Unabhängigkeit Indiens und Pakistans Ausgelassene Feiern, verhärtete Fronten

70 Jahre nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft feiern Pakistan und Indien ihre Unabhängigkeit. Und machen klar: So bald werden sich die beiden verfeindeten Atommächte nicht wieder annähern.

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Atemberaubende Feuerwerke, riesige Nationalflaggen, eine Flugzeugshow: Am Montag feierte Pakistan 70 Jahre Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht, einen Tag später zelebrierte Indien das Jubiläum - jeweils mit eigenen Veranstaltungen. Denn der Jahrestag markiert auch die Aufteilung Britisch-Indiens in zwei unabhängige Staaten, die heute als Erzfeinde gelten: Seit 1947 steht das hinduistisch geprägte Indien auf der einen Seite, das vornehmlich muslimische Pakistan auf der anderen.

In den Jahrzehnten seit der Teilung haben sich immer wieder Phasen des Dialogs mit denen der Spannung abgelöst; drei Mal eskalierten die Konflikte bis hin zum Krieg. Wie feindlich sich die Nachbarstaaten heute noch begegnen, daran ließen die Regierungschefs der beiden Atommächte bei ihren Reden zu den aktuellen Feierlichkeiten keinen Zweifel.

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Jubiläum: Feuerwerk über Islamabad

Indiens Premier Narendra Modi betonte, man werde Terrorismus hart bekämpfen - eine indirekt an Pakistan adressierte Warnung, dem Indien die Unterstützung und Duldung von Terrororganisationen vorwirft. Sein pakistanischer Amtskollege Shahid Khaqqan Abbasi wurde direkter. Indien stehe einer konstruktiven Beziehung beider Staaten im Weg, sagte Abbasi. Eine Lösung der Konflikte sei so nicht zu erreichen.

Am meisten trägt der Streit um das Gebiet von Jammu und Kaschmir zum Unfrieden zwischen Pakistan und Indien bei. 1947 wurde ein Teil des mehrheitlich muslimischen Gebiets zur indischen Union gezählt; aus Sicht der Regierung in Islamabad ein illegitimer Vorgang. Bis heute beanspruchen sowohl Indien als auch Pakistan das gesamte Gebiet Kaschmirs für sich.

DER SPIEGEL

Dort tobt ein Guerillakampf von Gruppen, die entweder einen Anschluss an Pakistan oder die komplette Unabhängigkeit Kaschmirs fordern. Die indischen Sicherheitskräfte gehen hart gegen die Aufständischen vor. Seit Monaten werfen sich die beiden Staaten zudem vor, die Waffenruhe in der Region gebrochen zu haben. Indien beschuldigt zudem Pakistan, militante Islamisten zu ermutigen, indische Streitkräfte in Kaschmir und in Indien gezielt anzugreifen. Die pakistanische Regierung bestreitet das und fordert von Indien Verhandlungen über die Zukunft Kaschmirs.

Ein herber Rückschlag für das pakistanisch-indische Verhältnis waren zudem die Anschläge pakistanischer Extremisten in Mumbai 2008. Indien wirft der Regierung in Islamabad vor, Extremismus zumindest zu tolerieren und etwa in Afghanistan noch zu befördern. Bis zu den Anschlägen in New York vom 11. September 2001 gehörte Pakistan zu den wenigen Ländern, die diplomatische Beziehungen zur Taliban-Regierung in Afghanistan unterhielten.

Ein weiteres Ärgernis aus indischer Sicht: Pakistan hat mit China einen mächtigen Verbündeten, mit dem die Regierung in Neu Delhi ebenfalls Grenzstreitigkeiten austrägt. Die Volksrepublik ist wichtiger Wirtschaftspartner Islamabads und gilt als wichtigster Waffenlieferant Pakistans. Die Auswahl des Ehrengastes für die Unabhängigkeitsfeierlichkeiten in Pakistan hätte daher kaum provokanter ausfallen können: Der chinesische Vize-Premier Wang Yang reiste dafür eigens nach Islamabad.

