Die verschollenen Wähler

Aus Ayodhya berichtet Stefan Schultz


Bei der Parlamentswahl in Indien wollen die Hindunationalisten ihre Macht ausbauen. In Ayodhya, dem religiösen Brennpunkt des Landes, fehlen auffällig viele Muslime auf den Wahllisten. Doch sie kämpfen für ihr Stimmrecht.


In seinen dunklen Stunden, wenn irgendwo in Indien wieder ein Lynchmob wütet, fürchtet sich Sabir Ali vor Hindustan. Er überlegt dann, wie er sich wehren wird, falls die Nationalisten seine Heimat Indien übernehmen, falls sie ihn und die anderen rund 172 Millionen Muslime aus dem Land ekeln wollen. Er schwört sich dann, dass er nicht weichen wird. "Wir wurden hier geboren", sagt der 73-Jährige. "Und wir werden hier sterben."

Es ist der 5. Mai 2019, der Tag vor der fünften Phase der größten demokratischen Parlamentswahl der Welt. Der Tag, bevor Alis Heimatstadt Ayodhya an die Wahlmaschinen geht. Fast 900 Millionen Wahlberechtigte dürfen in Indien zwischen dem 11. April und dem 19. Mai ihre Stimme abgeben, ehe am 23. Mai das Wahlergebnis verkündet wird.

Der pensionierte Elektroingenieur Ali sitzt auf einem Bett in seiner verstaubten Wohnung und erklärt, warum die Entrechtung der muslimischen Minderheit aus seiner Sicht längst begonnen hat. In seiner Familie hätten zwei Personen keinen Wahlbescheid erhalten, sagt Ali, sein Sohn Ursh Abbas, 20, und seine Tochter Kanez Bano, 30. Viele seiner Nachbarn hätten dasselbe Problem. "Irgendetwas stimmt nicht", sagt Ali.

Als die Fotografin und ich uns in Alis Viertel Mohalla nach fehlenden Wahlzetteln erkundigen, dauert es tatsächlich nicht lange, bis immer mehr Betroffene aus ihren Häusern kommen.

Der Schneider Mohammed Rafid, 65, und der Rikschafahrer Mohammed Shafi, 40, zum Beispiel, die beide keinen Bescheid erhalten haben. Shahid Ali, 65, von der Stadtverwaltung, in dessen Familie drei von acht Personen leer ausgegangen sind. Mohammed Yasin, 73, der ehemalige Obsthändler mit dem weißen Spitzbart, der erzählt, in seiner Familie seien gleich sechs Leute nicht zur Wahl zugelassen.

Manche in Mohalla sagen, sie hätten trotz Beschwerden bei der Stadtverwaltung noch immer keinen Wahlbescheid. Andere sagen, sie hätten noch nicht einmal Besuch von staatlichen Helfern bekommen, die vor dem 6. Mai festhalten sollten, wie viele Wahlberechtigte es in jedem Haushalt gibt. Und Ali sagt: "Unsere Wahlzettel sind wohl im Mülleimer gelandet."

Die Regierung wisse, wie viele Muslime in Mohalla leben, sagt Ali. Sie wisse auch, dass Muslime nur selten für die Nationale Demokratische Allianz (NDA) von Premier Narendra Modi stimmen. Eines aber wisse die Regierung nicht, sagt Ali: "Wir werden morgen trotzdem ins Wahlbüro gehen und versuchen, dieses Land zu retten."

Der Hindustaat, vor dem sich viele in Mohalla fürchten, ist wohl eher ein Schreckgespenst. Zwar gilt es als wahrscheinlich, dass das von Modi angeführte nationalistische Parteienbündnis NDA erneut stärkste Kraft wird. Doch es dürfte längst nicht genug Sitze gewinnen, um Islamgläubige in der Verfassung zu benachteiligen. Viele Muslime haben dennoch Angst, und das aus gutem Grund.

