Hungerstreik in Spanien Bürgerrechtlerin ins Krankenhaus eingeliefert

"Tot oder lebendig" will sie nach Westsahara zurückkehren: Marokkos Regierung verweigert der Bürgerrechtlerin Aminatu Haidar die Einreise. Aus Protest hungerte sie wochenlang - und wurde nun ins Krankenhaus eingeliefert. Ihr Fall beschäftigt Spaniens Regierung und die Uno.

Aminatu Haidar (Archivbild von 10. Dezember): "Ich möchte in Würde leben"
REUTERS

Aminatu Haidar (Archivbild von 10. Dezember): "Ich möchte in Würde leben"


Lanzarote - Anhänger nennen sie "Gandhi der Westsahara". Beharrlich und friedlich kämpft die Bürgerrechtlerin Aminatu Haidar seit Jahrzehnten für ihre Überzeugung. Wie einst der Inder Mahatma Gandhi ist sie in den Hungerstreik getreten. Seit einem Monat verweigert sie auf der spanischen Insel Lanzarote Essen und protestiert so gegen die marokkanische Regierung. Doch nun musste sie ins Krankenhaus eingeliefert werden.

In der Nacht zum Donnerstag kam sie in die Notaufnahme des Krankenhauses von Arrecife, der Hauptstadt Lanzarotes. Ein Sprecher von Haidar sagte, sie leide an Übelkeit und Unterleibsschmerzen. Aus der Klinik hieß es, sie habe Blut erbrochen. Die Menschenrechtsaktivistin ist bei Bewusstsein und soll nicht zwangsernährt werden. Ihren Hungerstreik will die aus der Westsahara stammende Haidar fortsetzen.

Die Geschichte ihres Streiks beginnt am 13. November. Haidar hatte in den USA eine Auszeichnung erhalten - Marokko verweigerte ihr jedoch die Wiedereinreise. Die Behörden nahmen sie in der Westsahara fest, konfiszierten ihren Pass und setzten sie in ein Flugzeug nach Lanzarote. Die Begründung: Haidar leugne ihre marokkanische Identität. Drei Tage später kündigte sie auf dem Flughafen von Lanzarote an, ab sofort Essen zu verweigern. Sie nimmt seither nur noch gezuckertes Wasser zu sich.

Zuletzt war sie so schwach, dass sie sich nur in einem Rollstuhl fortbewegen konnte. Eine Erklärung vor Journalisten musste vergangene Woche eine spanische Schauspielerin vorlesen. Sie werde erst dann wieder etwas essen, wenn sie in die Westsahara zurückkehren dürfe, ließ Haidar ausrichten. Ein Brief ihrer Kinder habe sie darin bestärkt, noch mehr zu kämpfen als vorher. "Ich möchte meine Kinder umarmen, ich möchte mit ihnen und mit meiner Mutter zusammenleben. Aber ich möchte in Würde leben."

Jahrzehntelanger Konflikt um die Westsahara

Haidar ist 43 Jahre alt, sie setzt sich seit langem für die Menschenrechte in der Westsahara ein und befürwortet vehement die Unabhängigkeit des Gebiets von Marokko. Sie habe ihr Leben lang unter marokkanischer Unterdrückung und täglichen Repressionen gelitten, bekräftige sie auf Lanzarote. Das Angebot der spanischen Staatsbürgerschaft und des politischen Asyls lehnte sie trotzdem ab. Sie werde "tot oder lebendig" in ihre Heimat zurückkehren.

Nun blickt die Welt wieder auf die Region Westsahara und den seit Jahrzehnten ungelösten Konflikt. Marokko hat die Westsahara, eine ehemalige spanische Kolonie, 1975 annektiert. Die Befreiungsbewegung Polisario kämpft seither gegen die Besatzer, 1991 einigten sich Marokko und die Polisario im Rahmen eines Uno-Friedensplans auf einen Waffenstillstand. Doch weitere Gespräche blieben ergebnislos. Marokko will dem früheren spanischen Kolonialgebiet mit seinen reichen Phosphat-Vorkommen allenfalls eine weitreichende Autonomie, nicht aber die Unabhängigkeit zugestehen.

Haidar ist als Verfechterin der Menschenrechte in der Westsahara bekannt. Sie wurde mehrmals festgenommen und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Für ihr Engagement erhielt sie 2006 vom Europäischen Parlament den Sacharow-Preis. Es folgten etliche weitere Preise, zuletzt am 21. Oktober der Preis für Zivilcourage der Train-Stiftung in den USA.

Spaniens Premier und der Uno-Generalsekretär setzen sich für Haidar ein

Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero beschäftigt sich inzwischen mit Haidars Fall. Am Mittwoch erklärte er im Parlament, seine Regierung arbeite "jede Stunde, jede Minute" daran, das Problem zu lösen. "Ihre Situation berührt und betrifft uns." Der stellvertretende Ministerpräsident Manuel Chaves hatte Marokko zur "Kooperation bei der Suche nach einer Lösung" aufgerufen und der Außenminister wollte die USA dazu bewegen, Druck auf das nordafrikanische Land auszuüben.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon telefonierte mit den Regierungen Spaniens und Marokkos, um einen Ausweg zu suchen. Die schwedische EU-Ratspräsidentschaft zeigte sich "zutiefst beunruhigt" über den Gesundheitszustand Haidars, das portugiesische Parlament hat ebenfalls protestiert.

Auch die spanische Öffentlichkeit nimmt großen Anteil an Haidars Hungerstreik. Demonstranten in ganz Spanien setzten sich für sie ein. Unterstützer forderten vom spanischen König, beim marokkanischen Regenten zu intervenieren, um Haidars Leben zu retten. Der Brief war unter anderem unterschrieben von Gewerkschaftern und Künstlern, darunter der Filmemacher Pedro Almodóvar.

kgp



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.