Indien und China Alte Feinde, neue Freunde

Indien ist es bislang nicht gelungen, sich als asiatische Großmacht neben dem übermächtigen Konkurrenten und einstigen militärischen Gegner China zu etablieren. Aber Delhis neue Freundschaft mit den USA und die strategisch günstige Lage Indiens lässt die roten Machthaber aufhorchen.

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Hamburg - Edward Chiu weiß, wie weit zwei Länder auseinander liegen können, die sich doch eigentlich so nah sind. Chiu ist chinesischer Inder. Im Herzen Neu-Delhis, am Connaught Place, stellt der 30-Jährige in dritter Generation weltweit begehrte Polo- und Reitstiefel her. "In erster Linie fühle ich mich als Inder, aber natürlich bin ich auch Chinese", sagt Chiu, der in seiner Familie mit den Sprachen Hindi und Mandarin aufgewachsen ist.

US-Präsident Bush, Indiens Premier Singh: "Enge und qualitativ neue Beziehung zwischen den beiden größten Demokratien der Welt"
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Chiu ist ein Exot. In dem 1,2-Milliarden-Einwohner-Land Indien leben schätzungsweise nur 10.000 Chinesen, obwohl Indien und China Nachbarn sind. Verschwindend klein ist umgekehrt auch die indische Gemeinschaft in China. Chiu wundert sich, dass die Menschen trotz geografischer Nähe kaum etwas voneinander wissen.

Während die Bevölkerungen Vorurteile pflegen, zeichnet sich auf politischer Ebene eine Annäherung ab: Die Töne aus der Hauptstadt Neu-Delhi deuten darauf hin, dass aus dem militärischen Feind und wirtschaftlichen Konkurrenten ein Mitstreiter im Kampf um Weltmarktanteile und um mehr militärisches Gewicht für Asien werden soll. Zusammen arbeitet man daran, in die Riege der Wohlstandsländer aufzusteigen. Chinas Premier Wen Jiabao vereinbarte im vergangenen Jahr mit der indischen Führung, den gemeinsamen Handel bis 2008 von derzeit 13 Milliarden auf 20 Milliarden US-Dollar zu steigern.

Dazu sollen länderübergreifende Unternehmen und mehr Straßen-, Bahn- und Flugverbindungen zwischen beiden Staaten geschaffen und die Zusammenarbeit "bei der Erschließung und Nutzung von Öl- und Gasressourcen in Drittländern" verstärkt werden, heißt es in einer Absichtserklärung. Setzen die neuen asiatischen Freunde ihre Pläne erfolgreich um, dürfte das europäische und US-amerikanische Staunen über die Partnerschaft beider Länder in Angst umschlagen - vor allem, wenn die gelegentlich bemühte Idee eines gemeinsamen sino-indischen Binnenmarktes nach EU-Vorbild Realität werden sollte. Dann entstünde die weltgrößte Wirtschaftseinheit mit etwa 2,5 Milliarden Konsumenten, einem Drittel der Menschheit.

Krieg 1962 bildete den Tiefpunkt

Es wäre der Beginn einer neuen Ära. Noch 1962 führten die beiden asiatischen Giganten, nach Beginn des Kalten Krieges zunächst in ihrer antiimperialistischen Haltung verbrüdert, einen Krieg gegeneinander. China hatte still und heimlich den Grenzverlauf zum südlichen Nachbarn zum eigenen Vorteil verändert und das spärlich besiedelte indische Gebiet Aksai-Chin besetzt. Indien reagierte militärisch - und wurde gedemütigt. Es war der Tiefpunkt in der Beziehung der beiden Nachbarn. Seither ist die Grenzfrage nicht abschließend geregelt worden.

Eine neue Eiszeit drohte im Mai 1998, als Indien fünf Atombomben zu Testzwecken zündete. Unmittelbar danach behauptete der damalige indische Verteidigungsminister George Fernandes: "China ist Indiens potentieller Feind Nummer eins." Dennoch sah sich Pakistan, das gegen Indien seit der Unabhängigkeit von der britischen Krone und der Teilung des Subkontinents 1947 drei Kriege geführt hatte, als Adressat dieser aggressiven Botschaft und reagierte seinerseits mit Nuklearsprengungen.

Die Empörung in Peking über die Atomtests kühlte ab, als man feststellte, dass die weltweite Interpretation des Schlagabtauschs sich auf den Konflikt Indien-Pakistan konzentrierte. Fernandes' Aussage wurde als Ausrutscher abgetan.

Peking registrierte mit Argusaugen den Aufstieg Indiens zur von allen Seiten umworbenen Regionalmacht - und startete ebenfalls Annäherungsversuche. Die Sowjetunion und später Russland belieferten aus einem alten Misstrauen gegenüber dem roten Riesen heraus schon immer Indien mit den moderneren Waffen als China. Und Japan pflegt aus seiner Rolle als chinesischer Erzfeind heraus traditionell freundschaftliche Beziehungen zu Indien; Neu-Delhi und Tokio unterstützen sich gegenseitig in ihrem Bemühen um einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen.

US-indische Visionen

Aber vor allem die wachsende Begeisterung Washingtons für den asiatischen Subkontinent seit ein paar Jahren stößt bei der Kommunistischen Partei im Reich der Mitte auf Unbehagen. Bill Clinton besuchte im Frühjahr 2000 als erster US-Präsident seit 1978 Indien und wärmte die amerikanisch-indische Freundschaft auf. Gemeinsam mit Vajpayee unterschrieb er ein "Visionspapier", wonach eine "enge und qualitativ neue Beziehung zwischen den beiden größten Demokratien der Welt" geschaffen werden sollte. "In vieler Hinsicht wird der Charakter des 21. Jahrhunderts vom Erfolg unserer Zusammenarbeit für Frieden, Wohlstand, Demokratie und Freiheit abhängen", heißt es darin - eine Vision, die die Kommunisten zwischen Ürümqi und Shanghai, zwischen Harbin, Peking und Kunming gerne verhindern würden.

