Indien Präsidentschaftskandidatin spricht mit totem Guru

Pratibha Devisingh Patil könnte die erste Präsidentin Indiens werden - wenn sie nicht weiterhin mit skurrilen Äußerungen für Aufregung sorgt. Kritiker erheben aber schwere Vorwürfe gegen sie.

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Hamburg - Sie war immer nahe dran an den Mächtigen Indiens, vor allem an den Gandhis, jener Familie, die seit der Unabhängigkeit des Landes 1947 die Geschicke des Landes prägt wie keine zweite. Jetzt ist Pratibha Devisingh Patil 72 Jahre alt, und in diesem hohen Alter zahlt sich diese Loyalität aus: Sie soll im Juli, wenn die Amtszeit von Abdul Kalam endet, Indiens erste Staatspräsidentin werden. Als Kandidatin der regierenden Parteien, der Kongresspartei und der Linken, die sich zur Koalition mit dem Namen Vereinigte Fortschrittliche Allianz (UPA) zusammengeschlossen haben, stehen ihre Chancen gut - noch.

Denn die größte Gefahr für ihre erfolgreiche Wahl ist ihr eigenes Mundwerk. Mit teils skurrilen Aussagen sorgt die Politikerin, Juristin und Unternehmerin derzeit für Aufregung in Indien.

Am 17. Juni, nur drei Tage nach ihrer Nominierung, forderte sie, indische Frauen sollten ihre Schleier ablegen. Diese hätten die Frauen vor Jahrhunderten als Schutz vor muslimischen Eroberern angelegt. Jetzt, da die Zeiten sich geändert hätten und Indien unabhängig sei, sollten Frauen keine Schleier mehr tragen. "Frauen kommen in allen Bereichen der Gesellschaft voran, wir sollten sie moralisch unterstützen und ermutigen, solche Praktiken hinter sich zu lassen", sagte sie.

Diese Äußerung sorgte für Kritik aus den Reihen islamischer Verbände - rund 150 Millionen der knapp 1,1 Milliarden Inder sind Muslime. Patil verdrehe historische Tatsachen, hieß es. Mit ihrer Kritik am Schleier zeige die Kandidatin zudem, dass sie gegenüber Muslimen eine feindselige Haltung einnehme. Mehrere islamische Verbände fordern von der Koalition, einen neuen, weltlicheren Kandidaten aufzustellen.

Erst Hinweis aus dem Jenseits, dann Anruf von Sonia Gandhi

Heute berichten indische Zeitungen und Fernsehsender, Patil habe bereits im Februar öffentlich erklärt, sie habe einen "göttlichen Hinweis" erhalten, dass auf sie eine "große Aufgabe" warte. Sie habe mit dem seit fast vierzig Jahren toten Guru Dada Lekhraj, dem Gründer der hinduistischen Sekte, gesprochen. Der 1969 gestorbene Guru soll ihr jetzt aus dem Jenseits gesagt haben, sie solle sich darauf vorbereiten, eine große Verantwortung zu übernehmen. Kurz darauf habe Sonia Gandhi, die Chefin der Kongresspartei, angerufen und gefragt, ob sie als Präsidentschaftskandidatin zur Verfügung stehe.

Wieder hagelte es Kritik vor allem aus den Reihen der indischen Muslime, aber auch von Menschen, die eine Trennung von Religion und Politik fordern. "Bedeutet das, dass Patil sich als Präsidentin von Gurus beraten lassen wird?", fragte ein aufgebrachter Mann vor Fernsehkameras. "Indiens Vorteil ist doch gerade, dass Religion in der Politik nichts zu suchen hat. Wir sind ein weltlicher Staat."

Die Regierungsparteien versuchten heute, die Äußerungen Patils herunterzuspielen. "Sie trifft so viele Menschen. Das heißt noch lange nicht, dass sie tut, was diese Menschen tun", erklärte ein Sprecher der Kongresspartei. Ein Vertreter der kommunistischen Linken betonte, es sei nie eine Bedingung gewesen, dass die Präsidentschaftskandidatin atheistisch oder wenig religiös sein müsse.

