Indiens Außenminister Jaishankar "Wir stehen besser da als Europa"

Die indische Regierung sieht sich vom Westen unverstanden - etwa in ihrer Kaschmir-Politik. Außenminister Jaishankar über Nationalismus, Klimaschutz und den Eindruck, herablassend behandelt zu werden.

Subrahmanyam Jaishankar
Darko Vojinovic/ AP

Subrahmanyam Jaishankar

Ein Interview von


Im Büro von Subrahmanyam Jaishankar hängen drei Bilder, wie sie sich in vielen Amtsstuben Indiens finden, links der Präsident, rechts der Premier und über ihnen der berühmteste Inder von allen: Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi.

Der 64-Jährige gehört zu Indiens erfahrensten Diplomaten. Er war Botschafter in Washington, Peking, Prag und Hochkommissar in Singapur. Im Mai holte ihn der hindunationalistische Premier Narendra Modi als Außenminister in sein Kabinett.


SPIEGEL: Herr Jaishankar, Ihre Regierung hat Jammu und Kaschmir vor gut drei Monaten die Autonomie entzogen, sie hat Hunderte Menschen festnehmen lassen und die Bevölkerung wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Fühlt sich Indien eigentlich noch Gandhis Werten verpflichtet?

Jaishankar: Sie und ich scheinen eine sehr unterschiedliche Auffassung davon zu haben, worum es in Kaschmir geht: 40.000 Menschen haben dort in den vergangenen 30 Jahren durch Terror und Gewalt ihr Leben verloren. Hätten wir nichts unternommen, dann wären die kommenden 30 Jahre genauso schlimm geworden. Niemand von uns kann das wollen. Auch Gandhi hätte das nicht gewollt.

SPIEGEL: Wie wollen Sie die Lage in Kaschmir verbessern?

Jaishankar: Kaschmirs Autonomie diente am Ende nur noch einer kleinen Elite. Sie verhinderte, dass viele der fortschrittlichen Gesetze Indiens in der Region in Kraft traten. Investitionen blieben aus. Es wurden zu wenige Jobs geschaffen. Der Mangel an Fortschritt führte zu Entfremdung und Separatismus, was wiederum Terrorismus nährte. Bedenken Sie auch, dass es Interessengruppen gibt, die uns bekämpfen wollen.

SPIEGEL: Sie meinen Pakistan?

Jaishankar: Vor allem Pakistan, aber auch Personen in Kaschmir, die Pakistan unterstützen und die ihre eigenen, niederen Interessen verfolgen.

SPIEGEL: Indien hat Politiker wie die frühere Regierungschefin von Kaschmir, Mehbooba Mufti, unter Hausarrest gestellt. Warum?

Jaishankar: Wir wollen nicht, dass Politiker Aktivitäten nachgehen, die zum Ziel von Gewalt werden könnten, wie das in der Vergangenheit der Fall war. Soziale Medien wurden dazu benutzt, Bürger zu radikalisieren. Wir wollen den Verlust von Menschenleben verhindern.

SPIEGEL: Sie haben selbst Telefonleitungen gekappt. Menschen konnten lange Zeit nicht miteinander kommunizieren.

Jaishankar: Auch Terroristen haben über das Festnetz kommuniziert.

SPIEGEL: Wie hätten die Menschen einen Krankenwagen rufen sollen?

Jaishankar: Und ich frage Sie: Wie hätten Terroristen sonst gestoppt werden sollen?

SPIEGEL: Im Antiterrorkampf sind sämtliche Maßnahmen gerechtfertigt?

Jaishankar: Was ist das für eine Frage? Terroristen haben Obsthändler getötet, Granaten wurden auf Märkte geworfen, Menschen sind gestorben. Warum kümmern Sie sich nicht darum?

SPIEGEL: Sie fühlen sich von der westlichen Presse unfair behandelt?

Jaishankar: Es gibt Menschen mit vorbestimmten Sichtweisen. Kaschmirs Autonomie etwa beruhte auf einer temporären Verfügung. In der westlichen Berichterstattung wurde dieser Aspekt so gut wie gar nicht berücksichtigt. Und warum? Weil das ein unbequemer Fakt ist!

SPIEGEL: Auch Pakistan und China kontrollieren einen Teil Kaschmirs. Ist es scheinheilig, wenn der Westen Indien kritisiert, aber nicht Pakistan oder China?

Jaishankar: Ich glaube, die Welt hat durchaus einen realistischen Blick auf Pakistan. Das Land betreibt ganz offensichtlich eine Terrorindustrie.

SPIEGEL: Was Islamabad bestreitet.

Jaishankar: Tatsächlich? Premier Imran Khan spricht doch ganz offen darüber. Er gibt zu, dass er ein Terrorproblem hat.

SPIEGEL: Peking lassen Sie unerwähnt. Chinesische Firmen verfolgen Infrastrukturprojekte in Pakistan, Nepal, Sri Lanka. Was unternimmt Indien, um Chinas Einfluss in der Region entgegenzuwirken?

Jaishankar: Was immer wir tun, tun wir nicht, um Chinas Einfluss entgegenzuwirken. Wir würden in Nepal, Bangladesch oder Sri Lanka genauso investieren, selbst wenn es China nicht gäbe. Südasien mangelt es an regionalem Bewusstsein. Ich gebe dafür auch uns die Schuld, schließlich ist Indien das größte Land in der Region. In den vergangenen fünf Jahren haben wir uns bemüht, den Fehler zu korrigieren. Je besser vernetzt Südasien ist, desto besser ist das auch für mein Land.

