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09. März 2010, 11:53 Uhr

Im Fadenkreuz

Wie al-Qaida und Co. auf den Drohnenkrieg reagieren

Von Yassin Musharbash

Vom Irak bis Pakistan, vom Jemen bis Somalia: Unter militanten Dschihadisten wächst die Furcht vor den Drohnen der USA. Wirksame Gegenmaßnahmen haben sie noch nicht entwickeln können.

Ein ungenannter Ort im Irak, irgendwann im Jahr 2008: Auf einem Holztisch vor einem Baum liegt eine Drohne. Sie ist beschädigt. Ob sie abgeschossen wurde oder abstürzte, ist ungewiss. Neben dem Tisch steht der Kommandeur einer militanten Dschihadistengruppe und referiert über das Antriebssystem des Flugkörpers und seine Kamera.

Die Szene stammt aus einem Propagandavideo. Sie soll den Eindruck erwecken, dass Aufständische und Terroristen, die im Irak, in Pakistan, in Afghanistan, im Jemen und womöglich in Somalia mit Hilfe von Drohnen ausgespäht und angegriffen werden, der neuartigen Bedrohung gewachsen sind. Al-Qaida, Taliban, die "Islamische Armee" im Irak, die Schabab-Milizen in Somalia: Sie alle wollen schon US-Drohnen abgeschossen haben. "Die Mudschahidin haben Dutzende vom Himmel geholt", prahlte jüngst al-Qaida im Irak und zeigte entsprechende Bilder.

Doch hinter der Angeberei verbirgt sich die Angst: Die Drohnen, warnt der Kommandeur seine Fußsoldaten, seien lautlos, "sie können uns am Tag und in der Nacht fotografieren" und "unsere Bewegungen verfolgen". Auch Telefonate seien vor den unbemannten Spähern nicht geheim, er rät zum Handy-Verzicht.

Islamistische Terroristen rund um den Globus, allen voran al-Qaida und die Taliban, haben mit Schrecken bemerkt, dass die Drohnen der US-Armee und der CIA ein effektives Mittel sind, ihre Anführer aufzuspüren und zu töten. Entsprechend fieberhaft arbeiten sie an Gegenmaßnahmen.

Al-Qaida und die Taliban reagieren auf mehreren Ebenen auf den zunehmenden Drohnenkrieg, dessen vorderste Front im Grenzgebiet von Pakistan und Afghanistan liegt. Zum Jahreswechsel tötete ein unerkannter jordanischer Doppelagent als Selbstmordattentäter nahe Khost acht CIA-Agenten in ihrer Basis. Ein Grund: Von hier aus wurden Drohnenangriffe koordiniert.

Schon vorher entfesselten die beiden Gruppierungen eine Propagandaschlacht gegen die pakistanische Regierung, die es zumindest duldet, dass die CIA das Land als Basis für den Drohnenkrieg nutzt. Als Argument dienen vor allem getötete Zivilisten. "Sie konnten ein paar Ziele ausschalten", schrieben die Taliban kürzlich. "Aber dafür haben sie die doppelte Anzahl Unschuldiger umgebracht, (…) Moscheen (…) und Hunderte Häuser zerstört."

Für regelrechte Paranoia sorgt der Umstand, dass hinter jedem erfolgreichen Drohnenangriff mindestens ein Informant steht, der das Ziel identifiziert oder markiert. Aus Gründen der Abschreckung haben Terrorgruppen mehr als einmal mutmaßliche Verräter enthauptet und diese Morde auf Video festgehalten und verbreitet.

Beobachter haben außerdem festgestellt, dass die Militanten ihre Taktik angepasst haben. Die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan, heißt es, würden sie heute nur in kleinen Gruppen überqueren. Militär- und Schulungslager würden noch sorgfältiger getarnt und weiter dezentralisiert, damit sie den Analysten, die Drohnenbilder auswerten, nicht ins Auge fallen.

Letztlich aber fehlt ein wirksames Mittel gegen die elektronischen Augen und Ohren und die todbringende Fracht. "Dschihadisten reden viel über Drohnen", hat der Terrorismusexperte Jarret Brachman festgestellt, einer der aufmerksamsten Beobachter der Debatten, die Terroristen und ihre Sympathisanten im Internet führen. "Aber es gab kaum fortgeschrittene Diskussionen über wirksame Gegenmaßnahmen, wenigstens nicht öffentlich."

Neben ein paar angeblichen Abschüssen unbemannter Flieger gelang den Ausgespähten erst ein wirklicher Coup: Mit Hilfe eines russischen Computerprogramms für 26 Dollar fingen irakische Militante zeitweise den Bilderstrom der Drohnenkameras ab. Auf Laptops fanden US-Soldaten bei Razzien später so ihre eigenen Daten. Diese Sicherheitslücke ist mittlerweile angeblich geschlossen; sie habe ohnehin nur bei den Drohnen der US-Armee funktioniert. CIA-Drohnen, heißt es, funken verschlüsselt.

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