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21. Mai 2013, 08:35 Uhr

Menschenrechtsbericht

Indiens vergessene Kindersoldaten

Von Theresa Breuer

Kindersoldaten? Nicht bei uns. Das ist die offizielle Stellungnahme der indischen Regierung. Doch laut einem neuen Bericht sind 3000 Jungen und Mädchen von Rebellengruppen rekrutiert, als Spitzel, Kuriere, Kämpfer. Und eine Provinzregierung setzt Kinderpolizisten ein - ganz offiziell.

Neu-Delhi - Als 250 Polizisten im Dezember 2012 die Wälder von Abhujmarh im Osten Indiens stürmten, staunten sie nicht schlecht. Eigentlich wollten sie in der Operation mit dem Codenamen "12/12/12" ein Camp von maoistischen Rebellen räumen. Doch als sie die Kämpfer festnahmen, stellten sie fest, dass die meisten von ihnen jünger als 15 Jahre waren.

Chaituram Nareti, ein 16-jähriger Junge, konnte der Polizei damals entkommen, weil er zum Zeitpunkt des Übergriffs nicht im Lager war. "Meine Bosse haben mich in das nächste Dorf geschickt, um noch mehr junge Leute für die Ausbildung zu rekrutieren", sagte er später der Presse.

Chaituram und die anderen Jungen und Mädchen aus dem Camp sind Soldaten. So, wie etwa 3000 andere Kinder in Indien. Das besagt ein neuer Bericht der Menschenrechtsorganisation Asian Centre for Human Rights, die ihren Sitz in Neu-Delhi hat. Die Organisation verfolgt seit Jahren das Schicksal der jungen Kämpfer im Land.

Die Regierung weiß angeblich von nichts

"2006 waren wir die ersten, die die Rekrutierung von Kindersoldaten aufgedeckt haben", so Suhas Chakma, Direktor des Asian Centre for Human Rights zu SPIEGEL ONLINE. "Wir haben den Regierungschef des Bundesstaats Chhattisgarh dabei gefilmt, wie er Waffen an Kinder verteilt hat."

Die Zahl der Kindersoldaten, die Chakmas Organisation jetzt veröffentlicht hat, ist eine Schätzung, entstanden in jahrelanger Arbeit. Für die Studie hat die NGO Gespräche mit Aussteigern geführt, Daten im Feld gesammelt und mit Journalisten kooperiert.

Doch wenn es nach der indischen Regierung geht, dürfte es die Geschichten von Chaituram und seinen jugendlichen Mitstreitern in den Abhujmarh-Wäldern gar nicht geben. Denn Kindersoldaten, so lautet noch immer die offizielle Stellungnahme der Regierung, existieren in Indien nicht.

Dabei mutet die Logik, die hinter dieser Aussage steckt, absurd an. In einem Bericht des Familien- und Entwicklungsministeriums aus dem Jahr 2011 wird die Nicht-Existenz von Kindersoldaten so erklärt: "In Indien gibt es weder internationale noch nicht-internationale bewaffnete Konflikte." Und, so der Bericht sinngemäß weiter, wo kein bewaffneter Konflikt, da auch keine Kindersoldaten.

Kinder kämpfen vor allem in maoistischen Rebellengruppen

Die Stellungnahme wirkt umso absurder, wenn man Berichte des Verteidigungs- und des Innenministeriums liest. Dort wird nämlich durchaus von kriegerischen Auseinandersetzungen im Land gesprochen. 2012 standen 35 Gruppen auf der schwarzen Liste der Regierung, weil sie als Terrororganisationen gelten. In den Berichten steht auch, dass derzeit in 197 von 640 Provinzen in Indien gekämpft wird.

Laut dem neuen Menschenrechtsbericht dienen Kindersoldaten vor allem bei maoistischen Rebellengruppen. Aber auch in Kaschmir und Teilen des indischen Nordostens werden Kinder von separatistischen Gruppen entführt, die sich seit Jahrzehnten mit der indischen Regierung bekriegen. In diesen ewigen Konflikten brauchen Rebellen jede Unterstützung, die sie kriegen können. "Deshalb muss in bestimmten Gegenden im Osten Indiens jede Familie ein Kind an die Rebellen abgeben", sagt Chakma. Gelegentlich schließen sich die Kinder kämpfenden Gruppen auch selbst an, um die Familie zu versorgen, wenn etwa der Vater gestorben ist.

Die Rollen, die Kindersoldaten in ihren Einheiten einnehmen, variieren. Kleine Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren fangen meist als Spitzel und Kuriere an. Darüber hinaus lernen sie, wie man mit einem Gewehr umgeht und erhalten eine militärische Grundausbildung. Ältere Kinder werden dann als Kämpfer eingesetzt. Sie müssen Landminen und Bomben legen, Informationen sammeln und Wache halten. Dabei wird zwischen Mädchen und Jungen in den meisten Gruppen kein Unterschied gemacht.

Den neuen Bericht muss jetzt die Uno bewerten

Doch nicht nur Rebellengruppen rekrutieren Kinder für den Umgang mit der Waffe. Die Regierung der Provinz Chhattisgarh setzt ganz offiziell sogenannte balarakshaks - Kinderpolizisten - ein. Nach eigenen Angaben sind derzeit etwa 300 Kinderpolizisten in der Region im Einsatz - obwohl das in Indien verboten ist.

"Das Verhalten der indischen Regierung ist peinlich", sagt Chakma, "sie wollen das Problem nicht anerkennen, weil sie keinen internationalen Beobachter im Land haben wollen." Dabei hat Indien 2005 das Uno-Protokoll ratifiziert, das den Einsatz von Kindersoldaten ächtet.

Jüngst hat Chakma den neuen Bericht an das Uno-Gremium weitergeleitet, das die Umsetzung der Kinderrechtskonvention überwacht. Wie die Vereinten Nationen die Informationen bewerten, sowohl die des Familien- und Entwicklungshilfeministeriums als auch des Asian Centre for Human Rights, wird Anfang Oktober bekanntgegeben.

Wenn die Staatengemeinschaft zu dem Schluss kommen sollte, dass in Indien Kindersoldaten kämpfen, könnte das Land auf eine entsprechende Liste des Sicherheitsrats kommen - zusammen mit Staaten wie Kongo, Somalia und Nepal. Doch mehr als diplomatischen Druck üben die Vereinten Nationen nicht aus. Ob die Regierung handeln will, muss sie letztlich selbst entscheiden.

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