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Dramatischer Tag in Trumps Impeachment-Anhörung Soldat gegen Präsident

Ein Offizier belastet Donald Trump bei den Impeachment-Anhörungen schwer. Doch das Lager des US-Präsidenten schlägt zurück und verunglimpft den verdienten Militär - ein unwürdiges Schauspiel.

Oberstleutnant Alexander Vindman trägt Dutzende Orden und Verdienstabzeichen auf seiner Paradeuniform. Ganz oben das Purple Heart, weil er im Irak von einer Bombe verletzt wurde, und das Combat Infantryman Badge für Gefechtseinsatz.

"Die Uniform, die ich heute trage, ist die der US-Armee", sagt Vindman, als er an die neueste Front seiner langen Karriere tritt, den Zeugenstand des Kongresses. "Die Armee ist der einzige Beruf, den ich je hatte."

Am anderen Ende der Pennsylvania Avenue sitzt US-Präsident Donald Trump - der den Vietnamkrieg seinerzeit mithilfe eines ärztlichen Attests umgangen hatte - im Kabinettssaal des Weißen Hauses. "Von dem habe ich noch nie was gehört", sagt er über Vindman. "Wie ich höre, trägt er neuerdings überall seine Uniform."

Der Kontrast könnte kaum krasser sein.

Impeachment-Kronzeugen: Jennifer Williams und Alexander Vindman

Impeachment-Kronzeugen: Jennifer Williams und Alexander Vindman

Foto: CHIP SOMODEVILLA/ AFP

Auf der einen Seite der Offizier, der als Baby aus der Ukraine nach Amerika kam, für seine neue Heimat in den Krieg zog und nun, als Akteur des größten US-Skandals seit Jahren, alles riskiert.

Auf der anderen Seite der Oberbefehlshaber, der die Macht seines Amtes nutzt, um diesen Soldaten zu verunglimpfen.

Wer von den beiden ist der wahre Patriot? Um diese Frage dreht sich der dritte Tag der Anhörungen zu einem möglichen Amtsenthebungsverfahren gegen Trump. Fast fünf Stunden lang sagen Vindman, ein Experte im Nationalen Sicherheitsrat, und Jennifer Williams, eine Mitarbeiterin von Vizepräsident Mike Pence, zur Ukraineaffäre aus.

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Sie sind die ersten Ohrenzeugen: Im Juli waren sie bei Trumps Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zugeschaltet, das den Skandal ans Licht brachte. Und was sie gehört haben wollen, nährt den Verdacht, dass Trump Kiew zur Wahlhilfe nötigte - der Kern der Affäre, der ein Impeachment rechtfertigen könnte.

Das beschrieben sie schon hinter verschlossenen Türen. Doch jetzt entfalten die Vorwürfe neue Wucht: Trump habe die offizielle Ukrainepolitik ignoriert, habe Selenskyj unter Druck gesetzt, Verschwörungstheorien gegen den Demokraten Joe Biden anzuheizen.

Vindmans Ex-Vorgesetzter Tim Morrison und der frühere Ukraine-Beauftragte Kurt Volker, von den Republikanern zur Entlastung Trumps vorgeladen, können später nur wenig Entlastendes beisteuern.

"Ich traute meinen Ohren nicht", sagt Vindman: Das Telefonat sei "unangebracht" gewesen.

Was sowohl Vindman wie Williams zu Zielscheiben einer Hetzkampagne Trumps und seiner Republikaner macht. "Never Trumper" - politisch motivierte Dissidenten - nennt Trump sie. Andere Beleidigungen sind noch schlimmer.

Ähnlich erging es am Freitag der Ex-Botschafterin Marie Yovanovitch. Diesmal gehen Trumps Vasallen noch weiter: Sie ziehen einen verdienten Offizier durch den Schmutz.

Das unwürdige Schauspiel wäre vor der Trump-Ära fast undenkbar gewesen - gerade in den USA, wo dem Militär sonst eine reflexartige Ehrfurcht entgegengebracht wird.

Doch Vindman, 44, hat schon härtere Schlachten erlebt. "Mr Vindman...", beginnt der Republikaner Devin Nunes, der das Kreuzverhör leitet, eine seiner bissigen Fragen. Vindman unterbricht ihn und korrigiert ihn kühl: "Oberstleutnant Vindman."

Williams und Vindman: Die ersten Ohrenzeugen

Williams und Vindman: Die ersten Ohrenzeugen

Foto: MICHAEL REYNOLDS/EPA-EFE/REX

Der Sohn sowjetischer Juden ist so stolz auf seinen US-Werdegang, dass er sogar ein lobendes Arbeitszeugnis vorliest. "Ich habe mein ganzes professionelles Leben den Vereinigten Staaten von Amerika gewidmet", sagt er.

Mit 23 trat er in die US-Armee ein, es folgten Einsätze im Irak, in Südkorea, Deutschland, Russland, der Ukraine und seit 2018 im Sicherheitsrat. Dort ist er einer der wenigen, die Ukrainisch, Russisch und "ein bisschen Englisch" sprechen, wie er erläutert, akzentfrei natürlich.

Möglicherweise muss der Zeuge umziehen - aus Sicherheitsgründen

Was einem zur Ehre gereichen sollte, wird hier jedoch zum Makel umdefiniert. Mehrmals bezichtigen die Republikaner Vindman der "doppelten Loyalität" - eine altbekannte Beleidigung gegen jüdische Immigranten. Der Anwalt Stephen Castor, der "Pitbull" der Republikaner, fragt Vindman, ob die Ukraine ihm den Posten des Verteidigungsministers angeboten habe.

Vindman bestätigt das, lacht aber: "Ich bin Amerikaner. Die Vorstellung ist ziemlich albern." Später kommt Nachricht aus Kiew, das sei ohnehin nur ein Witz gewesen.

Doch lustig ist das alles nicht mehr. Die Armee erwägt laut "Washington Post",  Vindman und seine Familie, die in einem Vorort Washingtons leben, auf eine Militärbasis zu bringen - aus Sicherheitsgründen, da es Drohungen gebe. Auf Fox News, dem Lieblingssender Trumps, wird Vindman als Landesverräter und Spion beschimpft.

Noch prallt das an Vindman ab. "Dad", sagt er an die Adresse seines Vaters und blickt in die Kamera, "dass ich heute hier sitze, im US-Kapitol, und mit unseren Abgeordneten rede, beweist, dass du vor 40 Jahren die richtige Entscheidung getroffen hast."

Zum Schluss wiederholt er diese Worte und fügt hinzu, sein Vater brauche sich keine Sorgen um ihn zu machen: "Dies ist Amerika", sagt er. "Hier zählt, was richtig ist."

Zumindest die Zuschauer im Saal teilen diese Hoffnung und verabschieden ihn mit Applaus.