Kosten für Klimaschutz Indien nimmt den reichen Westen in die Pflicht

Indien wandelt sich vom Klimasünder zum grünen Pionier. Aber wer trägt die Kosten? Vor dem Uno-Gipfel lässt Premier Modi durchblicken: Wenn die alte Industriewelt mehr Klimaschutz will, muss sie bezahlen.

Indiens Premier Modi: "Manche Industrieländer versuchen, die kleinste historische Verantwortung abzuschütteln"
Sam Panthaky/ AFP

Indiens Premier Modi: "Manche Industrieländer versuchen, die kleinste historische Verantwortung abzuschütteln"

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Der September in Indien verläuft bislang ruhig, soll heißen: ohne Desaster. Wenn es dabei bleibt, wäre es der erste Monat ohne größere Naturkatastrophe in diesem Jahr.

Im Februar brannten im Süden die Wälder im Bandipur Nationalpark, im Mai zog der Zyklon Fani über die Ostküste hinweg. Während einer Hitzewelle im Juni stiegen die Temperaturen in Rajasthan auf nie dagewesene 50,8 Grad Celsius. Die Stadt Mumbai wurde im Juli von den schlimmsten Überflutungen in diesem Jahrzehnt heimgesucht. Gleichzeitig drohte die Millionenmetropole Chennai auszutrocknen; die Menschen hofften sehnsüchtig auf den Monsun. Als der Regen endlich kam, fiel er in Strömen. Zu viel Wasser prasselte in zu kurzer Zeit herab: Schon im August wurde der Bundesstaat Karnataka überschwemmt, im Distrikt Kodagu, den Kaffeeplantagen des Landes, verschwanden ganze Häuser unter Erdrutschen.

Klimawandel extrem: Trockenheit im Juni 2019 nahe der südindischen Metropole Chennai
Arun Sankar/ AFP

Klimawandel extrem: Trockenheit im Juni 2019 nahe der südindischen Metropole Chennai

Solche extremen Wetterereignisse sind in Indien häufiger und heftiger geworden, heißt es beim Meteorologischen Institut Indiens. Und wahrscheinlich wird es bald noch mehr davon geben.

Kein Staat ist gegen die Folgen des Klimawandels immun, aber Indien ist besonders verwundbar. Es ist in großen Teilen noch immer ein armes Land. Es hat lang gestreckte Küstenregionen, und die Bauern im Inland sind von der Pünktlichkeit des Monsuns abhängig. Stürme, steigende Meeresspiegel, Dürren, Überschwemmungen - alles, was der Klimawandel bereithält, wird sich hier abspielen. Und wird auf Menschen treffen, die sich kaum schützen können.

Indiens Energieverbrauch wird sich verdoppeln

Nur wenige Länder werden unter dem Klimawandel so leiden wie Indien. Zugleich gehört Indien aber auch zu den wenigen Ländern, die großen Anteil daran haben könnten, das Schlimmste noch zu verhindern.

Im vergangenen Jahr stiegen die weltweiten CO2-Emissionen um 2,1 Prozent - der Anstieg geht vor allem auf den Kohlehunger in China und in Indien zurück. Das Land ist der drittgrößte Klimasünder nach den USA und China, auch wenn sein Pro-Kopf-Ausstoß gering ist. Dabei wird es nicht bleiben: Indien ist eine schnell wachsende Volkswirtschaft. Hier leben Millionen Menschen, die sich demnächst Wohlstandsgüter leisten können werden: einen Kühlschrank, eine Klimaanlage, ein Auto. Der Energieverbrauch auf dem Subkontinent wird sich binnen der nächsten zwei Jahrzehnte mindestens verdoppeln.

Immer wieder Überflutungen: Hindus beten im Hochwasser des Ganges
Kumar Singh/ AP/ DPA

Immer wieder Überflutungen: Hindus beten im Hochwasser des Ganges

Wenn Premier Narendra Modi kommende Woche beim Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York spricht, wird er seine International Coalition for Disaster Resilient Infrastructure vorstellen - eine Plattform, auf der sich die Staaten der Welt zusammenschließen sollen, um Infrastrukturen zu liefern, die beständiger gegen Naturkatastrophen sind. Dass Indien sich neue, strengere Ziele verordnen wird als im Pariser Abkommen verankert, ist äußerst unwahrscheinlich. Uno-Generalsekretär António Guterres möchte die Teilnehmer bei dem Treffen zu "mehr Ehrgeiz" drängen. Aber darauf wird sich Modi kaum einlassen - wie ein Bericht des indischen Finanzministeriums nahelegt, der diese Woche veröffentlicht wurde.

Indien sieht sich nicht verantwortlich für die globalen Emissionen

Daraus geht hervor, dass Indien seine Wirtschaftsleistung innerhalb der nächsten fünf Jahre verdoppeln will. Es muss dafür Straßen bauen, Häuser und Fabriken. Neue Verpflichtungen zum Klimaschutz sollen dem Fortschritt möglichst nicht im Wege stehen, zumal das Wirtschaftswachstum zuletzt deutlich abgenommen hat. Stattdessen weist der Bericht auf die Kosten der nötigen Anpassungen hin und erinnert an die Versprechen der Industrieländer: Diese hätten sich verpflichtet, ab 2020 jedes Jahr 100 Milliarden Dollar für den Klimaschutz in ärmeren Ländern bereitzustellen. Und darauf bestehe man nun.

