Indien und Pakistan Der ehemalige Erzfeind hält sich zurück

Indien kritisiert Pakistans Präsidenten Musharraf derzeit lieber nicht. Die Regierung in Neu-Delhi will die mühsam verbesserten Beziehungen zum Ex-Erzfeind nicht gefährden - außerdem fürchtet man, dass nach Musharaf alles noch viel schlimmer kommen könnte.

Von , Neu-Delhi


Neu-Delhi - Die indische Presse ist deutlicher als die Regierung Indiens: Sie berichtet seit Ausrufung des Notstands am Samstag durch Militärdiktator Pervez Musharraf täglich und ausführlich auf ihren Titelseiten über das Thema. Viele Zeitungen widmen den Vorgängen im Nachbarland Sonderseiten und kritisieren Musharraf. Landesweit zeigen Zeitungen Bilder von Anwälten, die von pakistanischen Sicherheitskräften mit Stöcken verprügelt werden, und berichten von mehreren Hundert Verhaftungen von Regierungskritikern.

Indiens Premier Singh: Zurückhaltend mit Kritik
AFP

Indiens Premier Singh: Zurückhaltend mit Kritik

Die überregionale Zeitung "The Hindu" veröffentlicht heute ein Interview mit Pakistans Ex-Premier Nawaz Sharif, den Musharraf 1999 gestürzt und ein Jahr später ins Exil verbannt hatte. Der Politiker kündigt darin an: "Der Widerstand gegen Musharrafs Schritt wird wachsen, er wird in den kommenden Tagen zunehmen. Denn diese Art von rücksichtslosem Vorgehen kann in unserer Zivilgesellschaft niemals akzeptabel sein."

Die "Hindustan Times" berichtet, dass die Mobilfunknetze in Islamabad heute abgeschaltet wurden, als der von Musharraf entlassene Oberste Richter Iftikhar Muhammad Chaudhry gerade dabei war, demonstrierenden Anwälten über sein Handy Anweisungen zu geben. In der "Times of India", Indiens dritten großen Tageszeitung, fordert Rana Bhagwandas die USA auf, für demokratische Werte auf der ganzen Welt einzutreten. Bhagwandas ist einer der sieben Obersten Richter Pakistans und steht derzeit unter Hausarrest. Pakistan, sagt er, dürfe bei den Demokratisierungsbemühungen Washingtons keine Ausnahme sein. Zugleich berichtet die Zeitung über wachsenden Druck der USA gegen das Regime von Musharraf. Der indische Nachrichtensender NDTV kritisiert jedoch, die USA gingen in ihrer Kritik gegen Pakistan nicht weit genug.

"Wir bedauern die schwierigen Zeiten für Pakistan"

Zögerlicher noch als die Presse äußert sich die Regierung in Neu-Delhi zu den Vorgängen in Pakistan. In dieser Zurückhaltung spiegelt sich das schwierige Verhältnis Indiens zu seinem atomar bewaffneten Erzrivalen wider. "Wir bedauern die schwierigen Zeiten, durch die Pakistan geht", sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Neu-Delhi. "Wir glauben aber daran, dass die Normalität schon bald zurückkehren wird." Premierminister Manmohan Singh habe sich mit Außenminister Pranab Mukherjee getroffen, um die Lage in Pakistan zu besprechen, heißt es.

Die indische Regierung rang sich erst zu einer öffentlichen Erklärung durch, nachdem die USA die Verhängung des Notstandes durch Musharraf verurteilt hatten. Außenminister Mukherjee sagte heute in Neu-Delhi: "Wir hoffen, dass in Pakistan der Demokratisierungsprozess einsetzt und dass das pakistanische Volk die Möglichkeit erhält, eine Regierung zu bekommen, wie sie ihr durch die Verfassung zusteht." Indien möchte "Frieden, Stabilität, Entwicklung und Wohlstand" in Pakistan.

"Die indische Regierung verhält sich sehr zurückhaltend", kritisiert dagegen Mujibur Rehman, Politikwissenschaftler an der Universität Neu-Delhi. "Denn sie ist sich der Tatsache bewusst, dass Musharraf nach wie vor Pakistan kontrolliert, da er die Armee hinter sich hat", sagte er SPIEGEL ONLINE. Indien halte zu Musharraf, denn niemand wisse, ob nach einem Sturz des Militärmachthabers nicht noch weitaus Schlimmeres drohe. "Indien fürchtet den steigenden Einfluss islamischer Extremisten im Nordwesten Pakistans. Daher hat sich die Regierung entschieden, der Verhängung des Notstandes weniger offen zu kritisieren, als sie es sollte."