Eine Umarmung, ein gemeinsamer Tee

Dabei sah es vor wenigen Jahren noch nach einer Annäherung zwischen Indien und Pakistan aus: Modi lud seinen damaligen pakistanischen Amtskollegen Nawaz Sharif zu seiner Amtseinführung ein. Im November 2015 gab es am Rande der Pariser Klimakonferenz einen Handschlag zwischen ihm und Sharif, der sein Amt vor wenigen Wochen wegen eines Korruptionsverdachts verlor. Im Dezember 2015 stattete Modi dem damaligen Regierungschef einen Kurzbesuch ab, sie umarmten sich und tranken gemeinsam Tee. Es war die erste Visite eines indischen Regierungschefs im Nachbarland seit elf Jahren. Man einigte sich darauf, an den Beziehungen zu arbeiten.

Modi, Sharif beim Kurzbesuch des indischen Premier
DPA/ PRESS INFORMATION BUREAU

Modi, Sharif beim Kurzbesuch des indischen Premier

Doch dieses Vorhaben ist gescheitert. Ein Grund dafür ist die Attacke auf ein indisches Armeelager im September 2016. Terroristen griffen das Lager mit Handgranaten an, 19 Soldaten starben. Elf Tage später zerstörten indische Einheiten Terrorcamps im pakistanischen Teil von Jammu und Kaschmir. Die Operation wurde als "surgical strike" bekannt - also ein angeblich hochpräziser Angriff ohne Kollateralschäden.

Der Militärschlag trug immens zur Popularität Modis bei. Auch seine Unabhängigkeits-Rede zeigt nun: Ein Premier, der hart gegen Pakistan vorgehen will, kann sich auch 70 Jahre nach der Teilung noch dem Wohlwollen der indischen Wähler sicher sein.

Mitarbeit: Laura Höflinger, Rainer Szimm

insgesamt 7 Beiträge
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opinio... 15.08.2017
1. das Erbe
des vergangenen British Empire. Es wird uns noch lange beschäftigen. Der Indien/Pakistan ist nicht der einzige. Der Nahe OSten ist voll davon! Und was machen die Briten? Brexit und von einem Anglo-Amrikanischen Empire träumen. Ein wichtiger Grund für Europa, die EU zu pflegen und zu stärken. EU heißt trotz aller Macken Frieden in Europa.
fatal.justice 16.08.2017
2. Dies...
... ist das beste Beispiel dafür, dass die Eigenschaft der "atomaren Möglichkeit" einen Konflikt zweier Parteien verhindern kann. Wenn dem nicht so wäre, wären Lahore, Islamabad und Karachi keine pakistanischen Städte mehr.
fatherted98 16.08.2017
3. ja genau...
Zitat von opinio...des vergangenen British Empire. Es wird uns noch lange beschäftigen. Der Indien/Pakistan ist nicht der einzige. Der Nahe OSten ist voll davon! Und was machen die Briten? Brexit und von einem Anglo-Amrikanischen Empire träumen. Ein wichtiger Grund für Europa, die EU zu pflegen und zu stärken. EU heißt trotz aller Macken Frieden in Europa.
....voll friedlich in Europa. Ukraine Krieg, ehemals Jugoslawien würde ohne Truppenpräsens sofort wieder im Krieg versinken, in Europa all überall Terror und Gewalt....total friedlich bei uns!
maniaci 16.08.2017
4. @fatherted98
Kommen Sie! Lesen Sie den Beitrag von "Opinio" nochmal. Dann erkennen Sie vielleicht doch noch den Bezug auf die EU. Daß es außerhalb dieser Gemeinschaft Bananenrepubliken gibt, streitet ja niemand ab. Manchmal hat man sogar den Eindruck, daß sich so manches jüngeres Mitglied dazu gesellen möchte...
Layer_8 16.08.2017
5. Indien - Pakistan
Meine bescheidenen Erfahrungen in beiden Ländern gehen in die Richtung, dass man in Indien die Pakistanis eher als Verrückte ("crazy") bezeichnet, während in Pakistan der Nachbarstaat immer noch als Erzfeind betrachtet wird ("Our Enemy"). Und das mit dem "surgical strike" 2016 scheint mir wirklich ein Akt der Selbstverteidigung gewesen zu sein, wenn Pakistan nicht mehr souverän in seinem gesamten Staatsgebiet agieren kann. Ich denke, dass Indien ganz gut mit dem Status Quo an der "Line of Control" leben kann, was die momentane Grenzziehung im Norden betrifft. Pakistan sieht das natürlich ganz anders.
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