Hungerstreik gegen Korruption Tausende Inder outen sich als Schmiergeldzahler

Der Hungerstreik des Anti-Filz-Aktivisten "Anna" Hazare zeigt Wirkung: Millionen Inder feiern den 74-Jährigen als Helden, Tausende fühlen sich animiert, ihre Erfahrungen mit Korruption öffentlich zu machen. Das Parlament will nun seine Vorschläge aufnehmen - doch Hazare fastet weiter.

AFP

Von , Islamabad


Die Studentin Manika Kundu, 20, hat am Empfang in einem Krankenhaus in Neu-Delhi 5000 Rupien gezahlt, umgerechnet etwa 75 Euro, damit ihr Beinbruch nach einem Sturz überhaupt behandelt wird. Vikram Chandra schob einem Beamten in Kolkata 4000 Rupien über den Tisch, für einen Totenschein für die gerade verstorbene Mutter. Ohne die Zahlung hätte er das Dokument in Wochen oder womöglich überhaupt nicht erhalten. In Jaipur verlangte ein Mitarbeiter des Stromversorgers 8000 Rupien, damit der Anschluss innerhalb von vier Wochen gelegt wird - ansonsten könnte es mehrere Monate dauern. Und aus allen indischen Großstädten mit internationalen Flughäfen berichten die Menschen von korrupten Zollbeamten, die Ärger machen, solange man ihnen nicht ein paar tausend Rupien in die Hand drückt.

Indiens Regierung hat begriffen, dass die Menschen genug haben von dieser Korruption, die ihnen alltäglich und ständig begegnet. Sie hat gesehen, dass inzwischen Millionen von Menschen begeistert den 74-jährigen Ex-Soldaten Kisan Bapat Baburao Hazare feiert, der ihrem Ärger mit seinem Hungerstreik im nunmehr elften Tag Ausdruck verleiht. Etwa sieben Kilogramm habe er abgenommen, sagten seine Ärzte am Freitag. Er sei "schwach, aber willensstark". Hazare, den sie in Indien "Anna" Hazare nennen - "Anna" für die respektvolle Anrede auf Marathi für einen älteren Bruder -, will weiter fasten. Notfalls bis zu seinem Tod, hat er angedroht.

Der Druck auf die Regierung in Neu-Delhi wächst. Sie versprach, dass man den Gesetzesvorschlag zur Korruptionsbekämpfung, den Hazare vorgelegt hat, "in Kürze" im Parlament diskutieren werde, vermutlich am Samstag. Zuerst müsse man jedoch die Abgeordneten informieren, erklärte der für Parlamentsangelegenheiten zuständige Minister Pawan Kumar Bansal am Freitag.

Rahul Gandhi, Sohn von Kongresspartei-Chefin Sonia Gandhi, der als nächster Premierminister von Indien gehandelt wird, lobte Hazare am Freitag als Impulsgeber, sagte aber auch, es wäre ein "gefährlicher Präzedenzfall für die Demokratie", sollte er seinen Gesetzesvorschlag per Hungerstreik durchsetzen.

Die Regierung gibt sich versöhnlich

Zuvor hatte Regierungschef Manmohan Singh in einer dramatischen Rede im Unterhaus Hazare gebeten, seine Aktion zu beenden und sein Leben nicht zu gefährden. "Ich respektieren seinen Idealismus", sagte Singh am Donnerstag. Hazare verkörpere die Empörung der Menschen über Korruption und die Sorge, sie zu bekämpfen. "Sein Leben ist viel zu wertvoll. Deshalb bitte ich ihn dringend, das Fasten zu beenden."

Es waren deutlich versöhnlichere, freundlichere Worte als noch vor eineinhalb Wochen, als die Regierung Hazare verhaften ließ und Singh sein Vorhaben als unverantwortlich kritisierte. Aber der Druck der Öffentlichkeit zwang die Regierung, ihn nach zwei Tagen zu entlassen. Noch im Gefängnis begann Hazare zu fasten.

Zehntausende von Menschen haben Hazare an seinem Lager auf dem Ramlila-Maidan-Park in Neu-Delhi besucht, Millionen demonstrieren in ganz Indien und feiern den Mann mit der weißen Kleidung und dem weißen Schiffchen auf dem Kopf. Hazare war im April schon einmal in den Hungerstreik getreten. Damals hatte die Regierung eingelenkt und einen Gesetzesvorschlag zur Korruptionsbekämpfung vorgelegt, der sich aber als windelweich herausstellte und unter anderem ranghohe Politiker vor Untersuchungen verschonte. Deshalb fastet Hazare nun erneut.

"Wir sind schließlich eine Demokratie"

"Wir unterstützen Hazare voll und ganz", sagt Deepak Kumar, ein 28 Jahre alter Versicherungskaufmann aus Neu-Delhi, SPIEGEL ONLINE. "Die Korruption ist jahrelang gewuchert, ständig wurde versprochen, dass etwas getan werden muss, aber nie ist etwas geschehen. Wir verlangen jetzt: Es muss sofort etwas passieren." Wie viele anderen Menschen auch trägt Kumar ein T-Shirt mit der Aufschrift "Ich bin Anna", es gibt "Anna"-Mützen, "Anna"-Aufkleber, "Anna"-Tassen.

Wer Menschen in Indien nach ihren Erfahrungen mit Korruption befragt, bekommt bereitwillig Antwort: Sie haben es satt, ständig Schmiergeld zahlen zu müssen. Auf der Internetseite www.ipaidabribe.com machen derzeit Tausende ihrem Ärger Luft, indem sie über ihre Erfahrungen mit Korruption berichten. Mehr als 13.500 Fälle kann man da derzeit nachlesen. Meist geht es um kleinere Beträge, 20 Euro hier, 50 Euro dort, mal für einen Führerschein, mal für einen neuen Pass. Aber in einem Land, in dem das durchschnittliche Jahresgehalt bei etwa 2300 Euro liegt und in dem weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als zwei Euro am Tag auskommen muss, sind das keine geringen Summen.

