Sudanesische Provinz Süd-Kordofan Afrikas vergessener Krieg

Offiziell herrscht Frieden zwischen Sudan und Südsudan. Doch in der umstrittenen Provinz Süd-Kordofan tobt ein grausamer Krieg, Diktator Baschir lässt Zivilisten aus der Luft bombardieren. Die Welt weiß davon fast nichts - denn hier gibt es weder Blogger noch YouTube-Rebellen.

Horand Knaup

Aus Gidel berichtet


Eine Minute pro Patient, und selbst das ist noch Luxus. Wenn Doktor Tom zur Visite schreitet, ist Zeit sein kostbarstes Gut. Eine knappe Frage an den Patienten, die eiternde Wunde abtupfen, ein Kurz-Eintrag ins Datenblatt - und weiter geht's. Ob ein abgerissener Unterarm, ein Granatsplitter im Oberbauch oder die 15-Jährige, die während eines epileptischen Anfalls ins Feuer gefallen ist - es hilft nichts, es muss schnell gehen bei Doktor Tom: 290 Patienten und ein Arzt, da bleibt keine Zeit fürs einfühlsame Gespräch. Der nächste Verband wartet schon.

"Willkommen in Gidel", sagt Doktor Tom. Es ist Abend geworden in Süd-Kordofan, die Luft, die mittags noch brannte, hat sich auf 30 Grad abgekühlt, und er ist in die nahe Mission der Katholischen Kirche gekommen. Noch immer trägt er den grünen OP-Kittel und nebenbei die Last, knapp 300 Patienten durchzubringen. Nur das Stethoskop hat er im Krankenhaus gelassen.

Doktor Tom, 47, der eigentlich Thomas Catena heißt, trägt Nickelbrille, Fünftagebart, ist von asketischer Statur, Amerikaner und gläubig. Jeden Morgen hastet er zum Gebet hinüber zur Kapelle der Mission. Er war Militärarzt, er hat in Nairobi im Slum gearbeitet und in kenianischen Krankenhäusern hospitiert. Er kennt Afrika von ganz unten. Deshalb ist er in Gidel geblieben, als die Regierung des Sudan vor rund neun Monaten die Provinz Süd-Kordofan abriegelte, die ersten Bomben fielen und alle anderen gegangen sind: Die Nichtregierungsorganisationen, die Abteilungsleiter des Krankenhauses, selbst sein Anästhesiepfleger.

Bürgerkrieg in einem vergessenen Land

Sie gingen, und immer mehr Patienten kamen. Weil immer mehr Bomben fielen, weil es Doktor Tom gibt und weil in Gidel - abgesehen von einer kleinen Station von Cap Anamur - in einem Radius von rund 150 Kilometern das einzige Krankenhaus weit und breit steht. "Das ist ein Bürgerkrieg, wie er im Buche steht", sagt Doktor Tom und nippt an seinem Wasser. Niemand kennt Gidel, ein staubiges Nest, kaum einer kennt Süd-Kordofan und die Nuba-Berge. Süd-Kordofan ist knapp doppelt so groß wie Österreich, eine Art Puffer-Bundesstaat und liegt auf dem Hoheitsgebiet des Sudan, an der Grenze zum Südsudan, der sich im vergangenen Juli selbständig gemacht hat.

Es ist eine fruchtbare Gegend, reich an Mineralien - und an Öl. Man müsste die Region auch nicht kennen, fände dort nicht gerade ein ähnliches Drama statt wie in Syrien: ein Diktator, ein unerklärter Krieg, eine Bevölkerung in Geiselhaft, Bomben und Granaten, die vor allem Zivilisten treffen. Nur gibt es in den Nuba-Bergen keine Blogger, YouTube-Videos und medienversierte Rebellen. Deshalb findet der Krieg weitgehend unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit statt. Daran hat auch eine Protestaktion in Washington in der vergangenen Woche, bei der Hollywood-Star George Clooney vorübergehend festgenommen wurde, wenig geändert.

