Human Rights Watch Menschenrechtler werfen afghanischen Sondereinheiten Kriegsverbrechen vor

Nächtliches Eindringen in Häuser, wahllose Tötung von Zivilisten, Erschießungen vor Ort: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erhebt schwere Vorwürfe gegen Spezialeinheiten des afghanischen Geheimdienstes.


Afghanische Einheiten, die vom US-Geheimdienst CIA unterstützt werden, haben der Organisation Human Rights Watch (HRW) zufolge schwere Menschenrechtsverletzungen begangen. Diese Einheiten hätten bei Operationen unrechtmäßig Zivilisten getötet, Festgenommene verschwinden lassen oder etwa Kliniken angegriffen, heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation.

Darin werden 14 schwere Übergriffe in einem Zeitraum von Ende 2017 bis Mitte 2019 dokumentiert. Manche sind laut HRW als Kriegsverbrechen einzustufen.

Die Einheiten gehörten nominell dem afghanischen Geheimdienst NDS an, sie fielen aber weder unter dessen normale Befehlskette noch unter US-amerikanische Befehlsketten, heißt es in dem Bericht. Ihre Mitglieder würden größtenteils von der CIA angeworben, geschult, ausgerüstet und beaufsichtigt.

Unter den Vorwürfen: Erschießungen vor Ort

Sie führten vor allem Nachteinsätze durch, um Aufständische gefangen zu nehmen oder zu töten, heißt es weiter. Die Einheiten würden in Häuser eindringen, diese durchsuchen und Bewohner befragen. Verdächtige würden mitgenommen, ohne den Familien zu sagen, wohin. Andere seien direkt vor Ort erschossen worden.

Viele der von HRW untersuchten Nachteinsätze seien auf schlechte Geheimdienstinformationen hin erfolgt. Auch Identitäten der Hausbewohner seien verwechselt worden oder die Durchsuchungen auf politische Rivalitäten in den Dörfern zurückzuführen gewesen. Oft gingen die Nachteinsätze auch mit Luftangriffen einher, bei denen Zivilisten wahllos oder unverhältnismäßig getötet würden.

HRW fordert in dem Bericht die unverzügliche Auflösung der Einheiten. Laut einem Uno-Bericht wurden von Januar bis September 205 Zivilisten bei derartigen Operationen getötet. Dies ist ein Anstieg von 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Zahl der US-Luftangriffe im September besonders hoch

Auch die Zahl der US-Luftschläge in dem Land nahm zuletzt zu und war im September so hoch wie noch nie seit 2013. Das geht aus einem Bericht des US-Generalinspekteurs für den Wiederaufbau in Afghanistan (Sigar) hervor. Demnach haben Piloten der US-Luftwaffe in dem Land im September 948 Geschosse abgefeuert. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2013 waren es noch nie so viele innerhalb eines Monats. Die Geschosse sind zumeist Raketen.

US-Präsident Donald Trump hatte Anfang September bei einer Gedenkveranstaltung zum 11. September gesagt, in den Tagen zuvor hätten die USA den Feind in Afghanistan stärker getroffen als jemals zuvor - und vorausgesagt, dass dies so weiter gehen werde. Am 7. September hatte er Gespräche über Wege zu Frieden in Afghanistan mit den aufständischen Taliban abgebrochen, nachdem bei einem Anschlag in Kabul ein US-Soldat ums Leben gekommen war.

Insgesamt wurden von Januar bis September Statistiken der US-Luftwaffe zufolge 5431 Geschosse abgefeuert. Das sind vier Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Luftschläge in Afghanistan ist seit 2015 gestiegen, ab 2017 massiv. Die Befugnisse für Luftschläge waren sukzessive erweitert worden. Die Zahl der zivilen Opfer durch die US-Luftschläge ist stark angestiegen.

In dem vierteljährlich erscheinenden Sigar-Bericht wurden in der Regel auch wichtige weitere Kennzahlen zum Afghanistankonflikt veröffentlicht. Allerdings werden viele mittlerweile zurückgehalten. So wurde etwa die absolute Zahl der im Konflikt getöteten oder verwundeten afghanischen Sicherheitskräfte als geheim eingestuft.

Dem Bericht ist nur zu entnehmen, dass zwischen Juni und August im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fünf Prozent mehr Polizisten und Soldaten getötet oder verwundet wurden. Daten darüber, ob die Regierung oder die Taliban einen Bezirk kontrollieren, werden seit Jahresbeginn nicht mehr erhoben.

asa/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.