Gewalt in Pakistan "Zur Hölle mit der westlichen Freiheit"

Die Wut gegen den Mohammed-Film wächst: In Pakistan haben Demonstranten versucht, das Botschaftsviertel zu stürmen. Für Freitag werden im ganzen Land heftige Krawalle erwartet. Westliche Diplomaten und Reisende fürchten um ihr Leben.

DPA

Von , Islamabad


Hunderte Menschen stehen vor dem Serena, dem luxuriösesten Hotel in Pakistans Hauptstadt Islamabad, und rütteln an den Zäunen. "Nieder mit Amerika", brüllen sie, "Lang lebe der Islam, zur Hölle mit der westlichen Freiheit", dazwischen das islamische Glaubensbekenntnis. Leute von radikalen Parteien sind mit kleinen Suzuki-Transportern und auf Motorrädern unterwegs. Sie stacheln die Demonstranten per Lautsprecher weiter an.

Die Randalierer wollen zum Diplomatenviertel, aber sie dringen nicht durch, weil die Polizei die Wege blockiert hat. Seit Stunden liefern sich Sicherheitskräfte und Demonstranten Schlägereien. Viele Botschaften haben geschlossen, aus Sorge vor Gewalttaten in Folge des Schmähvideos aus den USA, in dem der Prophet Mohammed als blutrünstiger Kinderschänder dargestellt wird, und in Folge der französischen Mohammed-Karikaturen.

Vielen ist es aber schon vorher gelungen, zum Diplomatenviertel zu kommen, Tausende von Randalierern haben sich auch hier versammelt. Es sind Studenten, Anwälte, aber auch einfache Leute wie Händler und Fahrer. Viele sind aus der Nachbarstadt Rawalpindi angereist, manche auch aus entfernten Landesteilen.

Am Nachmittag hat sich die Lage verschärft, die Regierung ruft die Armee zu Hilfe. Die geht mit Schlagstöcken und Tränengas vor. Die sogenannte "Rote Zone", also das Diplomaten- und Regierungsviertel, wird weiträumig mit Schiffscontainern abgeriegelt. Einigen Protestierenden gelingt es dennoch, die Sperren zu überwinden. Doch nach ein paar Metern werden sie wieder eingefangen. Ihr Ziel, die US-Vertretung, ist eineinhalb Kilometer von allen Einfahrten in das hoch gesicherte Viertel entfernt.

Der Aufruf zum Protest erfolgte auf Druck radikaler Parteien

Dann eben zum Serena. Auch das Hotel ist eine Festung, hier steigen vor allem Geschäftsleute, Politiker und Journalisten ab. Die frustrierten Randalierer werfen Steine und Brandsätze, jetzt brennen Autos auf dem Parkplatz. Immer mehr Menschen drängen am Donnerstagabend zum Hotel. "Was machen wir eigentlich, wenn die das Hotel stürmen?", fragt ein Hotelgast. "Hat das Management einen Plan B?" Zumindest an einige Hotelgäste verteilten Angestellte Gasmasken.

Es hat so kommen müssen. Denn Pakistans Premierminister Raja Pervez Ashraf hatte die Bevölkerung am Mittwoch mit großer Geste aufgerufen, am Freitag gegen das antiislamische Video zu protestieren. Man möge das friedlich tun und keine Gesetze verletzen, aber protestieren solle man schon.

Der Aufruf war ein Schuss in den eigenen Fuß. In dem Moment, in dem die Regierung den Freitag zum Feiertag "Ishq-e-Rasool", zum Tag des "Ausdrucks der Liebe für den Propheten" deklarierte, war klar: Das wird alles andere als ein Tag der Liebe, das wird ein Tag des Zorns und des Hasses. Tausende Gewaltbereite würden ihn nutzen, um zu randalieren und alles anzugreifen, was ihrer Meinung nach irgendwie westlich, irgendwie "unislamisch" sei. Kein Wunder, denn der Aufruf der Regierung war auf Druck radikaler Parteien erfolgt. So groß ist die Macht der Religiösen in Pakistan.

Auch in anderen pakistanischen Städten, in Karatschi, Lahore, Quetta und Peschawar, kommt es zu Ausschreitungen. Aus allen Metropolen werden Verletzte gemeldet.

Auch der gesellschaftliche Druck ist groß

Für Freitag wird mit Anschlägen und vielen Kämpfen zwischen gewaltbereiten Demonstranten und den Sicherheitskräften gerechnet. "Dieser Zwangsfeiertag ist idiotisch", sagt ein Apotheker in Islamabad, dessen Geschäft üblicherweise permanent geöffnet hat. "Wir werden gezwungen, morgen zu schließen", sagt er. "Es war ein Regierungsbeamter hier und hat uns aufgefordert, morgen dichtzumachen." Schlimmer sei aber der gesellschaftliche Druck: "Wenn wir nicht schließen, kommt irgendein Verrückter auf die Idee zu behaupten, wir würden in Wahrheit dieses Schmuddelvideo unterstützen. Welche Wahl haben wir also?"

