Kämpfe um Idlib Putin bombt, Syrer flüchten, Erdogan schaut zu

Syrisches Militär und russische Luftwaffe haben ihre Offensive auf die Provinz Idlib begonnen. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht. Der türkische Präsident Erdogan lässt die Angreifer gewähren - er hat seine Gründe.

OMAR HAJ KADOUR / AFP

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Immer, wenn das syrische Militär und die russische Luftwaffe eine Offensive auf Rebellengebiete in Syrien starten, trifft es zuerst die Krankenhäuser. So war es in Aleppo, so war es in Ost-Ghuta - und so ist es jetzt in Idlib. In den vergangenen zehn Tagen sind in der nordsyrischen Provinz zwölf Krankenhäuser und Gesundheitszentren bombardiert worden.

Diese Angriffe waren kein Versehen, sondern Vorsatz: Die Vereinten Nationen hatten die Koordinaten von mindestens fünf der attackierten Einrichtungen vorab an die Regierungen Russlands und Syriens übermittelt. Damit wollte die Uno eigentlich den Schutz der Krankenhäuser gewährleisten, schließlich sind Attacken auf zivile Hospitäler gemäß der Genfer Konventionen auch im Krieg verboten. Die Angreifer wussten also genau, was sie da bombardieren.

Machtverhältnisse in Nordsyrien
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Die Attacken markieren die schwersten Verstöße gegen die Waffenruhe für Idlib, die im September vorigen Jahres zwischen Russland und der Türkei vereinbart wurde. Die Uno berichtet von den heftigsten Fassbombenangriffen in Syrien seit 15 Monaten. Ohne das offen auszusprechen, fühlen sich die Regierungen in Moskau und Damaskus offenbar nicht mehr an die Feuerpause gebunden.

Der berüchtigte Brigadegeneral Hassan leitet die Offensive

Während die Welt am Wochenende ihre Aufmerksamkeit auf die jüngste Konfliktrunde zwischen Israel und palästinensischen Milizen im Gazastreifen richtete, haben 500 Kilometer weiter nördlich syrische Truppen eine Bodenoffensive gegen das letzte große Rebellengebiet in Syrien gestartet. Im Gegenzug feuerten islamistische Milizen nach Angaben aus Moskau Dutzende Raketen auf die russische Luftwaffenbasis Hmeimim ab.

Regierungsmedien in Damaskus sprechen vom Beginn der lange erwarteten Militäroperation gegen Idlib. Es ist bislang aber kein breit angelegter Vormarsch am Boden, sondern eine räumlich begrenzte Bodenoffensive, die offenbar zum Ziel hat, zunächst strategisch wichtige Hügel und Dörfer zu besetzen. Nach Angaben syrischer Medien sind es wieder einmal die für ihre rücksichtslose Kriegsführung bekannten "Tiger-Kräfte" unter dem Kommando von Brigadegeneral Suhail al-Hassan, die den Kampf anführen.

Die Folgen sind schon jetzt verheerend: Mindestens 140.000 Menschen sind vor den Kämpfen nach Norden geflüchtet, in Richtung türkischer Grenze. Sicher sind sie aber auch dort nicht, denn syrische und russische Luftwaffe bombardieren auch Orte, die Dutzende Kilometer von der Frontlinie entfernt liegen.

Erdogan schweigt

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben in dem Rebellengebiet insgesamt rund drei Millionen Menschen. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Binnenflüchtlinge, die vor dem Regime von Diktator Baschar al-Assad aus anderen Landesteilen hierher geflüchtet sind.

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Idlib: Die nächste Massenflucht in Syrien

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan schweigt zu alledem. Dabei bürgt er für die Sicherheit der Zivilisten in Idlib. Im Abkommen vom September 2018 hatte er zugesichert, die Macht der Terrormiliz Hayat Tahrir al-Scham (HTS) in der Region zu brechen, im Gegenzug würden Wladimir Putin und Assad auf eine Bodenoffensive in Idlib verzichten. Doch unter den Augen der türkischen Armee, die insgesamt zwölf sogenannte Beobachtungsposten in dem Gebiet stationiert hat, sind die Dschihadisten immer stärker geworden und kontrollieren mittlerweile mehr als zwei Drittel der Provinz.

Bislang haben die türkischen Truppen weder etwas gegen die HTS unternommen, noch gegen die vorrückenden syrischen Kräfte, die nur noch wenige Kilometer vom ersten Beobachtungsposten entfernt stehen.

Der Krieg ist noch lange nicht vorbei

Syrische Oppositionelle vermuten, die türkische Zurückhaltung könnte die Folge einer geheimen Absprache zwischen Erdogan und Putin sein. Denn fast parallel zu den russischen Luftangriffen auf Idlib flog die türkische Luftwaffe Angriffe auf die Region um Tall Rifaat. Das Gebiet wird seit 2016 von der kurdischen YPG-Miliz kontrolliert, die Erdogan als feindliche Organisation betrachtet. Tall Rifaat liegt eingezwängt zwischen dem von der türkischen Armee und ihren syrisch-arabischen Verbündeten im Norden und dem von der syrischen Armee kontrollierten Gebiet im Süden. In der Gegend leben Zehntausende Kurden, die vor mehr als einem Jahr vor den türkischen Truppen aus dem kurdischen Kanton Afrin geflohen waren.

Erdogan hatte nach der Eroberung Afrins 2018 angekündigt, auch Tall Rifaat erobern zu wollen. Bislang scheute er jedoch davon zurück, um eine Konfrontation mit Putin und Assad zu vermeiden. Nun fürchten die Kurden, Putin könnte Tall Rifaat Erdogan überlassen. Und die Menschen in Idlib fürchten, Erdogan könnte zumindest Teile der Provinz an Putin und Assad abtreten.

Belege für einen solchen Deal gibt es bislang nicht. Ankara und Moskau bestätigten aber, dass die türkischen Angriffe auf Tall Rifaat im Vorfeld abgestimmt worden seien und die Türkei sich mittlerweile zur Einstellung der Kämpfe entschlossen habe. Gleichwohl bekräftigte der türkische Vizepräsident Fuat Oktay am Wochenende, bei weiteren Angriffen der kurdischen YPG auf türkische Soldaten in Syrien, könne Ankaras Vorgehen "eine andere Dimension" annehmen. Oktay betonte, dass sich die Türkei weiterhin eng mit Russland koordiniere.

In jedem Fall beweisen die jüngsten Kämpfe in Nordsyrien: Der Krieg ist noch lange nicht vorbei.

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