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26. August 2011, 18:10 Uhr

Hungerstreik gegen Korruption

Tausende Inder outen sich als Schmiergeldzahler

Von , Islamabad

Der Hungerstreik des Anti-Filz-Aktivisten "Anna" Hazare zeigt Wirkung: Millionen Inder feiern den 74-Jährigen als Helden, Tausende fühlen sich animiert, ihre Erfahrungen mit Korruption öffentlich zu machen. Das Parlament will nun seine Vorschläge aufnehmen - doch Hazare fastet weiter.

Die Studentin Manika Kundu, 20, hat am Empfang in einem Krankenhaus in Neu-Delhi 5000 Rupien gezahlt, umgerechnet etwa 75 Euro, damit ihr Beinbruch nach einem Sturz überhaupt behandelt wird. Vikram Chandra schob einem Beamten in Kolkata 4000 Rupien über den Tisch, für einen Totenschein für die gerade verstorbene Mutter. Ohne die Zahlung hätte er das Dokument in Wochen oder womöglich überhaupt nicht erhalten. In Jaipur verlangte ein Mitarbeiter des Stromversorgers 8000 Rupien, damit der Anschluss innerhalb von vier Wochen gelegt wird - ansonsten könnte es mehrere Monate dauern. Und aus allen indischen Großstädten mit internationalen Flughäfen berichten die Menschen von korrupten Zollbeamten, die Ärger machen, solange man ihnen nicht ein paar tausend Rupien in die Hand drückt.

Indiens Regierung hat begriffen, dass die Menschen genug haben von dieser Korruption, die ihnen alltäglich und ständig begegnet. Sie hat gesehen, dass inzwischen Millionen von Menschen begeistert den 74-jährigen Ex-Soldaten Kisan Bapat Baburao Hazare feiert, der ihrem Ärger mit seinem Hungerstreik im nunmehr elften Tag Ausdruck verleiht. Etwa sieben Kilogramm habe er abgenommen, sagten seine Ärzte am Freitag. Er sei "schwach, aber willensstark". Hazare, den sie in Indien "Anna" Hazare nennen - "Anna" für die respektvolle Anrede auf Marathi für einen älteren Bruder -, will weiter fasten. Notfalls bis zu seinem Tod, hat er angedroht.

Der Druck auf die Regierung in Neu-Delhi wächst. Sie versprach, dass man den Gesetzesvorschlag zur Korruptionsbekämpfung, den Hazare vorgelegt hat, "in Kürze" im Parlament diskutieren werde, vermutlich am Samstag. Zuerst müsse man jedoch die Abgeordneten informieren, erklärte der für Parlamentsangelegenheiten zuständige Minister Pawan Kumar Bansal am Freitag.

Rahul Gandhi, Sohn von Kongresspartei-Chefin Sonia Gandhi, der als nächster Premierminister von Indien gehandelt wird, lobte Hazare am Freitag als Impulsgeber, sagte aber auch, es wäre ein "gefährlicher Präzedenzfall für die Demokratie", sollte er seinen Gesetzesvorschlag per Hungerstreik durchsetzen.

Die Regierung gibt sich versöhnlich

Zuvor hatte Regierungschef Manmohan Singh in einer dramatischen Rede im Unterhaus Hazare gebeten, seine Aktion zu beenden und sein Leben nicht zu gefährden. "Ich respektieren seinen Idealismus", sagte Singh am Donnerstag. Hazare verkörpere die Empörung der Menschen über Korruption und die Sorge, sie zu bekämpfen. "Sein Leben ist viel zu wertvoll. Deshalb bitte ich ihn dringend, das Fasten zu beenden."

Es waren deutlich versöhnlichere, freundlichere Worte als noch vor eineinhalb Wochen, als die Regierung Hazare verhaften ließ und Singh sein Vorhaben als unverantwortlich kritisierte. Aber der Druck der Öffentlichkeit zwang die Regierung, ihn nach zwei Tagen zu entlassen. Noch im Gefängnis begann Hazare zu fasten.

Zehntausende von Menschen haben Hazare an seinem Lager auf dem Ramlila-Maidan-Park in Neu-Delhi besucht, Millionen demonstrieren in ganz Indien und feiern den Mann mit der weißen Kleidung und dem weißen Schiffchen auf dem Kopf. Hazare war im April schon einmal in den Hungerstreik getreten. Damals hatte die Regierung eingelenkt und einen Gesetzesvorschlag zur Korruptionsbekämpfung vorgelegt, der sich aber als windelweich herausstellte und unter anderem ranghohe Politiker vor Untersuchungen verschonte. Deshalb fastet Hazare nun erneut.

"Wir sind schließlich eine Demokratie"

"Wir unterstützen Hazare voll und ganz", sagt Deepak Kumar, ein 28 Jahre alter Versicherungskaufmann aus Neu-Delhi, SPIEGEL ONLINE. "Die Korruption ist jahrelang gewuchert, ständig wurde versprochen, dass etwas getan werden muss, aber nie ist etwas geschehen. Wir verlangen jetzt: Es muss sofort etwas passieren." Wie viele anderen Menschen auch trägt Kumar ein T-Shirt mit der Aufschrift "Ich bin Anna", es gibt "Anna"-Mützen, "Anna"-Aufkleber, "Anna"-Tassen.

Wer Menschen in Indien nach ihren Erfahrungen mit Korruption befragt, bekommt bereitwillig Antwort: Sie haben es satt, ständig Schmiergeld zahlen zu müssen. Auf der Internetseite www.ipaidabribe.com machen derzeit Tausende ihrem Ärger Luft, indem sie über ihre Erfahrungen mit Korruption berichten. Mehr als 13.500 Fälle kann man da derzeit nachlesen. Meist geht es um kleinere Beträge, 20 Euro hier, 50 Euro dort, mal für einen Führerschein, mal für einen neuen Pass. Aber in einem Land, in dem das durchschnittliche Jahresgehalt bei etwa 2300 Euro liegt und in dem weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als zwei Euro am Tag auskommen muss, sind das keine geringen Summen.

Premierminister Singh ist Hazare entgegengekommen, und er hat dafür nicht wenig Kritik geerntet von einigen seiner Minister, die sich nicht von dem Aktivisten erpressen lassen wollten. Doch es war ein geschickter Schachzug. "Jetzt ist es an Hazare einzulenken", sagte ein Parlamentarier von der regierenden Kongresspartei. "Er muss akzeptieren, dass das Parlament beschließen muss, welche Maßnahme auch immer gegen Korruption getroffen wird. Wir sind schließlich eine Demokratie." Selbst Oppositionelle von der hindu-nationalistischen BJP, die den Hungerstreik bisher lobten, erklärten nun, Hazare müsse die Souveränität des Parlaments jetzt anerkennen.

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