Hurrikan "Gustav" Wirbelsturm verdirbt Republikanern die Party

Eröffungsfeier gekürzt, das Programm des Parteitags durcheinandergewirbelt: Hurrikan "Gustav" macht den US-Republikanern einen Strich durch die Rechnung - und wird zur politischen Herausforderung. Nicht nur für ihren Kandidaten John McCain.

Aus St. Paul berichtet


St. Paul - Die gute Nachricht vorweg. "Der Präsident hat abgesagt", sagt ein Republikaner aus North Carolina, der, Bier in der Hand, mit ein paar Kollegen in der Lobby eines Holiday Inn steht, in dem seine Delegation wohnt. "Wir hatten die ganze Zeit schon überlegt, wie wir ihn loswerden könnten. 'Gustav' sei Dank!" Dann bittet er aber schnell, bloß seinen Namen nicht aufzuschreiben, er wolle ja nicht despektierlich wirken. Weder George W. Bush noch den Einwohnern Louisianas gegenüber.

Die schlechte Nachricht: Neben Bushs Auftritt fallen nun wahrscheinlich auch weitere Programmpunkte des Parteitags aus - eine penibel vorbereitete, für die Wahlstrategen immens wichtige Polit-Show, mit der die US-Republikaner John McCain offiziell zu ihrem Präsidentschaftskandidaten küren wollten.

Doch aus der Party in St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota wird nun nicht die triumphale Show, die sich die Republikaner ausgemalt hatten: Hurrikan "Gustav" bedroht die Südküste der USA. Der Sturm fordert nicht nur die US-Regierung heraus, die eine Wiederholung des Desasters nach "Katrina" vermeiden will - sondern stellt auch die beiden Kandidaten vor ihre erste große, politische Bewährungsprobe.

Politisches Pathos ist tabu

In St. Paul und der benachbarten "Zwillingsstadt" Minneapolis haben sich seit dem Wochenende Tausende aufgekratzter Republikaner versammelt, die ab Montag eigentlich ihren Hoffnungsträger McCain und Überraschungs-Vize-Kandidatin Sarah Palin in die heiße Phase des Wahlkampfes entsenden wollten, mit Tanz, Trara und tollen Reden.

Wie man das macht, haben vorige Woche die Demokraten in Denver vorgemacht, mit einem Parteitag, den selbst Gegner zähneknirschend als spektakulären Erfolg werteten - gekrönt von Obamas Open-Air-Rede vor 80.000 Fans sowie fast 40 Millionen TV-Zuschauern, mehr als die Eröffnung der Olympischen Spiele.

Jetzt sollten also die Republikaner das Wort haben. Doch spätestens als in New Orleans die Zwangsevakuierung begann - die erste seit dem Todessturm "Katrina", fast auf den Tag genau drei Jahre zuvor - wurde schnell klar: Partys, flammende Parteirhetorik und politisches Pathos sind in dieser Woche tabu.

Binnen Stunden kamen die Absagen. Erst ließ sich am Sonntag Bush entschuldigen, eigentlich Hauptredner des ersten TV-Abends. Dann Vizepräsident Dick Cheney. Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger sagte ab. Ebenso seine Amtskollegen Bobby Jindal aus Louisiana und Rick Perry aus Texas, die erst gar nicht nach St. Paul kamen.

"Nicht der richtige Zeitpunkt zum Feiern"

Schließlich mussten sich die Organisatoren dem Unvermeidlichen beugen. McCains Wahlkampfmanager Rick Davis trat am Sonntag grimmig vor die Presse, der Kandidat selbst war via Satellit zugeschaltet. "Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt zum Feiern", sagte Davis, und sein Chef sekundierte staatstragend: "Dies ist der Zeitpunkt, an dem wir unsere Parteipolitik vergessen und als Amerikaner handeln müssen."

Das heutige Eröffnungsprogramm wurde also "auf Empfehlung" McCains von sieben auf knapp zwei Stunden gestutzt, die abendlichen TV-Reden wurden komplett gestrichen. Übrig blieben nur die allernötigsten Formalien und die Verabschiedung des Wahlprogramms. Stattdessen soll der Parteitag zur "Gustav"-Hilfskoordination beitragen, womöglich auch zum Spendensammeln. So wurden bereits eine Arbeitsgruppe und ein Informationszentrum eingerichtet, zur Betreuung der Delegierten aus den betroffenen Bundesstaaten.

Ein Großteil des 47-köpfigen Louisiana-Kontingents ist am Sonntag schon wieder nach Hause geflogen - an Bord einer gecharterten DC-9, die das McCain-Team zur Verfügung stellte. Der Jet soll auch Angehörige der Delegierten aus "Gustavs" Zugbahn in Sicherheit bringen.

