Iraks Armee gegen Kurden Entscheidungsschlacht um die Ölstadt Kirkuk

Der Konflikt um Iraks Ölstadt Kirkuk eskaliert: Kurdische Peschmerga-Kämpfer und Truppen von Premier Maliki stehen sich vor den Toren der Stadt gegenüber. Die Regierungssoldaten haben Schießbefehl. Keine Seite scheint zu Konzessionen bereit.

Kurdische Peschmerga bei Kirkuk: "Niemand weiß, was geschehen wird"
DPA

Kurdische Peschmerga bei Kirkuk: "Niemand weiß, was geschehen wird"

Von


Kirkuk - Der seit langem schwelende Konflikt zwischen Iraks Zentralregierung und dem autonomen kurdischen Norden droht nahe der Ölstadt Kirkuk zum offenen Kampf zu eskalieren. Mit mehreren tausend Peschmerga-Kämpfern haben die Truppen der Kurdischen Regionalregierung (KRG) in den vergangenen zwei Wochen Stellungen südlich und westlich der Stadt Kirkuk eingenommen. Ganz in der Nähe liegen Iraks ältestes Ölfeld Baba Gurgur und eine Gasraffinerie.

Von Süden her sind Einheiten des "Tigris-Operationskommandos", einer Armee unter persönlichem Befehl von Premier Nuri al-Maliki, vorgerückt. Ihre Soldaten haben laut einem der Offiziere Schießbefehl, auf jeden Peschmerga zu feuern, der in Sicht kommt - "mit allem, was sie an Waffen haben".

Beide Seiten bestätigten, dass ihre Truppen an manchen Stellen der Fronten nur noch wenige hundert Meter voneinander entfernt liegen. Die Lage sei extrem angespannt.

Während der kurdische Kabinettsminister Qubad Talabani erklärte, die Peschmerga seien nur vorgerückt, um die besetzten Gebiete vor der Infiltration durch sunnitische Terroristen zu schützen, sprach Generalmajor Hamid Abdullah Ibrahim, Chef der irakischen Energiepolizei in Bagdad von "Kriminellen und Gangstern, die eine Gelegenheit zur Attacke genutzt haben", um sich Land unter den Nagel zu reißen.

Keine Seite ist zu Konzessionen bereit

Schon seit vergangenem November liegen sich beide Armeen südlich der von Kurden wie Bagdad gleichermaßen beanspruchten Stadt Kirkuk gegenüber. Aber monatelang war es ruhig geblieben. Anlass der neuen Eskalation ist die gewaltsame Zerschlagung eines Camps friedlicher sunnitischer Demonstranten in der Kleinstadt Hawija südlich von Kirkuk am 22. April durch Malikis Tigris-Truppen.

Die Absicht, die Sunniten mit exzessiver Gewalt zu unterwerfen, die sich überall in ihren Hochburgen zwischen Mosul und Bagdad darüber beklagen, als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden, hatte den gegenteiligen Effekt: Seither ist es an verschiedenen Orten zu Kämpfen zwischen sunnitischen Protestierenden und Truppen der schiitisch dominierten Zentralregierung gekommen, bei denen insgesamt Hunderte Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Als die Soldaten aus Bagdad von ihren Positionen nahe Kirkuk zu den überall aufflackernden Gefechten abgezogen wurden, rückten die Peschmerga nach.

In der unübersichtlichen irakischen Gemengelage konkurrieren die Kurden und Malikis zunehmend diktatorische Regierung um Ölfelder und Land rund um Kirkuk - während beide Seiten gleichzeitig gegen sunnitische Extremisten kämpfen und deren Präsenz zum Anlass nehmen, ihre Truppen vorrücken zu lassen.

In den staubigen Hügeln vor Kirkuk stehen sich nun beide Armeen schwerbewaffnet und schussbereit auf Sichtweite gegenüber. Keine Seite scheint zu Konzessionen bereit. Premier Maliki ließ den General absetzen, der für den Einsatz in Hawija verantwortlich war, weil es dem nicht gelungen war, die Proteste niederzuschlagen. Doch niemand weiß, wie es weitergehen soll, "ob die uns angreifen werden oder was sonst geschehen wird", so ein Offizier der Peschmerga.



insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Maya2003 10.05.2013
1.
Zitat von sysopDPADer Konflikt um Iraks Ölstadt Kirkuk eskaliert: Kurdische Peschmerga-Kämpfer und Truppen von Premier Maliki stehen sich vor den Toren der Stadt gegenüber. Die Regierungssoldaten haben Schießbefehl. Keine Seite scheint zu Konzessionen bereit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/in-kirkuk-bekaempfen-sich-die-irakische-armee-und-kurdische-peschmerga-a-899134.html
Die islamische Welt ist demokratieunfähig. Es wird immer nur ein Diktator gegen den nächsten getauscht - im Namen der Demokratie und ab und zu mit der "Hilfe" des Westens. Zuerst Libyen, dann Ägypten, demnächst Syrien. Eine herrschender Clan oder eine "Partei" wird durch eine andere ersetzt - die dann mit den selben Methoden regiert wie der "Diktator" zuvor. Es lohnt nicht zu intervenieren. Lassen wir sie im eigenen Saft schmoren.
freddygrant 10.05.2013
2. Dieser Konflikt .....
....um die Ölquellen im Nordirak ist das Ergebnis der amerikanischen Friedenspolitik und Demokratisierung des Irak nach westlichen Vorstellungen. Die nächste Chaosvorstellung der Amis und ihrer europäischen Nordatlantikexperten läuft schon in Syrien. Wer wird dann der Nächste sein - Aegyten oder Mali?
mauskeu 10.05.2013
3.
Zitat von sysopDPADer Konflikt um Iraks Ölstadt Kirkuk eskaliert: Kurdische Peschmerga-Kämpfer und Truppen von Premier Maliki stehen sich vor den Toren der Stadt gegenüber. Die Regierungssoldaten haben Schießbefehl. Keine Seite scheint zu Konzessionen bereit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/in-kirkuk-bekaempfen-sich-die-irakische-armee-und-kurdische-peschmerga-a-899134.html
Wenn die Entwicklung im Irak eines zeigt, dann ist es die falsche Analyse der Situation des Landes vor dem Irak Krieg, der Bush Administration. Wie konnte nur der teure Spionageapparat der USA so falsch liegen, wenn es um die Probleme des Landes ging. Oder heisst das, dass Politiker sich nicht um Realitäten kümmern, solange sie ihre Agenda verfolgen können. Fast nirgends kommt das so augenscheinlich zur Klarheit wie hier im Irak.
Palmstroem 10.05.2013
4. Ohne Soldaten kein Friede
Zitat von sysopDPADer Konflikt um Iraks Ölstadt Kirkuk eskaliert: Kurdische Peschmerga-Kämpfer und Truppen von Premier Maliki stehen sich vor den Toren der Stadt gegenüber. Die Regierungssoldaten haben Schießbefehl. Keine Seite scheint zu Konzessionen bereit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/in-kirkuk-bekaempfen-sich-die-irakische-armee-und-kurdische-peschmerga-a-899134.html
"Präsident Obama und seine Anhänger stellen den Truppenabzug aus dem Irak als Erfüllung seiner Wahlversprechen und als Wende zum Frieden hin."(wsws) Das was zu befürchten war, ist eingetreten - der voreilige Abzug der US-Truppen durch Obama treibt das Land in einen Bürgerkrieg. Was umso schlimmer ist, da auch in Syrien ein Bürgerkrieg tobt. Obamas Glaube, allein mit Drohnen den Terrorismus bekämpfen zu können ist ein fataler Irrtum. Ohne die Präsenz von US-Truppen im sensiblen mittleren Osten hat er, wie man sehen kann, keinen Einfluss auf das Geschehen dort. Die vielschichtigen Probleme durch verschiedene Etnien, religiösen Hass zwischen Schiiten und Suniten, politischer Einflussnahme durch Regionalmächte und internationalen Interessen kann man nicht aus der Ferne lösen. So treibt der Mitllere und Nahe Osten ins Chaos, denn ohne USA sind die Europäer nur Papiertiger und als einzige wirkliche westliche Bastion bleibt nur noch Israel in dieser Region.
abraxas63 10.05.2013
5.
Zitat von sysopDPADer Konflikt um Iraks Ölstadt Kirkuk eskaliert: Kurdische Peschmerga-Kämpfer und Truppen von Premier Maliki stehen sich vor den Toren der Stadt gegenüber. Die Regierungssoldaten haben Schießbefehl. Keine Seite scheint zu Konzessionen bereit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/in-kirkuk-bekaempfen-sich-die-irakische-armee-und-kurdische-peschmerga-a-899134.html
Die Sicherung dieser Ölfelder wäre Kurdistans Tor zur Unabhängigkeit. Das Gebiet ist freilich eine Mischzone, weder die eine noch die andere Seite hat ein vollständiges Recht auf die Region. Da es aber nicht um Zusammenarbeit geht, sondern um möglichst viel für sich selber zu raffen, wird es eben knallen. Und der nächste Konflikt geht los. Wer der Böse ist, ist ja mal wieder ausgemacht. Dies wurde perfekterweise ja vor wenigen Tagen schon von Frau Salloum kenntnissicher vorgegeben. Ich rate mal: Frau Salloum ist Sunnitin. Und selbst noch echte alte linke Kämpen könnten doch jetzt überzeugt werden, endlich für die Kurden zu kämpfen. Die Grünen sind sowieso dabei. Was allerdings die Türkei dazu sagt? Die hatten in der Vergangenheit mit der Idee gespielt, sollte die territoriale Integrität des Iraks zerbrechen, selber auf genau jene Ölfelder vorzurücken, da sie ja eigentlich sowieso ihnen gehören. Und unabhängiges Kurdistan hört sich in deren Ohren schon sehr grausam an.... Aber immerhin wissen wir aus dem Artikel schon, auf welcher Seite Spon embedded sein wird... So nebenbei: In der letzten Zeit haben sie sich zwar ruhig verhalten, sollte es aber tatsächlich gelingen nach langen, mörderischen Auseinandersetzungen ein unabhängiges Kurdistan zu schaffen, werden die beiden seit Generationen führenden politischen Strömungen sich wie stets wieder an die Gurgel gehen, um alles für sich zu haben. Zu diesem Zweck hatten sie sich in der Vergangenheit sogar mit Saddam Hussein verbündet. Um die Prioritäten aufzuzeigen.... Die Rolle des Westen: wahrscheinlich der Versuch, eine selbsterzeugte missliche Situation auf die selbe altbewährte Weise wieder gerade zu rücken. Mit den selben fatalen Ergebnissen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.