Irak Hunderttausende demonstrieren gegen Regierungschef Maliki

Fast eine Million Menschen haben in Basra gegen die irakische Regierung protestiert. Die Anhänger des schiitischen Predigers Muktada al-Sadr werfen Ministerpräsident Maliki Versagen vor. Kommende Woche reisen die arabischen Staats- und Regierungschefs zu ihrem jährlichen Gipfel nach Bagdad.

Großdemonstration in Basra: Forderung nach Elektrizität, Bildung und Demokratie
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Großdemonstration in Basra: Forderung nach Elektrizität, Bildung und Demokratie


Bagdad - Machtdemonstration vor dem Arabischen Gipfel: Eine Woche bevor die arabischen Staats- und Regierungschefs in Bagdad zum jährlichen Treffen der Arabischen Liga zusammenkommen, haben am Montag mehrere hunderttausend Schiiten in Basra gegen die irakische Regierung demonstriert.

Der von Iran unterstützte schiitische Prediger Muktada al-Sadr hatte seine Anhänger zu der Kundgebung aufgerufen. Nach Angaben seiner Organisation und der örtlichen Polizei sollen sich bis zu einer Million Menschen an der Demonstration in der drittgrößten Stadt des Landes beteiligt haben.

Sie warfen der Regierung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki vor, nicht genug zur Verbesserung der Lebenssituation im Land zu unternehmen. Auf Transparenten forderten die Protestierenden Elektrizität, Bildung und Demokratie.

Neun Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins sind stundenlange Stromausfälle im Irak an der Tagesordnung. Besonders die Menschen in den südlichen Landesteilen fühlen sich von der Zentralregierung in Bagdad vernachlässigt. Die Region um Basra gilt als Hochburg der Anhänger von Muktada al-Sadr. Im Jahr 2008 lieferten sich Regierungstruppen und Sadrs Miliz wochenlange Kämpfe in der Stadt, bei denen Hunderte Menschen getötet wurden.

Der charismatische Prediger Sadr ist der wichtigste innenpolitische Rivale von Premier Maliki. Nach der Parlamentswahl 2010 hatten sich ihre Fraktionen nach langen Verhandlungen zu einer wackeligen Koalition zusammengeschlossen, in der beide eher gegen- als miteinander arbeiten. Die Sadr-Bewegung ist mit mehreren Ministern in der Regierung vertreten, dennoch agieren ihre führenden Köpfe in der Öffentlichkeit meist eher als Oppositionelle.

Sadr lebt seit Jahren in Iran

Sadr selbst tritt seit Jahren kaum mehr im Irak in Erscheinung. Zuletzt war er im Januar 2011 auf einer Kundgebung in Nadschaf aufgetaucht. Meist hält er sich in Iran auf, wo er seine religiöse Ausbildung zum Ajatollah fortsetzt. Auch auf der Kundgebung in Basra war zwar Sadrs Porträt allgegenwärtig, er selbst zeigte sich jedoch nicht.

Die Großdemonstration in Basra ist auch ein Signal an die arabischen Staats- und Regierungschefs, die ab Mittwoch kommender Woche zu ihrem Gipfeltreffen in Bagdad zusammentreffen werden. Gastgeber Nuri al-Maliki wird der einzige schiitische Muslim unter den 22 Teilnehmern sein. In den vergangenen Wochen demonstrierten im Irak mehrfach Schiiten, um ihre Solidarität mit ihren schiitischen Glaubensbrüdern in Saudi-Arabien und Bahrain zu zeigen. Dort werden Oppositionsbewegungen, die mehrheitlich von Schiiten getragen werden, gewaltsam unterdrückt.

Die Machtdemonstration der Anhänger des von Iran protegierten Muktada al-Sadr dürfte zugleich die Befürchtungen der arabischen Herrscher nähren, die sich vor einem immer stärker werdenden Einfluss Teherans auf die irakische Politik sorgen.

