Hurrikan-Alarm McCain kämpft gegen den Bush-Fluch

John McCain in der Hurrikan-Falle: "Gustav" erinnert die Nation an das Versagen der Bush-Regierung bei "Katrina". Jetzt muss der Wahlkämpfer beweisen, dass er es besser kann - und ist gleichzeitig darauf angewiesen, dass der Präsident dieses Mal richtig handelt.

Aus St. Paul berichtet


St. Paul - Michael Moore nahm mal wieder kein Blatt vor den Mund. "Dass dieser Hurrikan mit dem Republikaner-Parteitag zusammenfällt, zeigt, dass es einen Gott gibt", jubelte der umstrittene US-Filmemacher. Das sorgte für Entrüstung bei den Republikanern, und auch Demokraten distanzierten sich pflichtschuldig von der Bemerkung.

Republikaner Bush, McCain: Bitteres Vermächtnis aus Washington
REUTERS

Republikaner Bush, McCain: Bitteres Vermächtnis aus Washington

Doch insgeheim würden viele Obama-Anhänger Moore wohl zustimmen. Die Ereignisse in New Orleans müssen ihnen zumindest auf den ersten Blick wie ein Gottesgeschenk im Wahlkampf vorkommen. Denn die Sturmwarnung wirbelt auch John McCains Planung gehörig durcheinander.

Der republikanische Kandidat wollte nach dem eindrucksvollen Demokraten-Treffen in Denver - Barack Obamas Abschlussrede vorigen Donnerstag sahen beinahe 40 Millionen Amerikaner im Fernsehen - eigentlich mit einer sorgfältig orchestrierten Polit-Show in St. Paul kontern. Dabei sollte sich auch seine Überraschungskandidatin für das Vize-Amt, Sarah Palin, der Nation vorstellen. Dieser Plan ist bereits durchkreuzt, auch wenn bislang nur die Republikaner-Auftritte am Montag offiziell abgesagt sind. Die amerikanischen TV-Sender haben ihre Star-Moderatoren vom Parteitag abgezogen und nach New Orleans entsandt. Schon jetzt sind McCains Team wegen der Wirbelsturm-Ablenkung viele Stunden kostenlose Medien-Aufmerksamkeit entgangen, die Parteitage sonst sichern.

Wohl aber noch schlimmer: Mit jedem Live-Bericht zu Hurrikan "Gustav" lebt die Erinnerung an Hurrikan "Katrina" vor drei Jahren wieder auf - und damit an die desaströse Reaktion der Bush-Regierung. Wieder sind die Bilder zu sehen, wie der Präsident dem Chef der Katastrophenschutzbehörde bescheinigte, hervorragende Arbeit zu leisten - während New Orleans in den Fluten versank.

Damit holt McCain der Bush-Fluch wieder ein. Seit Monaten schon hängen die historisch niedrigen Beliebtheitswerte des amtierenden Präsidenten seinem Parteifreund wie ein Mühlstein um den Hals. "Was sagt es über John McCains Urteilsvermögen", donnerte Obama in seiner Parteitagsrede, "wenn er zu 90 Prozent mit George W. Bush gestimmt hat?" In einem TV-Spot zeigen die Demokraten genüsslich ein Foto, auf dem die beiden Männer sich umarmen. Als McCain seine Vize-Kandidatin vorstellte, hieß es aus Obamas Lager umgehend: "McCain hat gerade bekanntgegeben, wer sein neuer Dick Cheney sein wird."

Natürlich bietet sich McCain nun die Chance, mehr Führungsstärke zu zeigen als der Amtsinhaber. Sein Aufruf am Sonntag, Parteistreitigkeiten zu vergessen und einander als Amerikaner zu helfen, wird bereits als präsidial gelobt. Gelungene Auftritte in den nächsten Tagen könnten gar zu McCains Wahlkampfstrategie passen, sich im Duell mit dem Rhetoriker Obama ein echter Macher zu präsentieren.

Aber der Kandidat ist eben noch nicht der Präsident - und somit abhängig von George W. Bush. Der muss in den nächsten Tagen die Reaktionen der Regierungsbehörden auf die Hurrikan-Gefahr koordinieren. Zwar scheint das Weiße Haus zur Wiedergutmachung entschlossen. Doch schleicht sich auch nur der kleinste Fehler ein, droht McCains Wahlkampf neuer Schaden. Aber der kann den amtierenden Präsidenten nicht zu offen kritisieren - auch wenn er dessen "Katrina"-Reaktion im April "beschämend" nannte. Immerhin hat laut Umfragen die Mehrzahl der republikanischen Parteitags-Delegierten immer noch eine positive Meinung vom Präsidenten. Diese treue Basis darf McCain für die Wahl im November nicht verschrecken.

Wie groß der Frust unter McCains Strategen ob dieser Zwickmühle ist, dringt immer mehr nach außen. Gerade zeichnet eine Titelgeschichte für das "New York Times Magazine" die schwierige Beziehung des Kandidaten zum amtierenden Präsidenten nach. Fazit: McCain treibt die Sorge um, Bush könne ihn noch einmal schlagen. 2000 schaffte der es im Kampf um die republikanische Kandidatur mit dubiosen Wahlkampftricks, die McCain ihm lange nachtrug. So sehr, dass er vor vier Jahren sogar liebäugelte, als Vize-Kandidat der Demokraten gegen Bush anzutreten. Nun könnte das Vermächtnis des unpopulären Präsidenten den Senator aus Arizona wieder am Einzug ins Weiße Haus hindern - den es angesichts seiner frühen Kritik an dessen Kurs besonders treffen muss, von den Demokraten als Bush-Klon gezeichnet zu werden.

