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Bolivien: Hochland gegen Tiefland

Foto: AIZAR RALDES/ AFP

Indianer-Proteste in Bolivien Die Unregierbaren

Hochland gegen Tiefland, Gewerkschaften gegen Regierung - Bolivien gilt als nahezu unbeherrschbar. Nun spaltet der Konflikt um eine Autobahn durchs Amazonas-Gebiet das Land. Und Präsident Morales droht die Macht zu entgleiten.

Bolivien ist gelähmt, mal wieder. Der Anlass diesmal: eine Autobahn, die quer durchs Amazonas-Gebiet führt. Die Anwohner wehren sich gegen das Projekt, die mächtige Lobby der Kokabauern hingegen macht sich dafür stark.

Der vorläufige Höhepunkt der Proteste: Demonstrierende Ureinwohner, überwiegend Bewohner der Amazonas-Tiefebene, waren unterwegs ins 3600 Meter hoch gelegene La Paz, den Regierungssitz. Dort wollten sie gegen den Bau der Fernstraße durch ihr Siedlungsgebiet protestieren, den Nationalpark Isiboro Sécure. Mit Pfeil und Bogen traten sie Polizisten entgegen, die mit Pistolen und Gewehren bewaffnet waren. Anwohner standen den 1500 Indianern bei, aus der Straßenschlacht wurde über Nacht eine landesweite Protestwelle, wie so oft in Bolivien.

Kleinlaut entschuldigte sich Präsident Evo Morales nun bei den Indianern, die sein - inzwischen geschasster - Innenminister von der Polizei hatte zusammenknüppeln lassen. "Verzeiht mir, wir werden aus unseren Fehlern lernen", bat Morales, den in Bolivien alle nur Evo nennen. Er ist selbst ein Indianer vom Stamme der Aymara, die im Andenhochland leben, das ist Teil des Problems. Zwei Minister traten zurück, jetzt droht dem Indianerpräsidenten die Macht zu entgleiten.

Hochlandindianer gegen Tieflandindianer - das ist nur einer der vielen politischen und sozialen Konflikte in dem südamerikanischen Binnenstaat. In keinem anderen lateinamerikanischen Land sind soziale Organisationen und Gewerkschaften so stark wie in Bolivien, nirgendwo sind sie aber auch so zersplittert. Innerhalb von Tagen können sie mit ihren Protesten das gesamte Land lahmlegen. Bolivien gilt deshalb als praktisch unregierbar.

Anwohner fürchten einen Drogen-Highway

Das bekommt jetzt auch Morales zu spüren, der seinen Aufstieg selbst den sozialen Bewegungen verdankt: Der Indianerpräsident hatte vor sechs Jahren seinen Amtsvorgänger mit Hilfe von Gewerkschaften, Bauernverbänden und indianischen Gruppen aus dem Amt gejagt. Wochenlang blockierten die Indianer den Zugang zu der Millionenmetropole La Paz. Diese ist leicht von allen Versorgungswegen abzuschneiden, weil sie in einem Talkessel liegt.

Morales ist vor allem einer Interessengruppe politisch verpflichtet: der mächtigen Gewerkschaft der Kokabauern. Die umkämpfte Fernstraße solle genau diese Klientel bedienen, kritisieren die Amazonasindianer. Sie führt von der brasilianischen Grenze nach Chapare, das größte Kokaanbaugebiet des Landes am Fuß der Anden. Die Straße würde sich rasch in einen Drogen-Highway verwandeln, fürchten die Anwohner.

Gegner des Präsidenten trugen während des Protestmarschs Plakate mit der Aufschrift "Evo = Narco-Republik". Tatsächlich ist der Drogenschmuggel von Bolivien in die Nachbarländer in den vergangenen Jahren dramatisch angestiegen, Brasilien hat deshalb zusätzlich 1500 Soldaten und Elitepolizisten an die Grenze entsandt.

Kokablätter als Heilmittel für Krankheiten - und Grundlage für Kokain

Offiziell geben sich Morales und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff zwar als Verbündete, Brasiliens staatliche Entwicklungsbank BNDES finanziert einen großen Teil der umstrittenen Straße. Doch hinter vorgehaltener Hand klagen brasilianische und argentinische Regierungsbeamte über die Drogenschwemme aus dem Nachbarland.

Morales braucht den politischen Rückhalt der Kokabauern, deshalb geht die Polizei nur lax gegen Drogenschmuggler vor. Kokaanbau und -konsum ist legal in Bolivien, auf jeder Auslandsreise wirbt Morales für den Konsum der grünen Blätter als Tee und Heilmittel für Krankheiten. Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass der größte Teil der Ernte zur Herstellung von Kokain dient.

Jetzt hat der Präsident den Bau der umstrittenen Straße erst einmal auf Eis gelegt. Er wolle die Anwohner in dem betroffenen Gebiet per Volksentscheid über den Bau abstimmen lassen, versprach er. Es ist bereits das zweite Mal in diesem Jahr, dass Morales vor Protesten einknickt: Anfang des Jahres nahm er eine angekündigte Erhöhung der Benzinpreise zurück, nachdem die mächtige Lobby der Bus- und Taxifahrer das Land lahmgelegt hatte.

Wer kann die zersplitterte Nation einen?

Auch Morales' Gegner in der reichen Tieflandprovinz Santa Cruz wittern Aufwind, sie haben sich mit den protestierenden Amazonas-Indianern solidarisch erklärt. Der Streit zwischen den reichen Farmern und Geschäftsleuten von Santa Cruz und der Zentralregierung im armen Hochland hatte Bolivien vor drei Jahren bereits einmal an den Rand der Spaltung getrieben.

Doch der Sturz des Präsidenten würde das Chaos in dem bitterarmen Andenstaat nur vergrößern: Die Opposition verfügt über keinen Kandidaten, der die zersplitterte Nation einen könnte. Auch die Indianer sind untereinander zerstritten. Die als hart und unnachgiebig verrufenen Aymara dominieren die Regierung in La Paz und die Grenzregion zu Peru. Die umgänglicheren Quechua, die in der verfassungsmäßigen Hauptstadt Sucre und den südlichen Provinzen das Sagen haben, fühlen sich von ihnen nicht repräsentiert.

Zehntausende Hochlandindianer sind überdies in den vergangenen Jahren vor Dürre und Elend in das fruchtbare Tiefland geflüchtet, sie streiten sich mit den dort ansässigen Farmern und Ureinwohnern um Land und Einfluss. Die Gegner der Fernstraße wollen ihren Protestmarsch auf La Paz unterdessen wieder aufnehmen. In wenigen Wochen werden sie voraussichtlich vor dem Regierungspalast aufmarschieren. Der heißt im Volksmund "Palacio Quemado", der verbrannte Palast. Er wurde einst niedergebrannt - bei einem Aufstand.

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