsident Hugo Chávez nicht bei Twitter, sonst seine große Leidenschaft. Erst am Freitagmorgen konnten Genossen erleichtert aufatmen: Chávez schickte revolutionäre Grüße und eine "gigantische Umarmung an meine Soldaten und mein bewaffnetes Volk". Doch in die Heimat ist er noch immer nicht zurückgekehrt.

Seit dem 5. Juni hat er Venezuela nicht mehr betreten, an dem Tag brach er zu einer Reise durch Südamerika und die Karibik auf. Fünf Tage später musste Chávez, 59, auf Kuba dringend operiert werden. Die offizielle Erklärung: ein Abszess in der Beckengegend. Weitere Details wurden zunächst nicht bekannt. Und das nährt Spekulationen.

Auch in internationalen Medien wurde nicht nur ausführlich über mögliche Ursachen des Abszesses ("eine bakterielle Infektion") debattiert, auch andere Erklärungen werden erwogen. Je länger die Behörden nähere Auskunft verweigerten, desto mehr Gerüchte wucherten.

Einige vermuten als wahre Ursache für den langen Spitalaufenthalt eine schwere Krankheit, vielleicht Prostatakrebs. Andere tuscheln über eine Schönheitsoperation. Hat Chávez sich etwa Fett absaugen lassen? Das wildeste Szenario würde auch die Produzenten einer venezolanischen Telenovela begeistern: Ein hochrangiger kubanischer Funktionär habe Chávez mit seiner Ehefrau im Bett erwischt und ihm ins Bein geschossen.

Wie das mit Gerüchten so ist, weiß keiner, wer sie gestreut hat und wie viel Wahrheit die verschiedenen Versionen bergen. Die Regierung besteht darauf: Es ist ein Abszess.

Fotos im Trainingsanzug

Doch es ist ungewöhnlich still geworden um Chávez, dem seine Bürger sonst täglich auf allen Kanälen begegnen, gern auch in stundenlangen Fernsehvorträgen. Selbst die wöchentliche Sendung "Aló Presidente" fällt zurzeit aus. Während die Menschen in zahlreichen Bundesstaaten Venezuelas seit Wochen immer wieder stundenlange Stromausfälle ertragen und außerdem ein brutaler Häftlingsaufstand in einem Gefängnis tobt, hält sich der sonst so gesprächige Staatschef zurück.

Nur einmal in den zwei Wochen seit seiner Operation hat sich der Patient öffentlich geäußert. Er habe sich Biopsien und Untersuchungen in unterschiedlichen Labors unterziehen müssen, erklärte er in einem Telefoninterview. Er sei aber "voll einsatzfähig".

Dann gab es noch ein paar brüderliche Fotos mit Fidel und Raúl Castro im Krankenhaus. Chávez und Fidel wählten beide den sportlichen Trainingsanzug - der Venezolaner in seinen Nationalfarben -, während Raúl die olivgrüne Militäruniform bevorzugte. Im Hintergrund hingen ein paar hübsche Krankenhausgardinen mit rosafarbener Verzierung. Für die Kameras wurde viel gelächelt.

Deutlich weniger harmonisch geht es in der Heimat zu. Von Havanna aus unterzeichnete Chávez ein Haushaltsergänzungsgesetz. Oppositionspolitikerin María Corina Machado schäumte daraufhin, Venezuela werde jetzt von Kuba aus regiert. Das sei eine "noch nie dagewesene Situation, die die venezolanische Souveränität kompromittiert".

Genossin beschimpft Kritiker als geisteskrank

Als das Parlament, wie von der Verfassung vorgeschrieben, die mehr als fünf Tage dauernde Abwesenheit des Präsidenten aus Venezuela autorisieren musste, geschah das unter heftigen verbalen Auseinandersetzungen und Beleidigungen.

Eine hohe Funktionärin von Chávez' sozialistischer Partei PSUV nutzte die Partei-Web-Seite, um die politischen Gegner zu beschimpfen. Auch ein "charismatischer Mensch" wie Chávez könne krank werden, schrieb Antonia Muñoz: "Es kann nicht sein, dass der Präsident ins Land zurückeilen muss, um die Sensationsgier einiger Oppositionsvertreter zu befriedigen, die verdrehte Gehirne haben und, was ihre geistige Fähigkeiten betrifft, definitiv unheilbar krank sind."

Abgesehen von diesen Einlassungen erläuterte sie etwas detaillierter, wie es um den Abszess des "Presidente" bestellt sei: Die Infektion werde mit Antibiotika behandelt, die Chávez oral einnehme. Obwohl der Abszess gutartig sei, müsse er weiter beobachtet und behandelt werden.

