Gesichter Amerikas Der letzte Bulle

Es sind Leute wie Joel Coe, die Donald Trump als nächsten US-Präsidenten wollen. Er ist wütend auf die Politik, weil das alte Amerika verschwindet. Denn seine Textilfabrik bekommt immer weniger Aufträge.

Joel Coe in seiner Fabrik
Hollis Bennett

Joel Coe in seiner Fabrik

Aus Red Boiling Springs berichtet


Joel Coes Lieblingsspielzeug steht in der Mitte der Fabrikhalle, es ist ein kalter, cremefarbener Block Stahl mit einem schwarzen Schriftzug "Made in Germany". Echte Wertarbeit sei die Dürkopp-Adler-Nähmaschine, lobt Coe, "sehr verlässlich", seit vielen Jahren. So wie seine Fabrik, die letzte ihrer Art.

Hinter Coe rasselt und klackert es in allen Ecken des Raumes, Stoffe mit grünlichem oder beigefarbenem Muster stapeln sich neben Arbeitstischen. Rund fünfzig Frauen sitzen an Nähmaschinen und fertigen Jacken und Hosen für das amerikanische Militär.

Der Lärm der Nähmaschinen ist guter Lärm in den Ohren von Joel Coe, denn so lange er ihn hört, weiß er, dass es weitergeht mit seinem Betrieb.

Wer das alte Amerika sucht, der findet es in der Kleinstadt Red Boiling Springs im Norden Tennessees, an der College Street No. 327 hinter der fensterlosen, blau-metallisch schimmernden Fabrikfassade der Racoe Inc.

Es ist eine abgelegene, ländliche Gegend in den Südstaaten, rund hundert Kilometer nordöstlich von Nashville, der Heimat amerikanischer Countrymusik. Aber Coe ist wütend. Denn sein Amerika, das Amerika der klackernden Nähmaschinen, verschwindet von Jahr zu Jahr ein wenig mehr aus Tennessee.

Neun Textilfabriken habe es noch Anfang der Neunzigerjahre hier in der Gegend gegeben, erzählt er. Racoe sei mittlerweile die einzig verbliebene. "Die ganze Produktion ist nach Mexiko gegangen", sagt er.

Geblieben ist die Wut auf die Regierung, die Präsidenten der vergangenen Jahre, die Kongressabgeordneten und Senatoren aus Tennessee, die Verantwortlichen in der Hauptstadt Washington. Auch bei Racoe hätten in guten Zeiten 250 Menschen gearbeitet. Heute sind es noch 71. Als die anderen Fabriken Stück für Stück dicht machten, starb auch Coes Vertrauen in den Staat. "Ich glaube keinem Politiker mehr", sagt er.

Joel Coe ist ein bulliger Südstaatler mit gewaltigen Oberarmen und einem rötlichen Rauschebart; über seinem Schreibtisch im Büro hängen Geweihe von Hirschen, die er hier in der Gegend erlegt hat. Er sieht aus wie ein Mann, den wenig erschüttern kann.

Coe zückt einige Blätter Papier mit Tabellen, in denen er die Handelsbilanz der Vereinigten Staaten mit anderen Ländern unterstrichen hat. Er deutet auf Mexiko. Bis Anfang der Neunzigerjahre sind die Zahlen etwa ausgeglichen, danach steht ein gewaltiges Minus. "Das war die Zeit, in der wir die Jobs verloren haben", sagt Coe, "in dieser Zeit startete das nordamerikanische Handelsabkommen."

Es ist auch das große Thema von Donald Trump: Die internationalen Handelsverträge, durch die viele ihre Jobs verloren haben. Nach Mexiko, nach China. Das alte Amerika, der Verlierer der Globalisierung. Hier in Red Boiling Springs sind die Wähler, auf die Trump seine Kampagne ausrichtet, die ihm ins Weiße Haus verhelfen sollen.

"Immer den gewählt, der mir am besten gefiel"

Auch Coe will Trump wählen. "Der war nie ein Politiker", sagt er. Dessen Konkurrentin Hillary Clinton sei dagegen von den großen Konzernen gekauft und korrupt. Clinton steht für ihn für Washington, das Establishment, alles was er an der Politik nicht mag. "Die Regierung ist zu fett geworden", sagt er.

Tennessee ist seit einigen Jahren eine Hochburg der Republikaner. Das letzte Mal gelang es Bill Clinton 1996, den Bundesstaat für die Demokraten zu gewinnen. Seitdem vergrößert sich der Abstand zwischen Republikanern und Demokraten bei jeder Präsidentschaftswahl. Trotzdem ist Joel Coe kein Stammwähler der Konservativen: "Ich habe nicht immer Republikaner gewählt. Ich habe immer den gewählt, der mir am besten gefiel."

Für ihn ist die Wahlentscheidung im November eine gegen das System, das seiner Heimat in Tennessee in den vergangenen Jahren so viele Arbeitsplätze genommen habe.

Auch viele republikanische Kandidaten seien korrupt, sagt Coe. "Wenn ich Trump nicht wählen würde, dann wäre Bernie Sanders mein Favorit", sagt Coe. Denn beide würden für fairen Handel kämpfen und gegen das System antreten. "Die denken beide auf eine ähnliche Weise", sagt Coe, "das mag ich."



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