Der deutsche Botschafter in Pakistan, Cyrill Nunn, verschickt am Nachmittag eine E-Mail an die deutschen Staatsbürger in Pakistan, in der er zu erhöhter Wachsamkeit rät. "Bislang haben wir noch keine Hinweise, dass sich - anders als es z. B. in Khartoum/Sudan der Fall gewesen ist - die Proteste in Pakistan spezifisch gegen deutsche Staatsangehörige und Einrichtungen richten", heißt es in dem Schreiben. "Dies könnte sich aber ändern, wenn z. B. der umstrittene Film in Deutschland von einzelnen Organisationen gezeigt wird und wenn darüber in den pakistanischen Medien berichtet wird. Wir müssen daher auch in den nächsten Tagen und Wochen die Lage sorgfältig beobachten."

Wie in den meisten islamischen Ländern soll die deutsche Botschaft in Islamabad am Freitag geschlossen bleiben.

Die USA warnen ihre Staatsbürger vor Reisen nach Pakistan. Wenn es "nicht unbedingt nötig" sei, sollten sie darauf verzichten, heißt es in einer Mitteilung des US-Außenministeriums. Die Proteste gegen das Video, aber auch gegen die US-Drohnenangriffe im Westen Pakistans würden wahrscheinlich länger andauern. US-Bürger in Pakistan sollten "dringend" große Menschenansammlungen meiden. Außerdem gebe es Hinweise, wonach Terroristen Gelegenheiten für Attacken an Orten suchten, an denen sich amerikanische und westliche Bürger gern aufhielten. Dazu gehörten Hotels, Restaurants und Geschäfte.

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Seite 1
stufenbarren 20.09.2012
1. Zur Hölle mit der westlichen Freiheit?
Gern. Dann auch zur Hölle mit den iPhones mit denen so gern gefilmt und veröffentlicht wird. Und allem was dazugehört. Derselbe Druck, mit dem der arme Apotheker sich gezwungen sieht, seine Apotheke zu schließen, läßt hierzulande, in den USA usw. die Politiker die uns immer zu mehr Zivilcourage aufrufen, reihenweise einknicken. Tolles Beispiel.
plasmopompas 20.09.2012
2.
Zitat von sysopAPDie Wut gegen den Mohammed-Film wächst: In Pakistan haben Demonstranten versucht, das Botschaftsviertel zu stürmen. Für Freitag werden im ganzen Land heftige Krawalle erwartet. Westliche Diplomaten und Reisende fürchten um ihr Leben. In Pakistan protestieren Tausende gegen das Mohammed-Video - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,857051,00.html)
Ich habe so langsam den Eindruck, das viele religiöse Eiferer nur darauf warten sich beleidigt fühlen zu können, egal wie absurd der Anlaß ist. Wenn nicht viele Menschen dabei um ihr Leben fürchten müßten, wäre es total lächerlich, wie die Leute sich dort aufführen.
karoshi888 20.09.2012
3. Unter modischen Gesichtspunkten....
...koennte man die Demonstranten gut fuer eine Benetton-Anzeige verwenden. Das ist aber auch das einzige wozu's gut ist.
expat_ja 20.09.2012
4. Was soll das Ganze?
Zitat von sysopAPDie Wut gegen den Mohammed-Film wächst: In Pakistan haben Demonstranten versucht, das Botschaftsviertel zu stürmen. Für Freitag werden im ganzen Land heftige Krawalle erwartet. Westliche Diplomaten und Reisende fürchten um ihr Leben. In Pakistan protestieren Tausende gegen das Mohammed-Video - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,857051,00.html)
Ich verstehe gar nicht warum es eine Todsünde ist einen Propheten zu beleidigen. Der ist ja quasi nur der Botenjunge und relativ unwichtig. Wenn ich nun Gott himself beleidige, wird der schon seine Mittel und Wege haben mir auf die Fresse zu hauen. Dafür braucht der auch keinen marodierenden mob.
-marion- 20.09.2012
5. Ursachen der Unzufriedenheit.
Gebt den Randalierer ein Einreisevisum in die USA und innerhalb von Minuten sind viele Proteste verstummt. Die Leute sind mit sich, ihrer Gesellschaft und ihrem Staat unzufrieden und ohne Zukunftaussichten, da kommt jeder Anlass zur Aggression wie gerufen.
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