Gespaltene Haltung Neu-Delhis gegenüber Musharraf

Dabei steht Indien dem Diktator Musharraf zutiefst gespalten gegenüber. Denn der pakistanische Präsidenten-General war bereits Befehlshaber der Armee, als Pakistan Indien 1999 in verlustreiche Kämpfe um das Kargil-Gebiet zwang. Bei einer waghalsigen Hochgebirgsschlacht in der Nähe der Stadt Kargil in Kaschmir kamen Hunderte indischer Soldaten ums Leben, als pakistanische Einheiten und Paramilitärs versuchten, die Region einzunehmen. Die Auseinandersetzung brachte die beiden Atommächte Indien und Pakistan an den Rand eines nuklearen Schlagabtausches. Pakistans damaliger Premier Nawaz Sharif, den Musharraf noch im selben Jahr aus dem Amt putschte, versichert seitdem, er habe von dem geplanten Krieg nichts gewusst. Sein Armeechef und Oberster General Musharraf habe Indien in Eigenregie angegriffen.

Zwei Jahre später führte ein weiterer Vorfall beinahe zu einer verheerenden Eskalation zwischen den beiden Atommächten. Im Dezember 2001 versuchten islamische Extremisten, das Parlament in Neu-Delhi zu stürmen. An der Aktion waren mutmaßliche Anhänger militanter Gruppen beteiligt, die in Pakistan Ausbildungslager unterhielten und vom pakistanischen Staat unterstützt wurden.

Beide Staaten ließen daraufhin entlang der gemeinsamen Grenze Hunderttausende von Soldaten aufmarschieren. Erneut standen Indien und Pakistan kurz vor einem Atomkrieg. Musharraf, der sich inzwischen zum Präsidenten seines Landes erklärt hatte, blieb stur: Grundsätzlich unterstütze Pakistan keine Extremistengruppen, sondern "Freiheitskämpfer", die Hilfe durch die pakistanische Regierung sei daher legitim. In letzter Minute, vermutlich nur auf Druck aus Washington, gab Musharraf nach: Er verbot die Gruppen und ließ ihre Anführer medienwirksam festnehmen - um sie ein paar Wochen später wieder auf freien Fuß zu setzen.

Probleme mit Extremisten aus Pakistan

In den folgenden Jahren wandelte sich Musharraf, der inzwischen eine Allianz mit den USA im "Krieg gegen den Terror" eingegangen war, zum Friedenspolitiker. Ende 2003 setzte ein Prozess ein, in dessen Folge Indien und Pakistan einen offiziellen Waffenstillstand in Kaschmir verkündeten. Vor zwei Jahren reiste Musharraf zu einem Staatsbesuch nach Neu-Delhi. Zwar kamen sich die beiden Staaten in der wichtigsten Streitfrage, der Zukunft des geteilten Kaschmirs, kein Stück näher. Dennoch erklärten Musharraf und Indiens Premier Singh, der Friedensprozess sei "unumkehrbar". Eine Bus- und Zugverbindung zwischen Indien und Pakistan wurden eingerichtet, die Reisebeschränkungen zwischen beiden Ländern gelockert und Abkommen getroffen, wonach der Warenaustausch zunehmen soll.

Doch immer noch sickern bewaffnete Extremisten von der pakistanischen Seite in den indischen Teil Kaschmirs ein und liefern sich beinahe täglich Gefechte mit indischen Sicherheitskräften. Auch hinter den Bombenanschlägen in den Städten Hyderabad und Ajmer, die in den vergangenen Wochen Dutzende von Menschenleben kosteten, vermutet Indien die Drahtzieher in Pakistan.

Dennoch möchte sich Neu-Delhi in der gegenwärtigen Situation alle Optionen offen halten. "Pakistan ist in einer sehr schlechten Verfassung", sagt der Politologe Rehman. Daher will Indien jetzt nicht mit Kritik die mühevoll aufgebauten Beziehungen zu seinem schwierigen Nachbarn verschlechtern.



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