Sie erstaunt, dass die USA anders als beispielsweise in den Fällen Iran und Nordkorea über den indischen Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag und andere internationale Regeln im Jahr 1998 hinwegsehen. Dass US-Präsident George W. Bush Neu-Delhi gestern Waffenverkäufe zusicherte und auch noch Zusammenarbeit bei der zivilen Nutzung der Atomenergie in Aussicht stellte, befreit Indien vom Ruf eines atomaren Paria-Staates. Bush setzt den Kurs fort, den Clinton eingeschlagen hatte.

Denn seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat das einst blockfreie Indien für die USA als Verbündeter an Bedeutung gewonnen. Gemeinsam mit Premier Manmohan Singh bekräftigte Bush vergangenen Sommer in Washington, "die Beziehungen der beiden Länder zu einer globalen Partnerschaft zu entwickeln". Es gehe um die "Förderung von Stabilität, Demokratie, Wohlstand und Frieden auf der ganzen Welt". Indien sei ein "verantwortungsbewusster Staat mit fortgeschrittener Nukleartechnologie".

Singh lobte Bush im Gegenzug während seines Washington-Besuches im Juli wegen dessen "Entschlossenheit und Führung im Kampf gegen die Herausforderungen des internationalen Terrorismus" und betonte gemeinsame Werte wie die "Offenheit unserer Gesellschaften und Wirtschaften".

Leise anti-chinesische Töne

In China hört man die leisen anti-chinesischen Töne, die in diesem US-indischen Konzert erklingen, sehr wohl. "Vor allem die US-Politik hat zweifelsohne auch Komponenten, die gegen China gerichtet sind", sagte Kay Möller von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin kürzlich. "Die dramatische Annäherung zwischen den USA und Indien kommt einer Allianz nahe." Zudem werde die Stationierung von US-Truppen in Zentralasien, in Japan, Afghanistan und Pakistan als Umzingelung verstanden.

In Indien schaut man gleichwohl neidisch auf die nach wie vor atemberaubende Entwicklung Chinas. Während die eigene Wirtschaft um 7,5 Prozent jährlich wächst, legt China beachtliche neun Prozent im Schnitt zu. Supermoderne Vorzeigestädte wie Shanghai sucht man im Land des Monsuns vergeblich. Auslandsinvestoren tun sich mit Indien immer noch schwerer als mit dem nördlichen Nachbarn, ebenso Politiker: Ex-Kanzler Gerhard Schröder stattete China in seiner Amtszeit sechsmal, Indien lediglich zweimal einen Besuch ab. Und für China riskierte er sogar die Zustimmung in der Heimat, als er im vergangenen Frühjahr die Aufhebung des EU-Waffenembargos forderte. In Indien wurde das sehr genau registriert.

G. P. Deshpande, Professor für Internationale Politik an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi, glaubt zu wissen, dass Indien trotzdem im Vorteil ist: "China hatte nie eine demokratische Tradition, die dortige Politik war stets autoritär und schon in der Geschichte zentralistisch", schreibt er in einem Aufsatz. Die Diktatur Maos habe das Land um Jahrzehnte in der Entwicklung zurückgeworfen. Deshpande, einer der bekanntesten Sinologen Indiens, betont aber auch die Gemeinsamkeiten: "Indien und China sind zwei große Länder, zwei sehr alte Länder, zudem Nachbarn und die zwei bevölkerungsreichsten Staaten der Welt. Die Liste der Gemeinsamkeiten könnte man fortsetzen."

Weniger gebildete Inder sprechen lieber ausschließlich über die Unterschiede und bringen diese gerne kernig auf den Punkt: "Chinesen fressen alles, was sich bewegt", sagt Hanendra Paswam, Rikschafahrer in Neu-Delhi, stolz auf die überwiegend vegetarische indische Küche. Auch weiß er um die große Zahl der vollstreckten Todesurteile in China: "Sie haben die Todesstrafe und bringen Menschen um wie Fliegen." Was Paswam am meisten stört, ist, "dass die keine richtige Religion haben". "Wer nur ans Geldmachen glaubt, kann doch kein guter Mensch sein."

Neidvoller Blick von Neu-Delhi nach Peking

Ans Geldverdienen denken auch die Inder, nur sind sie darin bei weitem nicht so erfolgreich. Viele Jahre vertraute man darauf, man werde gegen China gewiss bestehen - militärisch, weil nach der Niederlage 1962 kräftig aufgerüstet wurde, wirtschaftlich, schon weil jeder Inder besser Englisch spreche als die Chinesen, und politisch als "größte Demokratie der Welt" sowieso. Als Anfang der 90er Jahre der chinesische Aufschwung begann, rieb man sich in Indien verwundert die Augen. Da kam die Öffnung des indischen Marktes für den Welthandel zu spät, um mit dem vermeintlich viel schlechter positionierten Nachbarn mithalten zu können.

"Wenn China erwacht, wird die Welt erzittern", soll der französische Kaiser Napoleon Bonaparte vor rund 200 Jahren gesagt haben. Stiefelmacher Edward Chiu hat davon gelesen. "Napoleon hat nicht geahnt, was mal aus Indien wird", sagt er. "China und Indien werden gemeinsam erwachen, und wer weiß, vielleicht im selben Bett."



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