Obamas Amtseinführung Poet des Präsidenten

Er ist jung, Latino und schwul: Zu Obamas Amtseinführung trägt Richard Blanco als offizieller Inaugurationspoet ein Gedicht vor. Es ist ein gewagter symbolischer Akt, der Dichter steht für den Abschied von der Macho-Welt und den Umbruch in der politischen Landschaft der USA.

Von , Washington


Ach, nervös ist er eigentlich nicht. "Bisher jedenfalls", sagt Richard Blanco und lacht. "Doch jetzt, bei diesem Blick, da wird mir schon mulmig." Denn dieser Blick geht auf die glänzende Kuppel des US-Kapitols, majestätisch gleich gegenüber die Kolonnaden, zur Feier des Tages verhängt mit fünf riesigen Sternenbannern.

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Es ist diese Feier, wegen der Blanco aus Maine angereist ist und die ihn nun, im letzten Moment, doch ein bisschen nervös macht. Blanco - 44, doch viel jünger wirkend - ist eine Hauptattraktion des Festakts zur Vereidigung von Präsident Barack Obama: Als offizieller Inaugurationspoet wird er zu dessen Ehren ein eigenes Gedicht vortragen - vor Hunderttausenden auf der National Mall und Abermillionen TV-Zuschauern daheim.

Diese Ehre ist bisher nur vier Amerikanern zuteil geworden, und alle waren ehrwürdige Vertreter der US-Hochliteratur. Darunter der Nationaldichter Robert Frost (1961 für John F. Kennedy) und die Bürgerrechtslegende Maya Angelou, die 1993 bei der Amtseinführung Bill Clintons mit bebender Stimme Stanzen verlas von Furcht, Hoffnung und "diesem neuen Tag".

Und jetzt eben Richard Blanco. Richard Who?, fragten da viele zuerst. Obama, der Blanco persönlich auswählte, will offenbar ein Zeichen setzen: Blanco ist nicht nur der jüngste "inaugural poet" der US-Geschichte - sondern auch der erste Latino und erste offen Schwule.

Blancos Gedichte seien zutiefst persönlich, ließ Obama seine Wahl begründen, doch kreisten immer wieder um die Frage, "was es heißt, ein Amerikaner zu sein". Jung, Latino, schwul: Es sind vor allem diese lange vernachlässigten Gruppen, die Obama 2012 zur Wiederwahl trugen, als Bannerträger eines "neuen Amerikas" - und Blanco ist ihre Personifikation.

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Weiter Weg von Little Havana auf die Bühne vor dem Kapitol

Zunächst mal ist Blanco aber ein schüchterner Mann, ungelenk im unförmigen Sakko und mit schiefsitzender Krawatte. Vor seinem großen Moment wird er herumgereicht in Washington, zum Beispiel gerade in einem Festsaal auf der anderen Straßenseite vom Kapitol. Dort feiern ihn die Alumni seiner Alma Mater, der kleinen Florida International University (FIU) in Miami. "Die feinste Institution des Universums", erklärt Uni-Kurator Al Dodson das Kürzel auch mit einem Augenzwinkern.

Blanco tritt ans Pult, liest zwei Gedichte vor und erzählt von seinen Studienjahren, wo er die verschiedensten Facetten seiner Herkunft erstmals ausleuchtete - Einwanderer, Sohn konservativer Exilkubaner, Homosexueller in einer oft noch homophoben Gesellschaft. Kein Wort aber von seinem Auftritt für Obama.

Das lässt er sich erst später entlocken, nachdem er geduldig für Andenkenfotos posiert hat. Ja, sagt Blanco SPIEGEL ONLINE, das Gedicht habe er schon abgeliefert. "Es hat ihnen auch gut gefallen, glaube ich." Wem? Dem Präsidenten und der First Lady natürlich!

Ein weiter Weg ist das, von Little Havana auf die Bühne vor dem Kapitol, wo Blanco direkt nach Obama sprechen wird, als Schlussakt quasi. Tough act to follow, sagen sie hier dazu: Schon der Präsident wird alles geben - was kann man darauf noch sagen?

Darüber braucht sich Blanco jedenfalls keine Gedanken mehr zu machen. Das ist ja sowieso nicht der Sinn der Poesie, der große Knall. Gedichte - in den USA als Kunstform bis heute gängiger als anderswo - atmen Besinnlichkeit, Stille. Mal sehen, was davon übrig bleibt, vor Hunderttausenden bei diesem lauten Volksfest.

