Indien gegen Pakistan Angst vor neuem Kaschmir-Krieg

Zwei Kriege haben Indien und Pakistan schon um Kaschmir geführt. Nun droht der Streit zwischen den Atommächten erneut zu eskalieren. Denn der indische Premier Modi steht massiv unter Druck.
Indische Sicherheitskräfte in Kaschmir

Indische Sicherheitskräfte in Kaschmir

Foto: NurPhoto/ NurPhoto via Getty Images

Masood Azhar hat Indien und Pakistan schon einmal an den Rande eines Krieges gebracht - und er könnte es wieder tun. Wenn es in den vergangenen 20 Jahren zwischen den beiden benachbarten Staaten zu Spannungen kam, war Azhar, ein 50 Jahre alter Pakistaner und islamistischer Fundamentalist, oft nicht weit. Zur Jahrtausendwende - Azhar saß damals in Indien in Haft - entführten Terroristen ein Flugzeug auf dem Weg nach Neu-Delhi. An Bord waren 150 Passagiere. Im Austausch gegen die Geiseln ließ Indien dann Azhar frei. Zurück in Pakistan gründete er die Organisation Jaish-i-Mohammed (JiM) - die Armee Mohammeds.

Die Terrorgruppe JiM soll für den Anschlag auf das indische Parlament im Jahr 2001 verantwortlich sein, 2016 überfielen Mitglieder eine Armeebasis in Indien. Vergangene Woche bekannte sich die Gruppe zu einem weiteren Anschlag, diesmal in der umstrittenen Region Kaschmir: Ein Selbstmordattentäter sprengte Teile eines Armeekonvois in die Luft, mindestens 40 indische Soldaten starben.

Terrorchef Masood Azhar

Terrorchef Masood Azhar

Foto: ATHAR HUSSAIN/ Associated Press

Es war der blutigste Anschlag auf Regierungstruppen seit 30 Jahren. Viele Inder fordern offen Vergeltung. Premier Narendra Modi, der gern als starker Mann auftritt und sich bald Wahlen stellen muss, steht unter Druck zu handeln. Er hat der Armee freie Hand eingeräumt. Pakistan, dessen Geheimdienst die Terroristen unterstützt habe, drohte er, Indien werde eine "angemessene Antwort" liefern. Islamabad weist die Anschuldigungen zurück und fordert Beweise. Die scharfe Rhetorik und der Zeitpunkt des Anschlags sorgt für Befürchtungen, dass der Konflikt zwischen den beiden Nuklearmächten eskalieren könnte.

Foto: DER SPIEGEL

Pakistan und Indien haben bislang zweimal Krieg um Kaschmir geführt, beide Länder kontrollieren Teile der Region. Im indischen Teil kämpfen Separatisten seit Jahrzehnten für eine Abspaltung.

Was wird Premier Modi tun?

"Niemand hier will einen Krieg, auch die Regierung nicht. Aber die Gefahr ist, dass Modi sich gezwungen sieht, etwas zu riskieren", sagt der Journalist und Militärexperte Sushant Singh von der Zeitung "Indian Express". Modi wird etwas tun, das gilt als sicher. Nur was?

In einer ersten Reaktion bestellte Neu-Delhi die Botschafter anderer Länder, darunter auch Deutschland, ein. Außerdem wurde der ohnehin schon geringe Handel mit Pakistan weiter eingeschränkt. Die diplomatischen Optionen sind damit nahezu ausgeschöpft.

Indiens Premier Narendra Modi

Indiens Premier Narendra Modi

Foto: HARISH TYAGI/EPA-EFE/REX

Es bleiben dann nur militärische Aktionen - aber das könnte schwierig werden. In Kaschmir ist derzeit Winter, viele Pässe sind wegen Schnee unpassierbar. Ein Luftangriff der Inder wäre zwar theoretisch vorstellbar. Wahrscheinlicher sei jedoch ein sogenannter Surgical Strike, sagt Singh, wie er in Indien verklärend genannt wird: Ein Angriff ausgeführt mit angeblich chirurgischer Präzision.

So hat es Indien schon einmal gemacht: 2016 überfielen JiM-Terroristen eine Armeebasis. Indische Soldaten stürmten daraufhin Lager von Militanten auf pakistanischem Boden. Große Teile der Bevölkerung feierten Modi und die Armee daraufhin als Helden.

Chinas Einfluss wird immer größer

Doch mittlerweile hat sich die Stimmung gewandelt. Indiens Regierung steht wegen einer Jobkrise in der Kritik. "Modi will unter allen Umständen verhindern, dass er vor den Wahlen schwach aussieht. Er steht unter enormen Druck, mit der Aktion von 2016 gleichzuziehen - wenn nicht sogar, sie zu übertreffen", sagt Srinath Raghavan von der Ashoka University in Delhi. Das weiß auch Pakistan. Premier Imran Khan sagte selbstbewusst über Indien: "Wenn sie denken, sie können uns angreifen, und wir würden nicht erwägen zurückzuschlagen - wir werden zurückschlagen."

Früher haben die USA in solchen Situationen oft Einfluss auf Pakistan genommen. Damit ist diesmal aber kaum zu rechnen. Die Amerikaner sind gerade dabei, sich aus Afghanistan zurückzuziehen. Dafür wollen sie einen Deal mit den Taliban aushandeln, wofür sie wiederum die Hilfe des Nachbarn Pakistan benötigen.

Wesentlich aktiver in der Region ist mittlerweile China. Peking hat in den vergangenen Jahren viel Geld in Pakistan investiert, vor allem in Infrastruktur. Die Volksrepublik hält oft seine schützende Hand über das Land. So auch im Fall Azhar: Indien versucht seit Jahren, den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen dazu zu bringen, Sanktionen gegen Azhar zu verhängen - das hat China bislang stets mit seinem Veto verhindert.