Premierminister Singh ist Hazare entgegengekommen, und er hat dafür nicht wenig Kritik geerntet von einigen seiner Minister, die sich nicht von dem Aktivisten erpressen lassen wollten. Doch es war ein geschickter Schachzug. "Jetzt ist es an Hazare einzulenken", sagte ein Parlamentarier von der regierenden Kongresspartei. "Er muss akzeptieren, dass das Parlament beschließen muss, welche Maßnahme auch immer gegen Korruption getroffen wird. Wir sind schließlich eine Demokratie." Selbst Oppositionelle von der hindu-nationalistischen BJP, die den Hungerstreik bisher lobten, erklärten nun, Hazare müsse die Souveränität des Parlaments jetzt anerkennen.



insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zackzodiac, 26.08.2011
1. .
Zitat von sysopDer Hungerstreik des Anti-Filz-Aktivisten Anna Hazare zeigt Wirkung: Millionen Inder feiern den 74-Jährigen als Helden, Tausende fühlen sich animiert, ihre Erfahrungen mit Korruption öffentlich zu machen. Das Parlament will nun seine Vorschläge aufnehmen - doch Hazare fastet weiter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,782623,00.html
deutschland braucht auch solche helden!
Layer_8 26.08.2011
2. 'special fee'...
Zitat von sysopDer Hungerstreik des Anti-Filz-Aktivisten Anna Hazare zeigt Wirkung: Millionen Inder feiern den 74-Jährigen als Helden, Tausende fühlen sich animiert, ihre Erfahrungen mit Korruption öffentlich zu machen. Das Parlament will nun seine Vorschläge aufnehmen - doch Hazare fastet weiter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,782623,00.html
..gehört für mich zu Indien wie das Taj Mahal. Gut, ich als reicher 'Englishman from Germany' fand das immer eher lustig, wenn z.B. beim Kauf einer Bahnfahrkarte eine 'special fee' fällig wurde, damit ich auch wirklich zum gewünschten Termin abreisen konnte. Aber die Bahnangestellten sind dort ja wirklich so unterbezahlt, dass sie allein durch ihr Gehalt ihre Familie nicht ernähren können. Diese Tendenz sehe ich langsam auch in Deutschland kommen, nicht nur für Bahnangestellte. Wir können von Indien lernen.
heinerh 26.08.2011
3. Schmiergeld?
Ich war schon öfter als 15 mal in Indien, insgesamt mehr als 4 Jahre und bin diesen Winter wieder 6 Monate dort und habe dort noch NIE einen Pfennig/Cent/Rupie Schmiergeld bezahlen müssen. Das mag für die indischen Staatsbürger wohl anders aussehen - als Tourist und Ausländer ist man davon abe rnicht betroffen.
Layer_8 26.08.2011
4.
Zitat von heinerhIch war schon öfter als 15 mal in Indien, insgesamt mehr als 4 Jahre und bin diesen Winter wieder 6 Monate dort und habe dort noch NIE einen Pfennig/Cent/Rupie Schmiergeld bezahlen müssen. Das mag für die indischen Staatsbürger wohl anders aussehen - als Tourist und Ausländer ist man davon abe rnicht betroffen.
Sie waren also öfter als 15 mal in einem indischen all-inclusive-resort? Ich hab da mal, ja, Durchfall gehabt, nichts schlimmes an sich, ging auch nach 3 Tagen wieder vorbei. Nur, der Besitzer des Hotels, wo ich da lag hat mir ungefragt einen Arzt 'besorgt'. Dieser bot mir einen Deal an: Er schreibt mir ne Rechnung, wovon ich nur die Hälfte bezahlen sollte. Diese Rechnung könnte ich dann bei meiner deutschen Krankenversicherung einreichen, zur Zufriedenheit beider Seiten. Und der Hotelbesitzer hätte wohl auch seine 'commission' bekommen, lol. Oder kennen Sie den 'Taxifahrer Scam' dort? Mein gebuchtes Hotel nach Ankunft, für die erste Nacht, sei abgebrannt. Aber er könnte mir ein gutes anderes Hotel empfehlen. Und Bahntickets ohne 'special fee' sind auch für Touristen i.A. nicht erhältlich. Aber Sie sind ja ein mehr als 15maliger Indienkenner, Sie können mir ja diese Phänomene bestimmt erklären :))
blob123y 26.08.2011
5. In Englisch nennt man das was die indische Regierung macht
Windowdressing. Diese korrupte Bande da drueben unter Kontrolle zu bringen ist praktisch unmoeglich, denn die absolut Korruptesten die das eigentlich bewerkstelligen sollten sind die Parlamentarier selbst und der oeffentlich Dienst, also hier sollen die total Korrupten andere noch totalere Korrupten unter Kontrolle bringen, ein jeder weiss, das geht nicht. So what? Ich kann mir eigentlich nur vorstellen, bezahlt die Leute im oeffentichen Dienst besser und eliminiert die korrupte Bande konsequent wenn eine Anzeige kommt, z.Z. lacht doch bloss jeder darueber. Eine weitere Moeglichkeit waehr, alle Parlamentarier ueber 30 Jahre auszuschliessen und Neuwahlen ohne Parteien zu absolvieren also jeder Wahlkreis schickt den Kandidaten der gewonnen hat und zwar absolut und nicht ueber Parteilisten denn die Parteien sind as Uebel, ist uebrigens in Europa nicht anders.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.