Husseins Schreckensherrschaft Bilanz eines Massenmörders

Auf der Liste von Verbrechen des irakischen Ex-Diktators ist das Massaker von Dudschail nur ein Punkt von vielen. Unter Husseins Herrschaft kamen Hunderttausende Menschen ums Leben, sein Krieg gegen den Iran forderte mehr als eine Million Opfer.


Rund 150 Menschen kamen bei dem Massaker von Dudschail 1982 ums Leben - ein grausames Verbrechen gegen die Menschlichkeit, urteilte ein irakisches Sondergericht jetzt und verurteilte den verantwortlichen Ex-Diktator Saddam Hussein deswegen zum Tode durch den Strang. Dabei ist Dudschail gemessen an den unfassbaren anderen Verbrechen, die Hussein veranlasste, noch eins der kleinsten. Von 1979 bis 2003 dauerte Husseins Schreckensherrschaft - in dieser Zeit ließ er Hunderttausende Menschen grausam ermorden.

Hussein bei der Urteilsverkündung: Von 1979 bis 2003 dauerte seine Schreckensherrschaft
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Hussein bei der Urteilsverkündung: Von 1979 bis 2003 dauerte seine Schreckensherrschaft

Schon 1983 sollen irakische Truppen unter Husseins Befehl etwa 8000 Mitglieder des kurdischen Barsani-Volksstamms in der Wüste zusammengetrieben und getötet haben. Am Dienstag kommender Woche soll außerdem der zweite Prozess gegen Hussein fortgesetzt werden, in dem sich der grausame Ex-Machthaber für den Völkermord an nordirakischen Kurden 1987 und 1988 verantworten muss. Bei der so genannten "Operation Anfal" wurden damals Tausende Dörfer verwüstet und zwischen 50.000 und 100.000 Kurden niedergemetzelt.

Auch in diesem Verfahren gilt ein Todesurteil für Hussein als sicher. Auf der Anklagebank sitzt auch Husseins Cousin Ali Hassan al-Madschid, dessen zynischer Spitzname "Chemie-Ali" lautet. Wegen der Ungeheuerlichkeit der "Operation Anfal" hielten Beobachter es sogar für möglich, dass das Urteil im Dudschail-Prozess verschoben werden könnte, damit Hussein zuerst wegen dieses Massenmordes an Kurden verurteilt wird. Über die Bombardierung kurdischer Dörfer mit Giftgas, die im Rahmen der Operation erfolgte und international für Entsetzen sorgte, sollte überdies ein gesondertes Verfahren angestrebt werden.

Neben den Massenmorden an Kurden macht die Uno Husseins Regierung für den von 1980 bis 1988 dauernden Krieg gegen den Iran verantwortlich. In dem Konflikt starben nach Schätzungen etwa eine Million Menschen. Die iranische Regierung hat in diesem Zusammenhang bereits Völkermord-Anklage gegen Saddam Hussein erhoben.

Kuwait will Hussein zudem wegen der siebenmonatigen Besatzung des Landes vor Gericht stellen lassen, die am 2. August 1990 begann. Damals rollten irakische Panzer ein und annektierten das Öl-Emirat als 19. irakische Provinz. Erst eine von den USA geführte Koalition vertrieb die Iraker.

Nach dieser irakischen Niederlage ermunterten US-Truppen die Schiiten im Süden des Irak zum Aufstand. Die Regierung in Bagdad unterdrückte die Bewegung blutig, Zehntausende Schiiten starben bei Massakern um die heiligen Städte Nadschaf und Kerbela sowie nahe Hilla und Basra.

Außerdem soll die irakische Armee unter Husseins Befehl systematisch die Sumpfgebiete im Südosten des Irak zerstört haben - die Lebensgrundlage verschiedener arabischer Stämme, die diese Regionen traditionell bewirtschafteten. Hussein warf den Gruppen unter anderem vor, den schiitischen Aufstand unterstützt zu haben.

Nicht zuletzt sollen Hussein und seine Sicherheitskräfte Regimegegner systematisch verfolgt, gefoltert und ermordet haben. Bereits mehrere hundert Massengräber sind im Irak entdeckt worden. Die Zahl der Opfer ist unbekannt.

Nun stellt sich die Frage, ob nach der Verurteilung Husseins im Dudschail-Prozesses wegen aller übrigen Verbrechen noch Prozesse eingeleitet werden. Viele Rechts-Experten halten das für unwahrscheinlich - dabei könnten bis zur Vollstreckung des heute gefällten Todes-Urteils noch Monate vergehen. Denn mit Urteil gegen den Ex-Diktator wurde automatisch ein Berufungsverfahren eingeleitet, die neun Richter einer 2003 eingerichteten Berufungskammer durchführen. Geprüft werden Urteil und Strafmaß auf mögliche Verfahrensfehler oder Gesetzesverletzungen.

Sollten die Richter auf Fehler stoßen, wird der Prozess neu aufgerollt. Sollten sie aber das Urteil bestätigen, muss es nach den Statuten des Tribunals binnen 30 Tagen vollstreckt werden. Bis zur Antwort der Richter könne es "zwei Wochen, aber auch zwei Monate dauern", sagt Chefankläger Dschaafar el Mussawi.

ase/Afp

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