Humanitäre Krise "Genügend Hilfsgüter - doch sie kommen nicht ins Land"

Das Uno-Flüchtlingswerk ist gerüstet, um den Menschen im Libanon Hilfe zu bringen. Schon sind die Lastwagen beladen - doch sie kommen nicht ins Land. Im Interview beklagt Arafat Jamal, Chef des UNHCR in Beirut, die vertrackte Situation und die Lage der Vertriebenen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Jamal, mit welchem Problem haben Sie im Libanon hauptsächlich zu kämpfen?

Jamal: Zwischen 500.000 und 600.000 Menschen sind vom Süden des Landes in den Norden geflohen. Davon haben 400.000 Menschen private Unterkünfte gefunden. Mit anderen Worten: Die Libanesen haben den Flüchtlingen großzügigerweise ihre Türen geöffnet. Der Rest kommt derzeit in Schulen und Hallen unter. Doch es ist klar: Sowohl die Flüchtlinge als auch ihre Gastgeber brauchen bald Hilfe. Je knapper lebenswichtige Dinge werden, desto weniger werden die Menschen teilen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Woran mangelt es am meisten?

Jamal: Viele Flüchtlinge haben kaum etwas bei sich. Daher gibt es einen großen Bedarf an Matratzen, Decken und Küchengegenständen. Und zusätzlich natürlich an Nahrungsmitteln.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie genügend Utensilien in den Libanon liefern?

Jamal: Das ist das Problem. Wir haben genügend Reserven. Das benötigte Material lagert in Syrien und Jordanien, Lastwagen sind bereits geladen. Doch wir können wegen der Blockade nicht in den Libanon fahren. Wir haben bisher keine Sicherheitsgarantien, dass unsere Konvois von den Israelis nicht aus der Luft angegriffen werden. Es gibt bisher nur eine offene Route: von Zypern nach Beirut.

SPIEGEL ONLINE: Israel hat vor wenigen Stunden einer internationalen Luftbrücke nach Beirut zugestimmt, damit Hilfsgüter ins Land gebracht werden können.

Jamal: Das sind bilaterale Abmachungen zwischen Israel und den USA. Ich kann noch nicht abschätzen, was das für die Arbeit der Uno bedeutet. Die Amerikaner haben heute bereits eine Ladung Hilfsgüter per Schiff in den Libanon gebracht. Wir hoffen weiter, dass morgen oder übermorgen auch ein Landweg freigegeben wird. Sollte dies nicht klappen, werden wir unserer Hilfsmittel nach Zypern fliegen müssen, um sie von dort in den Libanon zu verschiffen.

SPIEGEL ONLINE: Hungern im Libanon bereits Menschen?

Jamal: Im Moment noch nicht. Dieses Land ging seit seiner Unabhängigkeit durch fünf Kriege. Die Leute wissen, wie man im Krieg überlebt. Das Volk und die Regierung sind sehr gut organisiert. Die Frage ist, wie lange die Menschen durchhalten können. Die Zahl der Flüchtlinge steigt. Wenn keine Waren ins Land kommen, werden die Behörden schon bald überfordert sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Infrastruktur des Landes ist zu einem großen Teil zerstört. Wie sieht es mit Metzgereien und Bäckereien aus?

Jamal: Teile Beiruts sind total zerstört, andere blieben komplett unberührt. Dort gibt es nach wie vor Läden, sogar Restaurants sind geöffnet. Viele Bewohner haben natürlich die Stadt verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die medizinische Versorgung der Bevölkerung noch gewährleistet?

Jamal: Im Moment sind noch genügend Medikamente im Land. Doch sie gehen rapide zur Neige.

SPIEGEL ONLINE: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen dem Uno-Flüchtlingswerk und der libanesischen Regierung?

Jamal: Die Kooperation ist hervorragend. Die Regierung hat einen Stab für Flüchtlinge eingerichtet, mit dem wir tagtäglich zusammenarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Und mit der israelischen Armee?

Jamal: Es gibt einen Hauptgrund mit ihr in Verbindung zu treten: Wir brauchen die Garantie für sichere Korridore. Unsere Leute in Jerusalem versuchen dies zu arrangieren, damit wir Konvois mit Hilfsgütern ins Land bringen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange werden die Libanesen ohne Hilfe von außen durchhalten?

Jamal: Sobald Wasser und Sprit knapp werden, wird sich die Krise verschärfen. Schwer zu sagen, wann das sein wird. Etliche Tankstellen und Wasserreservoirs sind zerstört. Viele Kaufhäuser sind fast leer gekauft. Man kann zusehen wie das Nötigste ausgeht. Die Blockade des Landes muss daher so schnell wie möglich aufgebrochen werden.

Das Interview führte Alexander Schwabe



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.