Vor dem Gipfeltreffen hat die irakische Regierung die Sicherheitsvorkehrungen in Bagdad deutlich verschärft. Maliki appellierte an seine Landsleute, künftig auf Proteste zu verzichten und sich als "gute Gastgeber" zu zeigen. Der Flughafen der irakischen Hauptstadt soll aus Angst vor Anschlägen für die Dauer des Gipfels in der kommenden Woche drei Tage lang komplett gesperrt werden.

syd/Reuters



insgesamt 6 Beiträge
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alnemsi 19.03.2012
1.
Zitat von sysopREUTERSFast eine Million Menschen haben in Basra gegen die irakische Regierung demonstriert. Die Anhänger des schiitischen Predigers Muktada al-Sadr werfen Ministerpräsident Maliki Versagen vor. Kommende Woche reisen die arabischen Staats- und Regierungschefs zu ihrem jährlichen Gipfel nach Bagdad. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822265,00.html
Sollte Sadr in seinem Drang zur Macht im Irak Erfolg haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Krieges gegen Iran jedenfalls gewaltig. Abgesehen davon gäbe es dann eine durchgehende Linie schiitischer Gewaltregime von Teheran über Baghdad und Damaskus bis nach Beirut. Das gilt es um jeden Preis zu verhindern.
pikeaway 19.03.2012
2. Nicht nur im Irak
Zitat von sysopREUTERSFast eine Million Menschen haben in Basra gegen die irakische Regierung demonstriert. Die Anhänger des schiitischen Predigers Muktada al-Sadr werfen Ministerpräsident Maliki Versagen vor. Kommende Woche reisen die arabischen Staats- und Regierungschefs zu ihrem jährlichen Gipfel nach Bagdad. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822265,00.html
Es wird nicht nur im Irak demonstriert. Auch in anderen arabischen Staaten. Nur stehen die Emire möglicherweise unter Artenschutz. Bestes Beispiel, dass nur vom Handelblatt in den Medien gewürdigt wurde, ist Bahrain. Das Handelblatt sprach von Hunderttausenden. Es sollen 700.000 gewesen sein, bei 1,2 Mill. Einwohnern. Im Spiegel fehlte die Meldung. Ist Bahrain zu klein?
hdwinkel 19.03.2012
3. Gewalt
Zitat von alnemsiSollte Sadr in seinem Drang zur Macht im Irak Erfolg haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Krieges gegen Iran jedenfalls gewaltig. Abgesehen davon gäbe es dann eine durchgehende Linie schiitischer Gewaltregime von Teheran über Baghdad und Damaskus bis nach Beirut. Das gilt es um jeden Preis zu verhindern.
Der Irak ist ein Land, das nach wie vor von täglicher Gewalt gekennzeichnet ist. In diesem Kontext wirkt Ihre Angst vor einem Gewaltregime ein wenig lächerlich. Und diese Gewalt hat eine Vorgeschichte. Die Armee Saddams wurde mal so eben einfach entlassen und mit ihren Waffen nach Hause geschickt. Etwa einhunderttausend Mann. Hunderttausende Iraker verloren kurze Zeit nach dem Irakkrieg auf Veranlassung der Amerikanischen Verwaltung ihre Arbeit. Stattdessen wurden ausländische Mitarbeiter ins Land geholt, die zwar Milliarden in die Kassen großer Unternehmen wie Halliburton scheffelten, aber das Land statt aufzubauen nur noch mehr ausgeraubt haben. Es hätte eigentlich keiner Sehergabe bedurft, um zu erkennen, was alle diese ohnehin durch den Krieg Verzweifelte anstellen werden. Es war übrigens Sadr, der mit seinen Männern soetwas wie eine notdürftige Grundversorgung mit Wasser und Strom organisierte, während die Amerikaner auf ein neo-konservatives Wunder hofften und absolut nichts taten um der Bevölkerung zu helfen.
adal_ 19.03.2012
4.
Zitat von alnemsiSollte Sadr in seinem Drang zur Macht im Irak Erfolg haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Krieges gegen Iran jedenfalls gewaltig. Abgesehen davon gäbe es dann eine durchgehende Linie schiitischer Gewaltregime von Teheran über Baghdad und Damaskus bis nach Beirut. Das gilt es um jeden Preis zu verhindern.
Ganz im Gegenteil. Eben. Die Golfstaaten fühlen sich von der "schiitischen Achse" zunehmend bedroht. Auch im Innern. In den vergangenen Wochen demonstrierten im Irak mehrfach Schiiten, um ihre Solidarität mit ihren schiitischen Glaubensbrüdern in Saudi-Arabien und Bahrain zu zeigen. Dort werden Oppositionsbewegungen, die mehrheitlich von Schiiten getragen werden, gewaltsam unterdrückt.
backshop 20.03.2012
5. Mal von der Instrumentalisierung abgesehen ...
... ist es trotzdem gut, dass die Demonstranten u.a. fuer Bildung und Demokratie senden. Im Grunde gehts um eine strukturelle Verfestigung des Gedankens und bei allen fragwuerdigen Entwicklungen verbreitet sich der Demokratie-Gedanken "an sich" wenigstens als Ideal immer weiter - dank Globalisierung.
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