Denn Indien mag seine Verantwortung als zweitbevölkerungsreichstes Land der Welt zwar anerkennen, aber es sieht bei sich selbst keine Schuld: Trotz seiner Größe war es im vergangenen Jahr nur für fünf Prozent der globalen Emissionen verantwortlich, über die Zeit betrachtet sind es sogar nur drei Prozent (die USA und die EU sind für fast die Hälfte aller jemals ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich). "Manche Industrieländer versuchen, auch noch die kleinste historische Verantwortung abzuschütteln", heißt es in dem Bericht.

Wochenlange Dürre: Kinder beim Wasserholen in Shahapur, südwestlich von Mumbai
Indranil Mukherjee/ AFP

Wochenlange Dürre: Kinder beim Wasserholen in Shahapur, südwestlich von Mumbai

Wer ihn liest, dem wird klar: Indien wird weiter an Kohlekraft festhalten. Es sei denn, diejenigen, die lange und reichlich davon profitiert haben, die Luft zu verpesten, bezahlen dafür, dass es sich klimaneutraleren Energien zuwendet.

Das war immer schon Indiens Verhandlungsstandpunkt, dafür wurde das Land oft kritisiert. Aber von dieser Kritik wird nächste Woche wohl weniger zu hören sein, denn Premier Modi kann auch eine ganze Reihe von Erfolgen vorweisen.

  • Indien hat 2018 seine Stromerzeugungskapazität um 16,3 Gigawatt ausgebaut. 70 Prozent davon entfielen auf erneuerbare Energien, rund 27 Prozent auf Kohle. Schon in drei Jahren soll die Stromerzeugungskapazität aus regenerativen Quellen auf 227 Gigawatt gesteigert werden, das käme einer Verdopplung gleich (Auch wenn Experten anzweifeln, dass dieses Ziel so schnell erreicht werden kann). Derzeit macht Kohle noch 54 Prozent der Kapazität aus (erneuerbare Energien: 35 Prozent, sonstige: 9 Prozent). Bis 2030 soll sie auf 40 Prozent fallen.

  • Im Oktober findet in Neu-Delhi der zweite Gipfel der International Solar Alliance statt. Gemeinsam mit Frankreich hat Indien zwei Milliarden Dollar Hilfsgelder für Entwicklungsländer zugesagt.

  • Indiens Energieeffizienz ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, auch dank Initiativen wie dieser: Das staatliche Unternehmen EESL hat 300 Millionen LED-Lampen verkauft, einen Gewinn von zehn Millionen Euro eingefahren und damit geholfen, 30 Millionen Tonnen Treibhausgase einzusparen - ganz ohne staatliche Subventionen.

  • Im vergangenen Jahr wurde in Indien zum ersten Mal mehr Geld in erneuerbare Energien investiert als in fossile.

  • Indien wird laut dem Forschungskonsortium Climate Action Tracker seine im Pariser Klimaabkommen selbst gesteckten Ziele erreichen - und zwar vor Ablauf der Frist. Die USA, China und Deutschland werden ihre Ziele wohl verfehlen.

Indiens Emissionen werden weiter - und wahrscheinlich noch für viele Jahre - rapide ansteigen. Aber gerade im Vergleich mit anderen großen Volkswirtschaften ist der Klimasünder Indien zurzeit ein grüner Pionier.

insgesamt 79 Beiträge
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Bondurant 20.09.2019
1. Man sollte also
demnach Wer ihn liest, dem wird klar: Indien wird weiter an Kohlekraft festhalten. Es sei denn, diejenigen, die lange und reichlich davon profitiert haben, die Luft zu verpesten, bezahlen dafür, dass es sich klimaneutraleren Energien zuwendet. nicht die heimischen Kohlekraftwerke abschalten, sondern die indischen gar nicht erst entstehen lassen. Da ist das Geld besser angelegt.
tomquixote 20.09.2019
2. Wieviel …
von dem seit 1800 via Kohle und Erdöl ausgestoßenen CO2 ist heute noch in unserer Atmosphäre enthalten?
pauerkraut 20.09.2019
3. Unverschaemt
Welch eine Unverfrorenheit. 1. In Indien leben heute einige der reichsten Männer in der Welt. 2. Indien ist kein Entwicklung Land mehr; allerdings vernachlässigen sie SELBST das extrem sozial Ungleichgewicht. 3 Indiens Stahl Industrie- durchaus bedeutend auf dem Weltmarrtk- wird betrieben von DreckSchleudern, die gigantisch zur Luftverpestung beitragen.4. Das erlaubt denen einen staeken Preis-und Produktions Vorteil auf dem Weltmarkt. 5. Dagegen muss die europäische und auch die amerikanische Stahlindustrie ankaempfen. 6. Auch das sind gewichtige Gründe, warum wir immer weniger Stahl produzieren, das haben uns Indien - und noch viel mehr China- mit diesen ungleichen und unfairen Mitteln abgenommen.
RioTokio 20.09.2019
4.
Indiens Energieverbrauch wächst rapide. Obwohl z.B. kaum Energie zum Heizen erforderlich ist. Kohle- und Atomkraftwerke werden dafür gebaut. Der Energieverbrauch wächst auch deshalb, weil die Bevölkerung stark wächst. Ein Hauptproblem auf diesem Planeten, das aber kaum diskutiert wird. Wie das kleine Europa mit seinen schwächelnden Nationen den Indern finanziell helfen soll, bleibt fraglich. Woher soll das Geld denn kommen, aus Deutschland?
Badonkadonks 20.09.2019
5. Mag zum Teil sicher richtig sein, ...
aber wer Atomraketen hat und seinen eigenen Raumfahrtambitionen verfolgt, hat auch selbst zuviel Geld. Außerdem ist es für die Klimabilanz vollkommen schnurz, wer wie viel Schuld hat.
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