Begonnen hat es im Juni 2011, wenige Tage nach den Gouverneurswahlen in Süd-Kordofan. Angeblich hatte der von Khartum eingesetzte Gouverneur, Ahmed Haroun, die Wahl gewonnen. Haroun wird wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in Darfur vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht. Doch an seinen Sieg glaubte niemand, es war von massiven Wahlfälschungen die Rede. Unumstrittener Führer der Nuba-Region ist Abdul Aziz, ein studierter Rebell, der schon im Bürgerkrieg mit der SPLA-Nord, dem Nuba-Flügel der Südarmee (SPLA) gegen den Norden gekämpft hatte.

Präsident Baschir schickte Panzer und Kampfjets

Als sich seine Leute nach der strittigen Wahl weigerten, die Waffen abzulegen und sich in die reguläre Armee Khartums zu integrieren, verbot Präsident Umar al-Baschir Hilfsorganisationen den Zugang und schickte stattdessen Panzer und Flugzeuge.

Seither herrscht Krieg in Süd-Kordofan. Er herrscht womöglich auch deshalb, weil durch Süd-Kordofan gleich drei große Trennlinien verlaufen. Die Region trennt das Christentum von den Muslimen, sie trennt die Araber von den Schwarzafrikanern. Und - seit vergangenem Jahr - trennt Süd-Kordofan auch den Südsudan vom Norden.

"Die Nuba-Bewohner haben einst für den Süden gekämpft, jetzt zahlen sie die Rechnung", sagt Bischof Macram Gassis. 73 Jahre ist er alt, gesundheitlich ein bisschen angeschlagen, aber hellwach. Er hat sich ins kenianische Nairobi geflüchtet, weil seine Gesundheit die strapaziöse und gefährliche Fahrt mit dem Auto nach Gidel nicht mehr zulässt. Früher ist er von Kenia aus bis nach Süd-Kordofan geflogen, aber seitdem die Antonow-Bomber aus Khartum den Luftraum kontrollieren, bleiben zivile Maschinen am Boden.

Es ist seine Diözese, in der nun geschossen und gestorben wird.

Gassis hat, gerade weil er in Khartum groß geworden und zur Universität gegangen ist, nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen Baschir gemacht. Irgendwann war er nicht mehr geduldet und ging ins Ausland. Die Christen stellen zwar nur eine kleine Minderheit in den Nuba-Bergen dar, aber sie sind akzeptiert von der Muslim-Mehrheit. Vermutlich auch, weil sie mit ihren Projekten - darunter das Krankenhaus, Schulen oder eine Radiostation - ein bisschen Fortschritt in die abgelegene Felsen-Region gebracht haben.

Denn Baschirs Regierung hat die Nuba-Berge, wenn es um Entwicklung ging, immer vernachlässigt. Keine Straßen, kaum Schulen, keine Gesundheitsversorgung. Von den lange sprudelnden Öleinnahmen kam in Süd-Kordofan nie etwas an. Weil die Nuba-Bewohner keine Araber sind, weil sie Schweinefleisch essen, bisweilen Alkohol trinken und Sympathie für die Autonomie des Südsudan zeigten. "Das sind für Khartum Muslime zweiter Klasse", sagt der Bischof. Und die wollten sich irgendwann nicht mehr vernachlässigen lassen.