Keine Lobrede von der First Lady

First Lady Laura Bush inspizierte am Sonntag zwar winkend die Bühne im Xcel Energy Center, jener Sportarena in St. Paul, in der die Republikaner ein etwas schlichteres, doch kaum billigeres TV-Set errichtet haben als die Demokraten in Denver. Mrs. Bush wird heute aber ebenso wenig auftreten wie McCains Gattin Cindy. Beide sollten ursprünglich Lobreden auf den treuen Einsatz des Senators für die Nation halten.

Partys wurden abgesagt oder in Fundraising-Events für Hurrikan-Opfer umfunktioniert. Die US-Spirituosenlobby Distilled Spirits Council taufte ihre Medienfete von "Spirits of Minneapolis" in "Spirits of the Gulf Coast" um.

Was aus dem Rest der Woche werde, sagte Davis, werde spontan entschieden. Zur Not werde McCain per Schnellabstimmung nominiert. Auch ließ Davis offen, ob McCain dazu selbst anreisen würde. Die feierliche Inthronisierung als Kandidat sei zwar ein "Höhepunkt einer politischen Karriere", aber kein zwingender Termin.

Für McCains Strategen ist die Programmänderung ein herber Rückschlag: Sie hatten auf diese Woche gezählt. Nicht nur um McCains Image neu zu positionieren. Sondern auch, um die bisher selbst vielen Republikanern noch fremde Palin - die Gouverneurin Alaskas, die McCain erst am Freitag als seine Vize-Kandidatin aus dem Hut gezaubert hatte - der Öffentlichkeit vorzustellen.

Monatelang hatten sie an dem Drehbuch gefeilt. "Country First" ("Das Land zuerst") lautete das Parteitagsmotto, es sollte McCain als patriotischen Helden präsentieren. Wie bei den Demokraten in Denver war jeder Tag in seiner Funktion streng durchgeplant. Am Montag sollte McCains Biografie im Mittelpunkt stehen, am Dienstag sein Ruf als Reformer. Der Mittwoch war fürs Aufpolieren seiner Wirtschaftskompetenz und für Palins Debüt vorgesehen. Am Donnerstag wollte McCain in seiner großen Antrittsrede zeigen, dass nicht nur Obama sich auf Rhetorik versteht.

"Große nationale Herausforderung"

Für McCain ist das Chaos zugleich aber auch eine Riesenchance: "Gustav" gibt ihm die Gelegenheit, sich als präsidial zu profilieren. Als einen, der Substanz über schönen Schein stellt. Als zupackenden Krisenmanager in der Stunde der Not.

Und: McCain kann sich so von Bush und dem "Katrina"-Trauma distanzieren. Das wäre ohnehin einer der schwersten Balanceakte gewesen: Wie könnten die Republikaner den amtierenden Präsidenten in den Wahlkampfendspurt einbeziehen, ohne von seinem Erbe belastet zu werden? Nicht umsonst hatten sie Bush auf den ersten, quotenschwächsten Abend verbannt - ganz ausladen konnte man ihn schließlich nicht.

McCain ergriff die Chance, aus besagter Not eine Tugend zu machen, sofort - zumal ihn die neuesten Meinungsumfragen weiter Kopf an Kopf mit Obama zeigen, trotz dessen fulminanter Denver-Show. "Wir stehen vor einer großen nationalen Herausforderung", sagte er mit besorgtem Blick in die Kameras.

Zuvor hatte McCain, Palin im Schlepptau, eine Hurrikan-Einsatzzentrale in Mississippi besucht. "Ich gehe fest davon aus, dass sich die Fehler von 'Katrina' nicht wiederholen werden", sagte er da in Anspielung auf jene Wochen, da sich Bush, seine Regierung und seine Partei mit ihrem misslungenen Krisenmanagement blamierten.

Leise Töne aus dem Obama-Lager

Konkurrent Obama setzt auf eine andere Strategie: Zurückhaltung. Er verzichtete vorerst auf einen Besuch am Golf von Mexiko. "Wir werden uns aus der Gegend fernhalten, bis sich die Lage beruhigt hat", sagte er. "Dann werden wir überlegen, wie wir so hilfreich wie möglich sein können." Schon jetzt sagte Obama zu, über seine E-Mail-Liste mit Millionen Spendernamen einen Aufruf um Hilfe und Unterstützung zu starten.

Die Zurückhaltung ist riskant. Denn auch für den Demokraten steht einiges auf dem Spiel. Obama kämpft seit jeher gegen Vorwürfe, er sei substanzlos und führungsschwach. Eine Hurrikan-Katastrophe könnte für ihn zur Bewährungsprobe werden.

Dumm stehen nun die Abertausenden Lobbyisten da, für die ein solcher Parteitag eine unvergleichliche Gelegenheit bietet, Verbindungen zu knüpfen und zu pflegen. Und die 15.000 Journalisten, die in St. Paul angerückt sind. Die US-Kabelsender und TV-Networks hatten sich abermals Rekordeinschaltquoten versprochen. Die meisten haben ihre Star-Moderatoren inzwischen nach New Orleans abgezogen.

Reales Drama ist letztlich doch packender als politisches.

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