Mordvorwurf gegen den Bruder von Patil

Schwerer wiegen jedoch andere Vorwürfe gegen Patil. So behauptete Anfang vergangener Woche die Witwe eines Politikers, Patils Bruder habe ihren Mann ermordet. Patil schütze ihren Bruder nun vor Ermittlungen. Die Regierungskoalition nannte diesen Vorwurf einen "schmutzigen Trick der Opposition". Landwirtschaftsminister Sharad Pawar sagte, Patil sei "eine der saubersten Politikerinnen des Landes". Er kenne sie seit 1967 und könne dies guten Gewissens behaupten. Patil selbst schweigt bisher zu diesem Vorwurf.

Gegen Patil und 33 weitere Personen wird derzeit vor dem Bombay High Court verhandelt, weil es in der von Patil gegründeten Pratibha Mahila Sahakari Bank zu finanziellen Unregelmäßigkeiten gekommen sein soll. Tausende von Frauen, die ihre Ersparnisse bei dieser Bank angelegt hätten, würden ihr Geld nicht zurückerhalten. Außerdem habe das Geldinstitut Kredite an Patils Brüder und Neffen vergeben, obwohl die Bank ausschließlich für Frauen gegründet wurde.

Die Kandidatur Patils spaltet indes auch die Opposition: Weil die hindu-nationalistische Shiv Sena die 72-Jährige unterstützt, will die hinduistisch geprägte BJP ihr oppositionelles Bündnis mit der Shiv Sena überdenken. Ein Bruch zwischen ihnen hätte zur Folge, dass Koalitionen aus diesen beiden Parteien in mehreren regionalen Parlamenten Indiens ebenfalls zerbrächen. Die BJP unterstützt den derzeitigen indischen Vizepräsidenten Bhairon Singh Shekhawat, der als Unabhängiger für das Amt des Staatspräsidenten kandidiert. Neben Patil und Shekhawat haben 17 weitere Personen ihre Kandidatur angemeldet.

Politikerin, Juristin, Unternehmerin

Mitten in diese Kontroversen meldet sich nun derjenige zu Wort, um dessen Posten es geht: Präsident Abdul Kalam, ein weltlicher Muslim und ein Ingenieur, der vor seiner Präsidentschaft maßgeblich am militärischen Raketenprogramm Indien mitgewirkt haben soll. Kalam sagte jetzt, er denke über eine zweite Amtszeit nach. Allerdings werde er nur kandidieren, wenn seine Wiederwahl sicher sei.

Das allerdings scheint nicht der Fall zu sein, da die Koalition in Neu-Delhi noch an Patil festhält. Noch ist die Mehrheit aller Inder Umfragen zufolge davon überzeugt, sie sei die beste Kandidatin.

Bisher hat Patil seit ihrem Eintritt in die Politik 1962 noch jede Wahl gewonnen - sowohl in ihrer Heimat, dem Bundesstaat Maharashtra, als auch später im Bundesstaat Rajasthan. Erfolg hatte die Mutter zweier Kinder auch als Unternehmerin: Neben der Bank eröffnete sie eine Zuckerfabrik und baute Unterkünfte für berufstätige Frauen in Neu-Delhi und Bombay. Gemeinsam mit ihrem Mann gründete sie zudem eine Fachschule für angehende Ingenieure sowie mehrere Privatschulen.

Ihre Kritiker behaupten, ihr Erfolg gründe nur auf ihrer "Loyalität bis zur Unterwürfigkeit" gegenüber der Familie Gandhi. Tatsächlich hielt Patil in den siebziger Jahren der damaligen Premierministerin Indira Gandhi die Treue, als ranghohe Politiker sich von ihr wegen ihrer Notstandspolitik von Gandhi und der Kongresspartei abwendeten.

Beobachter gehen davon aus, dass die Wahlmänner aus Bundesparlament und Landesparlamenten am 19. Juli in geheimer Abstimmung für Pratibha Devisingh Patil votieren werden. Zwei Tage später werden die Stimmen ausgezählt. Sollte Patil nicht noch mehr Skurrilitäten von sich geben, hat sie große Chancen, die erste Frau im Präsidentenpalast in Neu-Delhi zu werden.



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