Seit Hindu-Hardliner Modi 2014 an die Macht gekommen ist, haben die Spannungen im Land deutlich zugenommen. NDA-Mitglieder haben Muslime, die immerhin rund 15 Prozent der indischen Bevölkerung ausmachen, "Hunde" genannt und gedroht, sie zu töten. NDA-Mitglieder haben gefordert, den säkularen Staat auszuhöhlen und die Rechte der Muslime zu beschneiden. Und die Zahl der Lynchmorde an Muslimen hat deutlich zugenommen. In die Gewalttaten ist oft die Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) verwickelt, ein fundamentalistisches Freiwilligenkorps, das eng mit Modis Partei verbandelt ist.

Der Brennpunkt des Konflikts zwischen Hindus und Muslimen liegt in Alis Heimatstadt Ayodhya. In dem Ort, rund 500 Kilometer südöstlich von Delhi, stand einst eine Moschee, die in Gedenken an den muslimischen Großmogul Zahir ad-Din Muhammad Babur errichtet worden war. Am 6. Dezember 1992 zerstörten Zehntausende RSS-Anhänger und andere Extremisten das Gebäude mit Hämmern, Brechstangen, Spitzhacken und bloßen Fäusten. Danach liefen sie brandschatzend und mordend durch Ayodhya, geschätzt 2000 Menschen kamen ums Leben.

Der Vorfall prägt Indien bis heute. Anhänger der RSS und auch von Modis NDA wollen auf dem Trümmerfeld der Babri-Moschee einen Tempel zu Ehren des Hindugotts Rama errichten, der angeblich an diesem Ort geboren wurde. Die Muslime wollen den Platz jedoch nicht hergeben. Der Streit um den Tempel schürt Hass auf beiden Seiten und provoziert immer wieder Gewalt zwischen Hindus und Islamgläubigen.

Zuletzt sorgten nun Berichte über Unregelmäßigkeiten bei der Parlamentswahl für Unmut. Rund 30 Millionen Muslime seien nicht auf den Listen, schätzt Khalid Saifullah, der Entwickler einer App, die nichtgelistete Wahlberechtigte aufspürt. Auch gut 40 Millionen sogenannte Unberührbare, Menschen der untersten Kaste, fehlten. Laut einer Recherche der Wahlexperten Prannoy Roy und Dorab Sopariwala sind zudem gut 21 Millionen Frauen von den Listen verschwunden.

Es ist unklar, wie diese Zahlen genau berechnet wurden. Offiziell bestätigt sind sie nicht. Klar ist, dass die fehlenden Stimmen in vielen Wahlkreisen über Sieg und Niederlage der Kandidaten entscheiden können. Vor allem in Uttar Pradesh, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens, in dem auch Ayodhya liegt. Wer dort die meisten Mandate holt, hat gute Chancen, die gesamte Parlamentswahl zu gewinnen.

In Alis Nachbarschaft ist der Asphalt voller Schlaglöcher, das Mauerwerk der Häuser ist teils abgebröckelt, und an vielen Ecken mischt sich der Geruch von Abgasen mit Kloakengestank. Kühe und Affen streunen durch die Straßen auf der Suche nach essbarem Müll.

Es sei als Muslim schwierig, an ein Haus in einer guten Gegend zu kommen, sagt ein Betroffener. Die Verkäufer, meist Hindus, fänden oft Ausreden, um nicht an Islamgläubige verkaufen zu müssen. Auch Arbeitgeber würden Muslime oft diskriminieren.

Die Bewohner von Mohalla sprechen über solche Dinge nur anonym - und selbst dann indirekt. Sie fühlen sich schutzlos, haben Angst vor Repressionen. Einmal allerdings, als wir einen Anwohner fragen, ob es in einem Hindustaat weniger Jobs für Muslime geben würde, platzt es aus ihm heraus: "Unsere Kinder bekommen doch jetzt schon kaum Arbeit", sagt er mit sarkastischem Unterton. "Schlimmer kann es doch kaum noch werden."

