Kämpfe zwischen Grenzern und Flüchtlingen in Idomeni Mit der Wut der Verzweiflung

Am Zaun von Idomeni versuchen Hunderte Flüchtlinge, die Grenze zu durchbrechen, einige schleudern Steine. Mazedonische Einheiten feuern Tränengas auf die Verzweifelten. Die griechische Polizei hält sich raus - offenbar auf Anweisung.

Eine Flüchtlingsfamilie in Idomeni hat sich Zahnpasta zum Schutz gegen Tränengas ins Gesicht geschmiert
AFP

Eine Flüchtlingsfamilie in Idomeni hat sich Zahnpasta zum Schutz gegen Tränengas ins Gesicht geschmiert

Aus Idomeni berichtet


Auf einem grünen Feld stehen ein paar junge Männer, sie befüllen ihre Schleudern mit neuen Steinen, die sie dann auf ein paar Soldaten schießen. Die sind bis an die Zähne bewaffnet und sitzen auf einem gepanzerten Wagen. Sie antworten auf den Beschuss mit Tränengas, Gummigeschossen, Blendgranaten.

Solche Szenen kennt man aus dem Westjordanland, aber sie spielt sich mitten in Europa ab, um drei Uhr nachmittags an einem sonnigen und warmen Frühlingstag an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien.

Die Uniformierten sind mazedonische Soldaten. Die jungen Steinewerfer am Zaun gehören zu den mehr als zehntausend Flüchtlingen, die in der Zeltstadt Idomeni im Norden Griechenlands ausharren.

Sie sitzen hier seit Februar, abgeschnitten von der Außenwelt, im Stich gelassen. Damals war die Balkanroute für die Migranten weitestgehend gesperrt worden. Sie hoffen, dass Europa letztlich doch noch die Grenzen für sie öffnet, wenn sie denn nur lange genug durchhalten.

Zuerst eine Sitzblockade, dann der Sturm auf den Zaun

Zur Mittagszeit versuchen Hunderte Flüchtlinge, den Grenzzaun zu durchbrechen und nach Mazedonien hinüberzukommen. Es ist ein verzweifelter Versuch, ihre Reise nach Norden fortzusetzen. Davor haben schon viele bei einer Sitzblockade auf Zuggleisen mitgemacht und gefordert, dass die Grenzen wieder geöffnet werden.

Der Protest ist zuerst friedlich. Es gibt sogar die Hoffnung, dass alles gut ausgeht. Dann sagt ein griechischer Polizist zu den Anführern des Protests, dass fünf von ihnen sich mit mazedonischen Beamten am Zaun treffen könnten. Die mazedonischen Soldaten sagen den fünf, man habe Mitgefühl für die Misere der Flüchtlinge. Die Grenze bleibe aber geschlossen.

Sobald sich die Nachricht verbreitet, geht es los mit den Zusammenstößen. Über Stunden kämpfen mazedonische Einheiten und Flüchtlinge am Zaun. Alle paar Sekunden fliegt ein Stein, geworfen von Vermummten. Alle paar Sekunden versuchen andere, den Zaun zu überrennen. Und alle paar Sekunden schießen die mazedonischen Einheiten Tränengaspatronen auf die Flüchtlinge. Die wiederum werfen Decken über die Geschosse, um sie unschädlich zu machen.

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Proteste in Idomeni: Tränengas gegen Flüchtlinge
Mehrere Verwundete unter den Flüchtlingen

Von mazedonischer Seite heißt es, man werde alles daran setzen, dass die Balkanroute für Flüchtlinge geschlossen bleibe. Mindestens so bemerkenswert wie die harte Antwort der Mazedonier ist die Passivität der griechischen Einheiten.

Ein Sprecher der Migrationskoordinatoren innerhalb der griechischen Regierung nennt den Einsatz von Gewalt gegen Migranten zwar "gefährlich und erbärmlich, insbesondere wenn es keinen Grund für eine solche Gewaltanwendung gibt". Es gibt auch keinen Mangel an griechischen Spezialeinsatzkräften. Trotzdem sehen sie aus der Distanz zu, was passiert.

Ein ranghoher griechischer Polizist sagt, die Polizei habe klare Anweisungen, weder die Flüchtlinge noch die Mazedonier anzugreifen.

"Was sollen wir denn machen? Einen Krieg anzetteln?", sagt ein anderer Polizist. Gegen vier Uhr nachmittags gibt es bereits mehrere Verwundete, Dutzende müssen behandelt werden, hauptsächlich wegen der Atemwegsprobleme, die das Gas verursacht.

Was erklärt die Passivität der Griechen?

SPIEGEL ONLINE konnte die Behauptung, dass die mazedonischen Soldaten sogar griechischen Boden betreten hatten, nicht unmittelbar bestätigen. Wenn es sich als wahr herausstellen sollte, könnte es die ohnehin angespannte Stimmung zwischen Athen und Skopje zum Kippen bringen.

Einige griechische Polizisten sind frustriert. "Wir hätten verhindern müssen, dass die Flüchtlinge versuchen, am Zaun durchzubrechen. Jetzt ist es zu spät", sagt einer.

Was also erklärt die Passivität? Die Regierung in Athen weiß, dass Idomeni eine tickende Zeitbombe ist. Sie will, dass sowohl Idomeni als auch das Übergangs-Camp im Hafen von Piräus bis zum Ende des Monats leer sind.

Die Regierung verabscheut aber gleichzeitig die Idee, die Camps mit Polizeigewalt zu räumen. Sie hofft immer noch, dass die Flüchtlinge aus Idomeni dazu überredet werden können, in ein anderes Camp umzuziehen.

Am Abend kehrt langsam wieder Ruhe ein am Grenzzaun, laut Ärzte ohne Grenzen gibt mindestens 250 Verletzte.

Im Video - Chaotische Szenen in Idomeni:

REUTERS

Übersetzung aus dem Englischen: Angela Gruber



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