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radio_engineer 24.03.2012
1. Das wird nie was
Zitat von sysopHorand KnaupOffiziell herrscht Frieden zwischen Sudan und Südsudan. Doch in der umstrittenen Provinz Süd-Kordofan tobt ein grausamer Krieg, Diktator Baschir lässt Zivilisten aus der Luft bombardieren. Die Welt weiß davon fast nichts - denn hier gibt es weder Blogger noch YouTube-Rebellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821709,00.html
Ich warte auf den Tag, an dem sich der 'Schwarze Kontinent' endlich mal selber helfen kann, und nicht 'die Welt' (die westliche) einspringen muss, um den Hunger zu lindern oder Rebellenschlächtern auf die Finger zu klopfen, aber das wird diese Menschheit nicht mehr erleben. Und wer jetzt sofort wieder reflexartig auf die vergangene westliche Kolonialpolitik als Grund allen afrik. Übels zeigt der soll seinen Blick auf andere Kontinente und Länder richten, die auch Erfahrung als Kolonie machen mussten und dennoch heute recht respektabel dastehen (von Argentinien bis Indonesien - viele Länder quer über die Erde). Ich behaupte, den oberen Zehntausend Afrikaner, die die Politik bestimmen, geht es zu gut weil sie die meiste Entwicklungshilfe (das meiste davon sind Banktransaktionen) einstecken und damit nur ihre Machtpositionen ausbauen oder stramm verteidigen, ohne Rücksicht auf Verluste (z.B. Mugabe/Zimbabwe). Interesse am eigene Volk das sie regieren ? Niemals, der eigene Clan will versorgt sein und das mit allen Mitteln. Aus dieser 'Politik' entstehen dann Unruhen, Umstürze, Gewalt, Armut und man ist nicht mal in der Lage, selbst eine längere Wettertrockenperiode einigermaßen zu überstehen. Eine grundlegende Umstellung der Entwicklungspolitik ist notwendig, Hilfe vor Ort ja, Blankoschecks nein.
sebro 24.03.2012
2.
Zitat von sysopHorand KnaupOffiziell herrscht Frieden zwischen Sudan und Südsudan. Doch in der umstrittenen Provinz Süd-Kordofan tobt ein grausamer Krieg, Diktator Baschir lässt Zivilisten aus der Luft bombardieren. Die Welt weiß davon fast nichts - denn hier gibt es weder Blogger noch YouTube-Rebellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821709,00.html
Afrika war jahrhunderte lang Spielball der Kolonialmächte. Auf den Schultern der Bevölkerung wurden Kämpfe um Rohstoffe ausgetragen. Alles was wir ihnen verebt haben, sind Gewalt und die Gier nach Rohstoffen und damit einem ebenso hohen Lebensstandard wie dem der westlichen Welt. Wer will es ihnen verübeln? Anders läuft es in unserer ach so heilen zivilisierten Welt doch auch nicht ab. Und warum stehen wohl andere Ex-Kolonien (zB kompletter amerik. Kontinent) heute ganz gut da? Weil die dortige Ur-Bevölkerung fast vollständig ausgelöscht wurde und sich die Kolonialisten anschließend nach Belieben ausbreiten konnten. Afrika ist dafür zu unwirtlich (mit Ausnahme vllt. Südafrikas, wo es ja auch jahrelang Unruhen gab)
pförtner 24.03.2012
3. Es hört nie auf
Bei Biafra war ich noch jung und konnte Demonstrieren, jetzt bin ich alt und kann bei solchen Bildern nur Heulen.
Martin2 24.03.2012
4. Danke
Was auch immer die tieferliegenden Ursachen für diese Situation sind, wichtig für die betroffenen Menschen ist das hier und jetzt, und man muss sich die Frage stellen, wie man den Menschen irgendwie helfen kann. Überhaupt einmal andere Menschen zu informieren ist dazu ein erster Schritt - deswegen vielen Dank lieber Spiegel für diesen Beitrag! So traurig und betroffen das Lesen des Artikels macht, so birgt er dennoch auch eine positive Botschaft in sich, denn er zeigt, was ein einzelner Mensch bewirken kann. Solchen Menschen wie "Doctor TOM" gebührt höchste Anerkennung!
Atheist_Crusader 24.03.2012
5.
Zitat von sebroAfrika war jahrhunderte lang Spielball der Kolonialmächte. Auf den Schultern der Bevölkerung wurden Kämpfe um Rohstoffe ausgetragen. Alles was wir ihnen verebt haben, sind Gewalt und die Gier nach Rohstoffen und damit einem ebenso hohen Lebensstandard wie dem der westlichen Welt. Wer will es ihnen verübeln? Anders läuft es in unserer ach so heilen zivilisierten Welt doch auch nicht ab. Und warum stehen wohl andere Ex-Kolonien (zB kompletter amerik. Kontinent) heute ganz gut da? Weil die dortige Ur-Bevölkerung fast vollständig ausgelöscht wurde und sich die Kolonialisten anschließend nach Belieben ausbreiten konnten. Afrika ist dafür zu unwirtlich (mit Ausnahme vllt. Südafrikas, wo es ja auch jahrelang Unruhen gab)
Weil das prä-koloniale Afrika auch ein blühender Garten war... ein Ort ohne Gewalt, ohne Hass, ohne Rassismus und ohne Gier... ist klar.
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