"Die Rückkehr wird großartig"

Minister und Vizepräsident versichern bereits seit Wochen, der Patient genese, er werde kontinuierlich über die Staatsgeschäfte informiert und habe weiter die Befehlsgewalt. Chávez sei ein "sehr starker Mann, der nicht nur ein großes Herz, sondern auch einen mächtigen Geist hat, und das beeinflusst natürlich die Genesung", erklärte Bruder Adán zuletzt im Fernsehsender VTV.

Er nannte auch ein Datum für die Heimreise des Staatschefs: in "zehn oder zwölf Tagen". Darüber hatte es zuvor ebenfalls Verwirrung gegeben. Anfang der Woche hatte ein sozialistischer Abgeordneter angekündigt, Chávez werde in den "nächsten Stunden" zurückkommen: "Die Rückkehr wird großartig." Informationsminister Andrés Izarra dementierte umgehend. Das sei falsch. "Der Präsident befindet sich noch in der Genesung", so Izarra, "wir begleiten ihn mit unserer Liebe und Solidarität."

Das tun auch seine Anhänger. Einige versichern, sie stünden "Gewehr bei Fuß, bis der Comandante zurückkehrt", und wachten in seiner Abwesenheit über die Werte der Revolution. Andere verlassen sich lieber auf göttlichen Beistand. Am Donnerstag versammelten sich Chávez-Fans auf zentralen Plätzen in dem Bundesstaat Táchira, um für die Gesundheit ihres Präsidenten zu beten.



insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
Chrysop, 25.06.2011
1. Gerüchte passen besser in die Bunte
Zitat von sysopWas ist los mit Hugo Chávez? Vor zwei Wochen musste Venezuelas Präsident auf Kuba operiert werden, seither hält sich der sonst so kameraverliebte Politiker bedeckt. Weltweit rätseln Medien, was dem Mann fehlt*-*sogar über den Racheakt eines betrogenen Liebhabers wird spekuliert.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770494,00.html
Nachdem westliche Qualitätsmedien schon öfters Castro auf dem Totenbett sahen, Spiegel davon berichtete, dass Gerüchte umgingen, er sei sogar schon verstorben, dürfte auch Chavezs Krankenhausaufenthalt keine große Sache sein.
gerd1407 25.06.2011
2. Na so was...
Zitat von ChrysopNachdem westliche Qualitätsmedien schon öfters Castro auf dem Totenbett sahen, Spiegel davon berichtete, dass Gerüchte umgingen, er sei sogar schon verstorben, dürfte auch Chavezs Krankenhausaufenthalt keine große Sache sein.
...Qualitätsmedien..aha. Die erlauben dir aber hier in aller Offenheit deine Ansichten zu verbreiten. Versuch das doch auf Kuba. Und die Venezolaner bekommen im Übrigen nur das was sie mit Chavez gewählt haben - Sozialismus. Kennen wir ja noch nicht. Ich gönne es ihnen. Wenn es ihnen nicht gefällt können sie ja nach Nordkorea auswandern...
Modula 25.06.2011
3. Na klar ...
... nach Kuba wegen eines Abszesses inkl. Antibiotikabehandlung. Und im Himmel ist Jahrmarkt ...
derfflingert, 25.06.2011
4. Spekulation...
Zitat von sysopWas ist los mit Hugo Chávez? Vor zwei Wochen musste Venezuelas Präsident auf Kuba operiert werden, seither hält sich der sonst so kameraverliebte Politiker bedeckt. Weltweit rätseln Medien, was dem Mann fehlt*-*sogar über den Racheakt eines betrogenen Liebhabers wird spekuliert.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770494,00.html
Warum immer das Schlimme vermuten? Wie wäre es mit einer gedeckt perforierten Dickdarmdivertikulits mit konsekutivem Abszess ? Begründet eine Not OP, ist ernst aber in der Regel beherrschbar, heilt nicht innerhalb von Tagen, kann postoperativ allerlei Komplikationen verursachen. Für mich stellt sich eher die Frage, ob die Kliniken in Venezuela so schlecht sind, dass Chavez, weshalb letztlich auch immer, dazu nach Kuba reisen musste? Wenn ja, reisen dann auch seine Volksgenossen bei solcher Erkrankung nach Kuba?
joder 25.06.2011
5. ähm...
übrigens!"amado" heisst geliebt und nicht bewaffnet.Nur so um das reisserische Element zu entschärfen. :)
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