Blanco symbolisiert eine neue Generation

Blancos Biografie ist hier in den vergangenen Tagen aber so prominent debattiert worden, dass ihm vielleicht doch noch einige zuhören dürften. Auf Kuba gezeugt, in Spanien geboren "und in die USA importiert", wie er auf seiner Website scherzt: kein normaler Werdegang, weder für einen Amerikaner noch für einen Immigranten.

Blancos Eltern waren erzkonservativ, wie alle Exilkubaner, die vor Fidel Castro geflüchtet waren. Seinen Vornamen verdankt er Richard Nixon und dessen harter Kubapolitik damals.

Die Frage nach seiner eigenen Identität traf ihn in Miami gleich mehrfach. Er studierte Ingenieurswissenschaften, entwarf Brücken, Straßen und Plätze, doch eigentlich mochte er Worte lieber als Bauten. Auch spürte er die Sehnsucht nach Kuba im Blut, verstand sie aber nicht.

Er sattelte aufs Schreiben um. Poesie wurde zum Ventil, um seine Homosexualität und die Macho-Welt der Latinos in Einklang zu bringen. "Umarme Männer nicht, doch wenn's sein muss / klopfe ihnen richtig hart / auf den Rücken, selbst / wenn's dein Vater ist". So verarbeitete er die Angst, "zu feminin" zu wirken, in einem Gedicht, erschienen in seinem jüngsten Band.

Blanco symbolisiert eine neue Generation, gesellschaftlich wie politisch aufgeschlossener als ihre Eltern: Machismo ist passé, und der Hass auf Castro eine Geschichte, die man sich am Küchentisch erzählt. Mit Folgen: Voriges Jahr gewann Obama 71 Prozent aller Latino-Stimmen und fast die Hälfte der Exilkubaner in Florida - ein Rekord für einen Demokraten.

Dieser Umbruch bündelt sich in Blanco ebenso wie in Obama. "Es gab da immer eine spirituelle Verbindung", sagte er der "New York Times". "Wenn ich über meine Familie schreibe, habe ich das Gefühl, ich schreibe auch über ihn."

"Heimat" ist also das Thema seines Gedichts zu Ehren des Präsidenten. Anschließend wird Blanco zurück nach Maine reisen, wo er auf dem Dorf lebt, mit seinem Partner Mark Neveu, einem Mediziner, der auch sein Manager ist. Das neue Amerika eben. Dort arbeitet er bereits an seinen Memoiren - und die 57. Inauguration eines US-Präsidenten ist darin nun ein neues Kapitel.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
timepiece123 21.01.2013
1. Cool.
Zitat von sysopAFPEr ist jung, Latino und schwul: Zur Obamas Amtseinführung trägt Richard Blanco als offizieller Inaugurationspoet ein Gedicht vor. Es ist ein gewagter symbolischer Akt, denr Dichter steht für den Abschied von der Macho-Welt und den Umbruch in der politischen Landschaft der USA. http://www.spiegel.de/politik/ausland/inauguration-richard-blanco-verkoerpert-obamas-neues-amerika-a-878756.html
Das hätte ich von Obama nicht erwartet, sich hier für einen schwulen Latino zu entscheiden.
steuerzahler24 21.01.2013
2. Neues Amerika?
Blanco ist also die Personifikation des neuen Amerika? Jung, Latino und schwul? Kann ich irgendwie nicht glauben.
pjgudelius 21.01.2013
3.
Dieses Amerika! Diese USA! Nicht nur Tea Party, nicht nur National Rifle Association. Nicht nur Hass, sondern auch Liebe. Nicht nur Business, sondern auch Poesie. Ein Land, so durcheinander wie das Leben. Manchmal zum Hassen, manchmal zum Lieben. Manchmal habe ich das Gefühl: Amerika, du machst es besser, besser als wir hier. Oder sieht das nur so aus, aus der Entfernung. Peter Gudelius
Coroner 21.01.2013
4. Hof-Poet
Gab es das in Europa nicht auch mal?
timepiece123 21.01.2013
5. Versuchen Sie es noch einmal.
Zitat von steuerzahler24Blanco ist also die Personifikation des neuen Amerika? Jung, Latino und schwul? Kann ich irgendwie nicht glauben.
Lesen Sie den Artikel doch bitte noch einmal. Vielleicht verstehen Sie ihn dann.
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