SPIEGEL: Trotzdem wird China die neue Trans-Himalaja-Eisenbahn bauen, die nah an der indischen Grenze verlaufen soll. Das muss Sie doch stören.

Jaishankar: Es gibt bereits zwei Eisenbahnverbindungen zwischen Indien und Nepal, schon in ein paar Jahren werden es fünf sein. Nepals Grenze nach Indien ist offen, nach China nicht wirklich. Viele Nepalesen kommen auf der Suche nach Arbeit nach Indien. Wie will man das miteinander vergleichen?

SPIEGEL: Viele im Westen sehen in Indien ein Gegenwicht zu Chinas Einfluss in Asien. Wo sieht Indien sich selbst?

Jaishankar: Ich finde den Gedanken, dass ich eine Marionette in irgendeinem "Great Game" sein soll, furchtbar herablassend. Ich habe nicht vor, das Gegengewicht für Dritte zu spielen. Ich bin mit von der Partie, weil ich meine eigenen Ambitionen verfolge.

SPIEGEL: Welche sind das?

Jaishankar: Wir werden aller Wahrscheinlichkeit nach innerhalb der kommenden fünf Jahre das bevölkerungsreichste Land der Erde sein und binnen eines Jahrzehnts die drittgrößte Volkswirtschaft. Wir verfügen über einen großen Teil des weltweiten Humankapitals, und wenn ich mir anschaue, welche Rolle die Digitalisierung in Zukunft spielen wird, dann bin ich mir sicher, dass Indien mehr beitragen kann. Es geht uns dabei nicht nur um mehr Bedeutung. Wir sind uns bewusst, dass mit unserem Gewicht in der Welt auch unsere Verantwortung steigt.

SPIEGEL: Was heißt das?

Jaishankar: Ich gebe Ihnen zwei Beispiele. Erstens, Afrika und die südliche Hemisphäre spielen für uns eine große emotionale Rolle. Für jemanden, dessen Heimat nie kolonisiert worden ist, ist dieses Band schwer zu verstehen. Wir betreiben in Afrika zum Beispiel ein Entwicklungsprogramm in Höhe von mehr als zehn Milliarden Dollar. Zweitens, vor 15 Jahren richtete ein Tsunami in Indonesien schwere Verwüstungen an. Der Westen schickte damals Hilfe. Heute ist die Welt eine andere. Heute springen wir ein. Egal ob nach dem schweren Erdbeben in Nepal oder im Bürgerkrieg im Jemen, die indische Armee half jedes Mal.

SPIEGEL: Zählen Sie auch den Kampf gegen den Klimawandel dazu? Indien ist mittlerweile der weltweit drittgrößte Verursacher von Treibhausgasen.

Jaishankar: Wir haben eines der ehrgeizigsten Programme für Solarenergie. Wir helfen anderen Entwicklungsländern dabei, ihre Ziele zu erreichen. Laut dem Forschungskonsortium Climate Action Tracker gibt es gerade einmal fünf Staaten, deren Energiepolitik sich mit dem Zwei-Grad-Ziel des Pariser Abkommens vereinbaren lässt: Bhutan, Costa Rica, Äthiopien, die Philippinen - und Indien. Wir stehen besser da als Europa.

SPIEGEL: Die Forscher weisen allerdings auch darauf hin, dass Indiens Emissionen im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent gestiegen sind. Wann wird Indien aufhören, neue Kohlekraftwerke zu bauen?

Jaishankar: Sie formulieren das sehr absolut. Meine Antwort hängt von vielen Faktoren ab, etwa davon, wie schnell Indien alternative Energien wie Solar-, Wasser- oder auch Atomkraft ausbauen kann. Es ist klar, dass Kohle nicht unsere erste Wahl ist. Es ist nur so, dass es für jemanden aus Deutschland einfach ist, diese Frage zu stellen, weil Deutschland so viele Alternativen hat. Wir haben sie nicht.

SPIEGEL: Sie fordern, dass wir realistischer sind?

Jaishankar: Oder großzügiger. Oder verlässlicher, wenn es darum geht, Zusagen einzuhalten.

SPIEGEL: US-Präsident Donald Trump steht für eine neue Ära des Nationalismus und Protektionismus. Auch Indien ist nationalistischer geworden.

Jaishankar: Das stimmt, aber Nationalismus ist nicht gleich Nationalismus. Der Nationalismus in Europa ist aus der Angst heraus geboren, dass Privilegien möglicherweise keinen Bestand haben. Unser Nationalismus ist positiv besetzt und geht auf die Unabhängigkeitsbewegung zurück. Wir kehren uns auch nicht von der Welt ab. Wir wenden uns ihr zu.

SPIEGEL: Teilt Indien die Sorge der Europäer, Trump könnte internationale Institutionen beschädigen?

Jaishankar: Ich erkläre Ihnen mal den Unterschied zwischen Deutschland und Indien: Sie sind ein Bündnispartner der USA. Wir sind es nicht. Wir sind es gewohnt, mit amerikanischen Regierungen umzugehen, die uns in der Vergangenheit nicht immer wohlgesinnt waren. Wir treten Amerika gegenüber auf wie gegenüber anderen Staaten auch: mit einem hohen Grad an Realismus. Präsident Trump ist Präsident Trump. Wir Inder sind pragmatisch.

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