Flüchtlingslager in Idomeni Im Camp der Gesetzlosen

Im Flüchtlingslager Idomeni boomt der Drogenhandel. Die Polizei schaut meistens weg, zu groß ist die Angst vor einem Aufstand.

AP

Aus Idomeni berichtet


"Bist du ein Cop?", fragt Karim, den Griechen von Kopf bis Fuß musternd. "Nein, kein Polizist. Ich habe nur gehört, ich könnte hier gutes Marihuana bekommen", antwortet der Grieche und lächelt nervös.

Diese Szene ist alles andere als ungewöhnlich für Idomeni, das verwahrloste, provisorische Flüchtlingslager an Griechenlands Grenze zu Mazedonien. In der Zeltstadt mit mehr als 9000 Menschen boomt der Drogenhandel. Karim, ein junger Mann Anfang zwanzig, der von sich sagt, er komme aus Algerien, gehört zur Bande hinter dem florierenden Business.

Von den Beteuerungen des Griechen ist Karim nicht überzeugt. Seine Kunden sind meistens Flüchtlinge, Menschen aus der Umgebung besuchen selten diesen Teil des Lagers. "Hier gibt es kein Marihuana", sagt Karim schließlich, der Grieche ist sichtlich enttäuscht.

Ein zentraler Waggon, streng bewacht

"Ich kann zwanzig Euro für ein Tütchen zahlen", versucht es der Grieche weiter. Jetzt zögert Karim. Zwanzig Euro, das wäre viermal so viel wie der normale Preis. Die beiden unterhalten sich noch ein wenig, schließlich ist Karim überzeugt. Er nimmt den Zwanzigeuroschein und verschwindet in einem Zugwaggon. Wenige Minuten später schiebt er einen schwarzen Beutel in die Tasche des Griechen. Und schickt ihn fort.

Die Übergabe findet im Freien statt, neben einem der Waggons, die Griechenlands Eisenbahngesellschaft für die Unterbringung der Flüchtlinge zur Verfügung gestellt hat. Es ist 3 Uhr nachmittags, direkt nebenan spielen Kinder barfuß, Frauen kochen über offenem Feuer.

Der Waggon unterscheidet sich von den vielen anderen. Zwei Männer stehen immer draußen Wache, von ihrem Posten aus können sie erkennen, wer sich dem Waggon nähert - auch aus großer Entfernung. Dicht dran bleibt auch eine Gruppe, in der mehrere Männer mit ihren Klappmesser spielen. Ein Auswärtiger machte kürzlich den Fehler, den Waggon ohne Erlaubnis zu betreten - und wurde äußerst grob hinausgeworfen.

Die Angst vor einem Aufstand

Die griechischen Polizisten sind nur etwa 300 Meter entfernt stationiert. Doch fast nie verlassen sie ihren Posten, um sich ins Innere des Camps zu wagen. Nicht aus Mangel an Willen, sondern weil sie keine entsprechende Order bekommen.

Gegenüber SPIEGEL ONLINE geben mehrere der Beamten zu, weder die uniformierte Polizei noch ihre Undercover-Kollegen seien befugt, den Drogenhandel oder die damit verbundene Kriminalität zu verfolgen - ebenso wie Berichte über Prostitution im Lager. Ihre Chefs hätten die Befürchtung, jedes härtere Durchgreifen, jede Verhaftung könnte einen Aufstand auslösen.

Beobachtungen zufolge drücken nicht nur die Polizisten, sondern auch die Staatsanwälte ein Auge zu, wenn es um die Kleinkriminalität in Idomeni geht. Ein Polizist erzählt, was mit einem Flüchtling passierte, den er kürzlich festnahm, weil dieser in ein Bauernhaus eingebrochen war, um Hühner zu stehlen: "Der Staatsanwalt ließ ihn unmittelbar wieder frei, aus Angst vor einem Aufstand."

Diese Befürchtung erscheint keineswegs unberechtigt. Wenn in Idomeni Gewalt ausbricht, dann häufig unbegründet. Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge in Idomeni ist zwar friedlich und versucht, sich auch dort ein Leben in Würde zu erhalten - auch wenn sie nicht immer würdevoll behandelt wird. Aber auch eine kleine Minderheit kann für große Unruhe sorgen.

Hoffen auf eine Öffnung der Balkanroute

Am Mittwoch kam es zu den bislang heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Migranten und der griechischen Polizei in Idomeni. Sechs Menschen wurden verletzt, ein Polizist kam mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Bis Mitte Juni will die Regierung das Flüchtlingslager schließen. Doch in der Vergangenheit wurden ähnliche Ziele immer wieder verfehlt.

Bislang hat Griechenland keine Polizei eingesetzt, um Idomeni zu evakuieren - aus Angst vor den Folgen. Stattdessen versuchte Athen, Flüchtlinge mit einer Kampagne zu überzeugen, das Lager zu verlassen und in andere, organisierte Einrichtungen zu ziehen. Dort wären sie besser untergebracht und könnten Gesundheits- wie Asyleinrichtungen schneller erreichen.

Doch all diese Bemühungen sind bislang gescheitert. Die meisten Flüchtlinge weigern sich, Idomeni zu verlassen. Sie hoffen noch immer, dass die sogenannte Balkanroute wieder geöffnet werden könnte - dann wollen sie direkt in der Umgebung sein.

"Nichts wird passieren, Idomeni wird bleiben"

Die jüngsten Auseinandersetzungen könnten Athen in Zugzwang bringen, der Druck wächst - von mehreren Seiten. Die Opposition sieht die Verantwortung für die Umstände in Idomeni bei der Regierung und fordert, das Lager sofort zu evakuieren. Polizeiverbände kritisieren die Regierung öffentlich. Und die Medien berichten ebenfalls regelmäßig über die gesetzlosen Zustände im Lager.

Über eine Evakuierung durch die Polizei wird wieder diskutiert. Doch viele Beamte glauben weder, dass die Regierung jemals den Auftrag dazu erteilen wird, noch, dass die Flüchtlinge freiwillig das Lager verlassen werden.

"Nichts wird passieren, Idomeni wird bleiben. Lasst euch das gesagt sein", prognostiziert ein Polizist. Nichts würde Idomenis Bosse glücklicher machen.

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