Vielleicht ist Teil des Frusts aber auch McCains Unbehagen mit der Ausrichtung seines Wahlkampfs - den zunehmend Ex-Bush-Helfer lenken. Immer mehr rückt in den Blickpunkt der Medien, wie sehr sich McCain von seinem Versprechen eines noblen Wahlkampfs entfernt hat. 2000 weigerte sich der Ex-Kriegsgefangene noch, auf die brutalen Vorwahlangriffe des Bush-Lagers mit eigenen Attacken zu antworten.

Doch jetzt ist alles anders: Seit der ehemalige Bush-Vertraute Steve Schmidt McCains Kampagne dirigiert, ist Obama fast pausenlos unter Beschuss. Mit TV-Spots, die ihn mit Prominenten wie Paris Hilton verglichen, mit wütenden Angriffen gegen seine Unerfahrenheit. Noch auffälliger: Der einst so zugängliche Kandidat kapselt sich immer mehr von den Medien ab und hält sich strikt an vorgefertigte Wahlkampfbotschaften. "Time" veröffentlichte gerade ein seltsames Interview, in dem McCain jede Kritik an seinem Wahlkampfstil wütend beiseite wischt - und mechanisch beteuert, froh über die Kandidatur als Republikaner zu sein.

New Orleans: Kampf gegen Überschwemmungen
200 Kilometer Deiche
Das Gebiet der US-Südstaatenmetropole New Orleans liegt zwischen dem Mississippi-Delta und dem Lake Pontchartrain. Es wird mit einer Suppenschüssel verglichen: 70 Prozent der Fläche liegen unterhalb des Meeresspiegels. Seit ihrer Gründung im Jahr 1718 muss die Stadt darum gegen Überschwemmungen kämpfen. Heute schützen Deiche mit einer Gesamtlänge von mehr als 200 Kilometern sowie ein System aus Kanälen, Schleusen und Pumpstationen die Metropole. mehr zu New Orleans auf der Themenseite
Trauma "Katrina"
Der letzte Hurrikan, der die Stadt traf, war 2005 "Katrina": Nach Deichbrüchen wurde New Orleans damals fast vollständig überflutet, rund 1800 Menschen kamen ums Leben. Das Krisenmanagement war überfordert. mehr zu "Katrina" auf der Themenseite
1,4 Millionen Menschen im Großraum
New Orleans ist mit rund 470.000 Einwohnern die größte Stadt im US-Bundesstaat Louisiana, im Großraum leben sogar 1,4 Millionen Menschen. Mit ihrem bedeutenden Seehafen ist sie der wichtigste Außenhandelsplatz für die Erzeugnisse der Mississippi-Staaten wie Erdöl, Baumwolle und Zucker. Die Altstadt (French Quarter) mit französischen und spanischen Architektureinflüssen ist Hauptanziehungspunkt für jährlich Hunderttausende Touristen. Der hier Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte New-Orleans-Jazz gilt als erste voll ausgebildete Stilform dieser Musikrichtung.

Der neue Kurs scheint sich für den Republikaner in den Umfragen auszuzahlen. Selbst nach dem erfolgreichen Demokraten-Parteitag liegt McCain fast gleichauf mit Obama. Aber der Kandidat könnte darüber sein Ansehen ramponieren, orakeln enttäuschte US-Journalisten. Joe Klein, der Doyen der Wahlkampfbeobachter, hat gerade mit der McCain-Taktik abgerechnet: "Er hat die Bush-Politik perfektioniert." Der sarkastisch-aggressive McCain von heute, schlussfolgert Klein gar, entspreche wohl eher dessen wahrer Persönlichkeit als der noble Politiker aus dem Jahr 2000. Manche Beobachter deuten das Parteitags-Chaos daher schon als Chance für einen McCain-Kurswandel. Statt neuer Attacken gegen Obama könne der mit der Wirbelsturm-Nothilfe eine versöhnliche Botschaft kommunizieren. Und vielleicht einen radikalen Bruch mit dem Präsidenten vollziehen.

Am Sonntag hat McCain bereits scharf die Haltung des Weißen Hauses zur Folter kritisiert und fügte ausdrücklich hinzu: "Wir sind zu vielen Themen verschiedener Meinung." McCain-Vertraute lassen auch durchblicken, dass sie über die hurrikanbedingten Absagen von Dick Cheney und George W. Bush für ihre Parteitagsauftritte an diesem Montag keineswegs unglücklich sind - und keine Ersatztermine eingeplant haben.

Das letzte Treffen von McCain und Bush ist schon eine Weile her, im Mai traten die beiden zuletzt gemeinsam auf. 14 Sekunden für die Fotografen auf einem Rollfeld in Phoenix. Zahl der derzeit bis zur Wahl geplanten weiteren gemeinsamen Termine: null.



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