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29. Dezember 2013, 18:58 Uhr

Europäische Dschihadisten in Syrien

Jung, männlich, verloren

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Hunderte junge Europäer kämpfen im syrischen Bürgerkrieg. Woher sie stammen, wie sie früher lebten, wann sie sich radikalisierten, das ist von vielen bekannt. Fast alle haben drei Dinge gemeinsam.

Berlin - Ende 2011 tauchten die ersten ausländischen Kämpfer in Syrien auf. Inzwischen sind einige gefallen - auch junge Männer aus dem Westen. In den europäischen Medien mehren sich Berichte über deren Schicksale. Dutzende Geschichten europäischer Syrien-Reisender sind inzwischen bekannt. In Deutschland sorgte zuletzt der Tod der einstigen Fußball-Nachwuchshoffnung Burak Karan für Aufsehen.

Aus den Lebensläufen der Dschihadisten lässt sich vieles ablesen, was sich mit Untersuchungen von Radikalismus-Forschern über andere Konflikte deckt. Es ist keine repräsentative Gesamtstatistik, dazu ist zu viel unbekannt - lediglich Erfahrungswerte. Bei den europäischen Syrien-Kämpfern fällt auf:

Drei Kategorien von Radikalisierten

Vorhersagen, wer Dschihadist wird und wer nicht, lässt sich selbstverständlich nicht. Warum spielt der 24-jährige Norweger Tarik Elyounoussi Fußball für die TSG 1899 Hoffenheim - und warum starb sein nahezu gleichalter enger Freund aus dem norwegischen Fredrikstad kürzlich im syrischen Krieg? Antworten darauf gibt es keine.

Der Psychologe Ervin Staub forscht über Radikalisierung. Er glaubt, dass sich Menschen, die dafür anfällig sind, mindestens einer von drei Kategorien zuordnen lassen: "Idealisten", "Reagierende" oder "Verlorene", wie er sie nennt.

"Idealisten" brennen für soziale Gerechtigkeit und können dabei zerstörerisch wirken, vor allem, wenn sie sich für besser als andere halten. "Reagierende" haben selbst Unterdrückung und Gewalt erfahren. "Verlorene" stammen häufig aus zerbrochenen Familien und/oder sind Einwanderer und Migrantenkinder, die sich fremd fühlen und auf der Suche nach Sicherheit, Identität und Bestätigung sind.

Mehr Europäer als in Irak und Afghanistan

Unter den Berichten über die europäischen Syrien-Reisenden sind nach Staubs Definition viele "Verlorene". Manche reisten nach Syrien, um dort humanitäre Hilfe zu leisten und entschieden sich dann angesichts der Brutalität vor Ort, zur Waffe zu greifen. Sie würde Staub wohl in alle Kategorien gleichzeitig zuordnen.

Insgesamt gehen Forscher von 400 bis 2000 Europäern aus, die seit Ende 2011 nach Syrien reisten, um dort zu kämpfen. "Es sind heute mehr Europäer in Syrien als in vorangegangenen Konflikten der jüngsten Zeit wie Afghanistan und Irak zusammengenommen", sagt Thomas Hegghammer, Terrorismusexperte am Norwegischen Verteidigungsforschungsinstitut (FFI).

Auffällig ist auch die Bedeutung von Netzwerken: Viele, die nach Syrien aufbrechen, haben schon vorher Kontakte dorthin. Sie waren zu Hause in radikalislamistischen Kreisen unterwegs aus denen zuvor schon andere Mitglieder in den Dschihad gezogen sind. Andere werden von Bekannten und Verwandten nach Syrien gelotst, die schon dort sind - vor allem ältere Brüder scheinen häufig ihre jüngeren nachzuholen.

Vor Ort tun sich die Europäer offenbar in der Regel mit ihren Landsleuten zusammen. Dieser Schneeballeffekt könnte dazu führen, dass ihre Zahl rasant steigt.

Der bekannteste Deutsche in Syrien

Ob aus den "Verlorenen" jedoch in Syrien tatsächlich Kämpfer werden, ist eine andere Frage. Viele Syrien-Reisende scheinen mehr Zeit mit Twittern, Bloggen und Filmen zu verbringen als tatsächlich an der Front. Der wohl bekannteste Deutsche in Syrien, Denis Cuspert, wurde offenbar ebenfalls nicht im Kampf verwundet, sondern bei einem Bombenangriff auf Zivilisten.

Für die Geheimdienste sind die Westler in Syrien ein Alptraum. Sie stehen vor der schwierigen Aufgabe herauszufinden, wer von dem Heimkehrern Anschläge in der Heimat plant.

Das deutsche Bundeskriminalamt warnt vor Denis Cuspert und anderen Dschihadisten auf Plakaten. In Belgien muss sich der inzwischen 19-jährige Jejoen Bontinck wegen seiner Syrien-Aufenthalte vor Gericht verantworten. Er behauptet aber, in humanitärer und nicht kriegerischer Mission dort gewesen zu sein. Die Beweislage ist schwierig. Großbritannien hat einigen Syrien-Reisenden, die mehrere Staatsbürgerschaften besitzen, die britische aberkannt.

"Obwohl die meisten dieser Individuen keine konkrete Gefahr für unser eigenes Land darstellen: Wenn oder falls sie zurückkehren, wissen wir aus internationaler Erfahrung, dass diejenigen, die tatsächlich eine Bedrohung darstellen oder ernsthafte Verbrechen begehen, Zeit in solchen Regionen verbracht haben", sagt Frederik Milder, Pressesprecher des schwedischen Inlandgeheimdiensts Säkerheitspolisen.

"Entscheidend ist, ob eine der Gruppen in dem Konfliktherd entscheidet, sie zu benutzen, um den Westen zu attackieren oder nicht. Bisher ist dies in Syrien nicht der Fall, aber wir befinden uns noch in einem frühen Konfliktstadium", sagt Thomas Hegghammer. "Solo-Angriffe von Syrien-Rückkehrern sind eine Sorge. Aber das ist nichts im Vergleich zu den Problemen, die wir hätten, wenn eine Organisation in Syrien entscheiden würde, die Kämpfer gegen den Westen einzusetzen."

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