Syrische Mediziner im Libanon Die Rebellen-Ärzte von Tripoli

In der Heimat ist die Arbeit für sie zu gefährlich. Syrische Ärzte behandeln verletzte Rebellen und Zivilisten deshalb in libanesischen Krankenhäusern - die meisten Eingriffe sind Amputationen.

AFP

Aus Tripoli berichtet


Besonders diskret ist Dschad nicht, was seine Haltung zum Krieg in Syrien angeht. Groß prangt auf der Rückseite seines Laptops die grün-weiß-schwarze Flagge der Assad-Gegner. Der 24-jährige Syrer mit kurzen rotbraunen Haaren und Dreitagebart arbeitet seit ein paar Monaten als Krankenpfleger in dem libanesischen Krankenhaus Dar al-Zahra in Tripoli. Trotzdem er täglich Schwerverwundete betreut, scheint er grundsätzlich gute Laune zu haben.

Das libanesische Krankenhaus hat Dschad kostenlos ein Büro zur Verfügung gestellt, das er sich mit einem syrischen Arzt teilt. Der arbeitete bis vor einem halben Jahr noch in der Revolutionshochburg Rastan bei Homs, bis es ihm zu riskant wurde. Aus Angst vor möglicher Verfolgung will er nicht mehr erzählen.

Systematisch werden in Syrien Ärzte verfolgt, die Verletzte behandeln, die das Regime für Assad-Gegner hält. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um Zivilisten oder Rebellenkämpfer handelt. Immer wieder werden Krankeneinrichtungen gezielt unter Beschuss genommen in Gebieten, die der Kontrolle des Regimes entglitten sind. Patienten, die länger in Behandlung bleiben müssen, werden daher über die Grenze geschickt, in die Türkei und in den Libanon. Auch syrische Ärzte, die den Verwundeten helfen wollen, fliehen inzwischen dorthin.

Der Libanon mischt in Syrien auf beiden Seiten mit

Wenn Dschad, in Sneakers, Jeans und T-Shirt, von Zimmer zu Zimmer geht, begrüßen ihn die Patienten fröhlich. Jeder kennt ihn, und jeder ist froh über die Abwechslung. Die meisten Patienten auf den oberen Etagen sind an ihr Bett oder einen Rollstuhl gefesselt. Alle sind Syrer. An den Wänden ihrer Krankenzimmer haben sie die syrische Revolutionsflagge gehisst.

Offiziell hält sich der Libanon aus dem Krieg in Syrien heraus. Auf gewisse Weise ist das Land jedoch noch stärker involviert als die Türkei, denn es mischt auf beiden Seiten mit: Die an der Regierung beteiligte Hisbollah möchte Baschar al-Assad Kämpfer schicken. Mitglieder der Opposition sollen den syrischen Rebellen Waffen liefern.

Auf welcher Seite man im Krankenhaus Dar al-Zahra steht, ist offensichtlich. Die Klinik schickt regelmäßig Pakete mit Medikamenten nach Syrien und ist zum Reha-Zentrum der Rebellenkämpfer aus Homs geworden.

"Wir haben hier hauptsächlich Amputationen", erklärt Dschad. Im obersten Stockwerk sitzen vier ehemaligen Rebellenkämpfer aus Homs in Rollstühlen zusammen. Im Zimmer nebenan liegt ein Zivilist aus Bab Amr, der weder Arme noch Beine bewegen kann. Ein Artilleriegeschoss traf sein Auto, als er gerade seine durch Granatsplitter verwundete dreijährige Tochter zum Arzt fahren wollte. Die Tochter starb.

"Ohne Spende keine Operation"

"Aktivisten und Rebellen bringen die Verwundeten an die Grenze. Dort findet die Erstversorgung statt", erklärt Dschad den üblichen Behandlungsweg. "Danach bringt das Rote Kreuz Patienten, die weiter behandelt werden müssen, zu uns nach Tripoli." Anders als in der Türkei, wo die Regierung für die Behandlung der Syrer aufkommt, wird das libanesische Rebellen-Reha-Zentrum durch Spender finanziert. "Der wichtigste Spender ist der Syrische Nationalrat", sagt Dschad über den 2011 gegründeten Zusammenschluss oppositioneller Syrer, der inzwischen als Fassade der syrischen Muslimbrüderschaft gilt. "Wir bekommen auch Geld von der Qatar Foundation und von privaten Spendern aus Saudi-Arabien und Syrien." Generell gilt: "Ohne Spende keine Operation", sagt Dschad.