Offener werden die Muslime, wenn sie über die zerstörte Babri-Moschee sprechen, über das Trümmerfeld, das ein paar Kilometer südlich von Mohalla hinter hohen, stacheldrahtbewehrten Zäunen liegt. Mohammed Yasin, der pensionierte Obsthändler mit dem weißen Spitzbart, hat den Tag der Zerstörung miterlebt.

Er erzählt, wie er den Hindu-Mob in den Straßen wüten hörte. Wie die Häuser von Muslimen angezündet wurden. Wie er mit seinem Bruder und einem guten Dutzend Nachbarn aufs Feld rannte und sich dort versteckte. "Als der Lärm und das Gebrüll näherkamen, suchte ich in der nächsten Polizeistation Schutz", erzählt Yasin. Sein Bruder sei auf dem Feld geblieben. "Sie haben ihn dort totgeprügelt."

In den folgenden Wochen hätten seine Nachbarn und er in einem ausgebrannten Haus Zuflucht gesucht, erzählt Yasin weiter. Sie seien stets wachsam geblieben, für den Fall, dass die Schächter zurückkommen. "Seit dieser Zeit ist in meinem Herzen nie wieder Frieden eingekehrt", sagt Yasin. Er habe noch immer Angst vor einer neuen Eskalation der Gewalt.

Im Nordosten Ayodhyas, nicht weit von der Mohalla-Siedlung entfernt, liegt schon alles für den Bau des neuen Hindutempels bereit. Auf einem weitläufigen Areal stehen Säulen mit blumenförmigen Kapitellen neben bunten Mauersteinen.

Indische Touristen laufen auf dem Gelände umher, machen Selfies vor einem Modell, das zeigt, was die Nationalisten gern auf den Trümmern der Babri-Moschee errichten würden: Es ist ein gigantisches Bauwerk, 82 Meter lang, 38 Meter breit und 40 Meter hoch. Vor dem Modell des Rama-Tempels steht eine Spendenbox, Besucher stecken teils sehr große Scheine hinein.

Über den Bau des Rama-Tempels wird seit fast einem Jahrzehnt vor Gericht gestritten - was zeigt, dass Indien trotz aller "Hindu first"-Parolen noch immer ein Rechtsstaat ist, an dessen Regeln sich auch die Nationalisten halten. Zumindest bis jetzt.

In der Mohalla-Siedlung fürchten manche, dass die Ultrarechten irgendwann Tatsachen schaffen. Dass sie einfach drauflosbauen - und dass dies der Anfang von Hindustan wäre. Fast alle wollen bei der Wahl ein Zeichen dagegen setzen. Sie hoffen auf ihren lokalen Abgeordneten Shoaib Khan von der Samajwadi-Partei, einer sozialistischen Gruppierung, die sich für Minderheiten einsetzt. Sie haben ihn gebeten, die fehlenden Wahlbescheide zu beschaffen.

Khan sieht ziemlich müde aus. Er sagt, er habe die vergangenen Wochen praktisch die Arbeit der staatlichen Wahlhelfer gemacht, sei von Tür zu Tür getingelt, habe sich nach fehlenden Wahlzetteln erkundigt und, wo er konnte, fehlende Formulare beschafft.

Dem Wahlkomitee von Ayodhya wirft er gleich mehrere Tricksereien vor. Sie hätten Familien teils absichtlich in falschen Bezirken registriert, sagt er. Sie hätten absichtlich Tippfehler in Wahlunterlagen eingebaut. Und wenn Betroffene diese korrigieren ließen, seien teils an anderer Stelle neue Tippfehler aufgetaucht. "Morgen bei der Wahl werden viele muslimische Stimmen fehlen", sagt Khan.