Dschad betreut die Verletzten freiwillig. Er bekommt dafür kein Gehalt. Als Sohn einer wohlhabenden Familie aus Homs braucht er sich finanziell keine Sorgen zu machen. Er hätte wie die meisten seiner Freunde ausreisen und sich ein ruhiges Leben machen können. Doch er hörte davon, dass syrische Ärzte und Helfer im Krankenhaus Dar al-Zahra gesucht wurden und kam nach Tripoli. "Ich wusste, ich muss irgendetwas tun. Zum Kämpfen bin ich nicht mutig genug", sagt er. Im Libanon freundete er sich zum ersten Mal mit Syrern aus dem ärmlichen Homs-Stadtteil Bab Amr an. Die Rebellenkämpfer und er kommen aus unterschiedlichen sozialen Welten.

Immer wieder spielt Dschad mit dem Gedanken, nach Homs zurückzukehren. "Ich mache mir Vorwürfe, dass ich hier bin und nicht in Syrien." Immer wieder jedoch verdrängt er die Idee. Es wäre lebensgefährlich zurückzukehren, gerade jetzt. In diesen Tagen führt die Assad-Armee eine erneute Offensive gegen die Rebellen in Homs durch. Beobachter rechnen damit, dass es den Assad-Truppen gelingen wird, die Kontrolle über die Stadt wieder herzustellen - vorerst. Von einigen Stadtvierteln in Homs sind kaum mehr als Trümmerzüge übrig.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
glücksbärchi35 13.10.2012
1. optional
Wäre es bitte nur ein einziges mal möglich einen derartigen Bericht über Nicht-Rebellen zu schreiben die unter den Aktionen der Aktivisten leiden? Oder gibt es sowas nicht?
ein anderer 13.10.2012
2. ...
Zitat von sysopAFPIn der Heimat ist die Arbeit für sie zu gefährlich. Syrische Ärzte behandeln verletzte Rebellen und Zivilisten deshalb in libanesischen Krankenhäusern - die meisten Eingriffe sind Amputationen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/im-libanon-behandeln-syrische-aerzte-rebellen-und-zivilisten-a-860563.html
Der Westen sollte das Geld direkt für solche Einrichtungen aufbringen anstatt dem von den Muslimbrüder dominierten SNC zuzukommen. Die Muslimbrüder versuchen überall mit einen karitativen Anstrich sich in die Herzen der Menschen ein zu schleichen. Genau so hat es die Hamas auch gemacht.
vitalik 13.10.2012
3. Übeschrift
Zitat von sysopAFPIn der Heimat ist die Arbeit für sie zu gefährlich. Syrische Ärzte behandeln verletzte Rebellen und Zivilisten deshalb in libanesischen Krankenhäusern - die meisten Eingriffe sind Amputationen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/im-libanon-behandeln-syrische-aerzte-rebellen-und-zivilisten-a-860563.html
Rebellen-Ärzte? Könnte man da nicht auch über einen Arzt berichten. Der Artikel dreht sich um einen Pfleger der sich selbst für einen Rebellen hält. Ich denke man würde kaum Ärzte finden, die sich für eine Seite entscheiden würden, sondern eher die Verwundete und Kranke behandeln wollen unabhängig, ob es die Rebellen, ausländische Söldner, syrische Soldaten oder Zivillisten sind.
hansherman 13.10.2012
4.
Zitat von glücksbärchi35Wäre es bitte nur ein einziges mal möglich einen derartigen Bericht über Nicht-Rebellen zu schreiben die unter den Aktionen der Aktivisten leiden? Oder gibt es sowas nicht?
Das würde mich auch sehr interessieren. Wie geht es zum beispiel den Angehörigen der Ärzte, Krankenschwestern und Patienten in Homs wo die Rebellen das örtliche Hospital in die Luft Jagten?
Lemmi42 13.10.2012
5. Allahs Söhne
bringen sich gegenseitig für die Interesssen der Ungläubigen um !
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