Beweise für seine Vorwürfe hat Khan nicht. Und so lässt sich nicht genau nachvollziehen, welche Anschuldigungen stimmen. Welche Unregelmäßigkeiten einer chaotischen Organisation geschuldet sind - und welche einer mutwilligen Manipulation. Klar ist, dass es auch in Provinzen wie Assam und Karnataka Beschwerden über nichtgelistete Muslime gibt. Und in Ayodhya sind am 6. Mai viele Muslime ohne Bescheid in die Wahllokale gegangen - und haben dort teils neue Absonderlichkeiten erlebt.

Sabir Ali hat mit seiner Familie gegen 7.30 Uhr das Haus verlassen. Ihr Wahllokal, eine Schule, liegt nur rund 400 Meter von Alis staubigem Wohnzimmer entfernt. Wir konnten die Familie nicht begleiten, weil wir nicht an den Polizeisperren vorbeigekommen sind. Ali und andere Augenzeugen haben uns später ihre Eindrücke von vor Ort geschildert.

Draußen vor dem Wahllokal, an den Tischen, an denen die Wahlzettel geprüft werden, hätten sich vielleicht hundert Menschen gedrängt, erzählen sie. Die meisten davon hätten nicht auf der Liste gestanden. Viele seien Muslime gewesen, und viele seien unverrichteter Dinge wieder abgezogen.

Ali selbst habe die Helfer gebeten, auf den Listen nach seiner Tochter und nach seinem Sohn zu suchen. Auf einem Papier seien die Namen der beiden Kinder dann tatsächlich aufgetaucht. Die Helfer hätten ihnen daraufhin erlaubt, auch ohne Wahlbescheid wählen zu gehen.

"Sie schickten meine Kinder zur Wahlkabine 25", sagt Ali. Doch die sei verschlossen gewesen, und die Wahlhelfer hätten gesagt, sie würden auch nicht mehr öffnen.

Ali selbst habe Kabine 37 zugewiesen bekommen. Am Eingang habe er prüfen lassen, ob seine Kinder vielleicht hier auf der Liste stehen. Und tatsächlich: Seine Kinder waren dort mitaufgeführt.

Sie hätten gewartet, bis sie aufgerufen worden seien, sagt Ali. Ihre Finger seien mit unabwaschbarer Tinte markiert worden. Dann seien sie einer nach dem anderen in Kabine 37 gegangen und hätten abgestimmt.





Das Team

Autor Stefan Schultz
Fotos Natisha Mallick
Video Stefan Schultz
Redaktion Lena Greiner
Bildredaktion Maxim Sergienko
Schlussredaktion Sebastian Hofer
Grafik Michael Niestedt
Programmierung Dawood Ohdah
Übersetzung Natisha Mallick



Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft, für das unsere Reporter von vier Kontinenten berichten. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.
Was ist das Projekt Globale Gesellschaft?
Unter dem Titel Globale Gesellschaft werden Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa berichten - über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen im Politikressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird über drei Jahre von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.
Sind die journalistischen Inhalte unabhängig von der Stiftung?
Ja. Die redaktionellen Inhalte entstehen ohne Einfluss durch die Gates-Stiftung.
Haben auch andere Medien ähnliche Projekte?
Ja. Große europäische Medien wie "The Guardian" und "El País" haben mit "Global Development" beziehungsweise "Planeta Futuro" ähnliche Sektionen auf ihren Nachrichtenseiten mit Unterstützung der Gates-Stiftung aufgebaut.
Gab es bei SPIEGEL ONLINE bereits ähnliche Projekte?
SPIEGEL ONLINE hat in den vergangenen Jahren bereits zwei Projekte mit dem European Journalism Centre (EJC) und der Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation umgesetzt: Die "Expedition Übermorgen" über globale Nachhaltigkeitsziele sowie das journalistische Flüchtlingsprojekt "The New Arrivals", in deren Rahmen mehrere preisgekrönte Multimedia-Reportagen zu den Themen Migration und Flucht entstanden sind.
Wo finde ich alle Veröffentlichungen zur Globalen Gesellschaft?
Die Stücke sind bei SPIEGEL ONLINE zu finden auf der Themenseite Globale Gesellschaft.